Reeperbahn Festival 2012, Tag 3: „Too much, too much!“


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Irgendwann so um zehn halb elf hat man dann plötzlich diesen sägenden Ohrwurm von Bonaparte im Ohr, den die Band am Vorabend bei Ray Cokes zum Besten gegeben hatte. „Too much, too much, too much“ – ihr wisst schon. Es muss ungefähr an der Zehnmetermarke der Schlange vor dem Docks gewesen sein, als man in allen Gliedern fühlte, dass  es so langsam alles ein wenig zu viel ist. Zu viel Geschiebe auf der Reeperbahn, zu viele Menschen, die anscheinend exakt in dieselben Konzerte wie man selbst will, zu viel Ungeduld unter den wartenden und immer noch zu viel Programm an einem Abend. Dass man dann per Push-Nachricht vom Reeperbahn Counter die Info erhält, dass es keine Tickets mehr gäbe, hätte man sich fast denken können. Genauso fühlte es sich nämlich auch an, als man The Temper Trap und Cro im Docks verpassen musste, weil sich diese als erfolgreichste Publikummagnete entpuppt haben.

Dabei fing doch alles so gemütlich an: Um halb fünf fand man sich im Schmidt Theater ein, weil man inzwischen weiß, dass man bei Ray Cokes pünktlich zu sein hat. Der dritte und letzte Abend seiner Reeperbahn Revue war mal wieder formidabel besetzt und von Anfang bis Ende unterhaltsam. Jesus, der wie berichtet, schon am Vorabend im Publikum und später an der Bar auf der Bühne unter den Irdischen wandelte, durfte erneut seines Amtes walten und verweigerte schon wieder die Wein-zu-Wasser-Nummer. Erstaunlich, dass man diesen Gag auch noch einen zweiten Abend erfolgreich durchreiten konnte. Erster musikalischer Gast war der Kanadier Ben Caplan. Eine Erscheinung, die man nicht so schnell vergisst. Was zum einen an seinem Rauschebart liegt (für dessen Pflege er sich angeblich täglich Bananenmus hineinschmiert), zum anderen an seiner dunklen Stimme und zum dritten an seinem grandiosen Songwriting. Nach einem eher harmlosen Stück namens „Beautiful“  zeigte Caplan am Klavier „einen anderen Ansatz meines Songwritings“. Was folgte war das barseelige, bitterböse „Stranger“, das ungefähr so klingt… Ach, was soll man es hier verzweifelt beschreiben und mit kruden vergleichen wie „Nick Caves Murder Ballads auf Suff“ oder so kommen. So klang das:

Clock Opera erlebten im Anschluss ihr angeblich erstes Akustikset, das vor allem durch ihre Version von „Belongings“ recht eindrucksvoll geriet. Dann folgte Andy Burrows, den wir ja schon am Vortag erleben durften, der einen Jeden mit seinem Song „Hometown“ packte. Sehr lustig auch, wie Cokes im Anschluss gestand, dass er versucht hatte, Burrows bei einem Konzert in Belgien backstage zu besuchen, aber am Security-Menschen gescheitert war. Letzter Künstler im Bunde war dann King Charles, der – vom Hamburger Straßenverkehr aufgehalten – zehn Minuten vor Ende der Show ankam und direkt von der Tür auf die Bühne stolzierte. Wo er sich erst ein wenig sammeln musste, bevor er zum Beispiel seinen Song „Love Lust“ spielte. Der exzentrische Songwriter schaffte es dennoch, die Leute gehörig neugierig zu machen. So wunderte es nicht, dass es später auch im kleinen Molotow bisweilen schwer wurde, sich noch in sein reguläres Konzert zu quetschen. Wenigstens sah man, wenn man sonst nichts sah, noch seine Haarpracht unter der Bühnendecke wedeln.

Am frühen Abend dann ein kurzer Stopp auf dem Spielbudenplatz. Mehr denn je wurde das Festival in diesem Jahr auf die offenen Bühnen getragen. Ein durchaus schwerer Stand, da man als Künstler schnell in der riesigen Fläche und unter dem hohen Dach zu verschwinden droht. Und man muss natürlich gegen ein Publikum anspielen, in dem die Festivalbesucher nur einen kleinen Teil ausmachen. Das dänische Folk-Trio Boho Dancer hatte es da mit seinem bisweilen Björk-esken Folk recht schwer, schlug sich aber wacker. Sängerin und Gitarristin Ida Wenøe blendete die Kiezhänger, die laut redenden BVB-Fans und die etwas schläfrig schauenden Omis einfach aus und krallte sich den ein oder anderen mit ihrer sehr schönen Stimme.

