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Rammsteinweihe. Ein Text von Peter Wawerzinek

🔥Rammstein live 2020: Tickets, Termine, Vorverkauf – FAQ

Jedes Jahr wieder begehe ich an einem Dezembertag meiner heimlichen Wahl Rammstein als meine ganz persönliche Weihe. Also: Keine Telefonate. Kein Campari. Kein Liebesgedicht. Nassrasur statt Trockenrasierer. Und nicht mit einem Zipfel des Hirns an gekochten Dorsch denken müssen. Ansonsten alles wie immer, nur eben etwas festlicher begangen. Das heißt, ich stehe an dem Tag nicht früher auf als sonst. Ich putze mir die Zähne wie stets zwei Minuten elektrisch. Dann halte ich meinen Kopf unter die Brause, trinke mit einem Handtuch um den Schädel am Küchentisch einen Kräutertee. Und blättere dabei in der Zeitung herum. Besonders schön ist es für mich, wenn mein Rammsteinfeiertag düster, aufgequollen oder voll nieselig beginnt. Bisher hat das immer geklappt. Ich weiß auch nicht, warum.

Ich feiere Rammstein nicht, in dem ich Musik von Rammstein höre, mir Fotos von denen und mir anschaue. Das ist mir alles viel zu kindisch. Damit habe ich echt so meine Schwierigkeiten. Ich kann an meinem Rammstein-Festtag absolut nicht in meinen gesammelten Fanartikeln herumwühlen, um mich Rammstein nahe zu fühlen. Ich lasse die Musikzeitschriften, wo sie sich unangerührt stapeln, trinke besser eine zweite Tasse Tee. Tja.

Und dann trete ich auf meinen winzigen Balkon und starre in den Dunst über Berlin, der von meinem Haus aus weit, hoch, nah, tief, toll anzusehen ist. Dunstiger als sonst wo in der Stadt, weiß ich. Ungefähr 21 Minuten beobachte ich ausgiebig, welche Leute aus dem Nebel unterhalb von mir hervor auftauchen, ein paar Schritte gehen und wieder abtauchen. Und dabei rauche ich etliche Zigaretten, dass mein Aschenbecher überläuft. Aber das tut er ausschließlich.

Ich verlasse den Balkon ohne Wehmut, lege mich lang ausgestreckt auf den Fußboden, die Hände unter den Kopf gelegt, der zuckrigen Momente zu gedenken, der wenigen schönen Morgenstunden und leicht angebratenen Abende, die mich mit Rammstein zeigten, als ich noch nicht BachmannPreisträger war und sie nicht Star. Und wir uns ach so zugetan gewesen sind. Als wir noch zusammen richtig jugendlichen Spaß miteinander hatten. Als wir ganz unschuldig in großen Berliner Zimmern hockten und zupften, trommelten, bliesen, tuteten, trötschten, trudelten, wogten, wagten, tasteten, klöppelten. Die Immatrikulation der Sinne. Die Gesellschaft der Glocken und Schlüsselerlebnisse. Das Genre der Lechzgeräusche und Jandlklänge. Musikstücke, die von der Wurzel aufwärts einen Laubbaum im Sommer malten.



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Der elfjährige Sohn hatte ein Gedicht geschrieben: „Da steht ein alter Baum/ In ihm ein hohler Raum/ Darinnen wohnt ein Specht/ Mir ist’s recht.“ Der Vater notiert: „Welch eine liebenswerte Haltung eines Elfjährigen in vier Zeilen.“ Werner Lindemann schreibt das in seinen Erinnerungen an die Zeit mit seinem Sohn, der im Buch Timm heißt, zu Beginn der 80er-Jahre in Mecklenburg; Tills Mutter lebte in Rostock. Werner Lindemann war ein Kinderbuchautor, der auf dem Land wohnte, sein 19-jähriger Sohn suchte bei ihm Zuflucht und arbeitete als Stellmacher in einem kleinen Provinzbetrieb. Der Sohn bleibt dem Vater fremd „Mike Oldfield im Schaukelstuhl“,…
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