Wie schon im vergangen Jahr machten wir dann zur Tagesschau-Zeit wieder einen Ausflug in den Kunsteil des Festivals. Unter dem Banner des Reeperbahn Arts Programms bot „A Wall Is A Screen“ wieder eine Tour durch die Straßen und Hinterhöfe rund um den Kiez an. Auf verschiedenen Wänden wird dabei ein ausgewähltes Kurzfilmprogramm gezeigt, das im weiteren Sinne den Kiez oder die Musik thematisiert. So zog man mit 50 bis 100 interessierten durch die Straßen und sah zum Beispiel eine historische NDR-Dokumentation über einen missglückten Einsatz der „Sonderkommission Wand & Farbe“ der Hamburger Polizei gegen einen Pro-PKK-Schriftzug in der Hafenstraße. Oder eine britische Dokumentation über das Trink- und Tanzverhalten der Hamburger Arbeiterklasse kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Gemischt mit ambitionierten Kunst-Kurzfilmen ergab das einen Programmpunkt, für den man dann gerne mal die ein oder andere Band ausfallen ließ.

Aber danach zog es einen dann doch wieder in die Clubs. Zum Beispiel ins Indra, wo es jedoch schwer war, sich auf die dort spielenden The Floor Is Made Of Lava zu konzentrieren. Der kleine Laden neben dem Grünspan platzte nämlich aus allen Nähten. Und leider hatten es einige Menschen im Geschiebe nicht so mit dem Verhaltenskodex des Festivals. Wenn es mal eng wird, ist das eben so, dann muss man sich halt mal aneinander vorbeikuscheln auf dem Weg zum Ein- und Ausgang – und nicht jedem sein Knie in die Seite drücken, weil man vom Gedrängel genervt ist. Vielleicht war dem Herren mit dem Knie jedoch einfach dieser Song zu sehr in den Kopf gestiegen…

Da ging man dann doch lieber ins Café Keese, wo unter der schon mal gelobten Diskokugeln und über den wohl feinsten Toileten auf dem Kiez erst die junge Künstlerin Foxes versuchte, live den Wirbel um ihre bei YouTube sehr geschätzten Songs „Youth“ und „White Coats“ zu rechtfertigen. Und das gelang ihr durchaus, was allerdings auch niemand anzweifelte. Ihre Kompositionen, die bisweilen an die wenigen fröhlichen Momente bei Bat For Lashes erinnern, bringt sie mit viel Leidenschaft und ein wenig Ausdruckstanz auf die Bühne. Wie das klingt, kann man hier erfahren – da gibt’s den Song „White Coats“ for free.

Clock Opera folgten an gleicher Stelle und präsentierten sich wieder einmal als überzeugende Live-Band. Was vor allem ihrer Experimentierlust auf der Bühne und dem Charisma von Sänger Guy Connelly geschuldet ist. Man konnte sich da nur schwer lösen, machte es dann aber doch, um den alten Helden von der John Spencer Blues Explosion die Ehre zu erweisen. Die können es immer noch, aber wer zweifelte auch schon daran. Für einen der schönsten Momente sorgte dann Olli Schulz in der Großen Freiheit. Zum einen war es schön, ihn mal wieder mit Band zu sehen, zum anderen waren seine Stories und Anekdoten selten so munter wie heute – und zum letzten, besorgte er mit einem geborgten Song einen perfekten Abendabschluss. Nach seinen Ausführungen, wie sehr er doch Oasis hasse, spielte er unverstärkt, in der Mitte des Publikums „Wonderwall“. Dafür machte er sich allerdings nur die Finger und nicht die Stimmbänder schmutzig – denn den Gesang übernahmen die Zuschauer.

Sehr schön war das, wobei „Don’t Look Back In Anger“ vielleicht noch besser gepasst hätte – so als Rausschmiss aus einem tollen Clubfestival, das einen mal wieder souverän mit seinem Überangebot erschlagen hat.