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Reeperbahn Festival 2013: ein eruptives Gitarrensolo unterhalb ihrer Brüste. Die Highlights


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Vom 25. bis 28. September fand auf Hamburgs berühmter Feiermeile das Reeperbahn-Festival statt. Es gilt als größtes Club-Festival Europas und bot auf engem, in Laufweite zu erreichendem Raum zahlreiche Konzerte von Musikern wie Eric Pfeil, Jeans Team, Efterklang und Willis Earl Beal.

In unserem Nachbericht haben wir einige unserer persönlichen Highlights zusammengefasst. 

Donnerstag:  Samthosen und „Professionalism“

Mit „Professionalism“ und unterhaltsamen Anekdoten begegnete der auch als Rolling-Stone-Autor bekannte Eric Pfeil dem etwas matschigen Sound zum Donnerstags-Auftaktkonzert in „Angie’s Nightclub“. Und sah man nicht auch auch etwas Lampenfieber über das Gesicht des Musikers huschen? Es wird wohl tatsächlich eines seiner ersten Live-Konzerte vor größerem Publikum gewesen sein, nur einen Tag vor dem Erscheinen seines Debüt-Albums „Ich hab mir nie viel aus dem Tag gemacht“ und eine knappe Woche vor Beginn der Deutschlandtournee. Viele Freunde waren anwesend, konnten die Refrains bereits mitsingen und auch bekannte Gesichter wie Die-Sterne-Sänger Frank Spilker waren im Publikum auszumachen. Entgegen seiner in einer Rolling-Stone-Kolumne kolportierten Abneigung ließ sich der Musiker von seinem Bandkollegen doch tatsächlich hin-und wieder eine neue Gitarre reichen. Ob das Musikmachen seine Art über Musik zu schreiben beeinflussen wird, lesen Sie sicher bald hier.

Viel zu weite schwarze Samthosen mit Rosendruck und altmodische Stiefel, die nach Kindheit am Rockzipfel von Trümmerfrauen aussahen, trug der Smith-Westerns-Sänger Cullen Omori zum Auftritt seiner Band im von der Schließung bedrohten Kellerclub „Molotow“. Wer so gut aussieht wie Omori, kann aber eh tragen was er will, und auch die musikalische Darbietung überzeugte. Energetisch und tight schossen die drei fast schon wieder vergessenen Newcomer durch ihr Set, als wären sie die Ramones.

Erst im Plattenladen „Michelle Records“, dann im St. Pauli Clubheim spielten die sympathisch irritiert dreinblickenden Zwillingsbrüder von Cayucas ihren rhythmischen Beach-Boys-Indie-Pop. Kein Wunder, stammt die Band doch aus Kalifornien, wo man übrigens immer punkten kann, wenn man das Wort „hella“ vor seine Adjektive setzt, wie Sänger Zach Yudin dem Publikum erklärte. Nur wenige Minuten nach dem Auftritt  war der sonnige Sound dann aber schnell wieder ausgebleicht bis vergessen. Herbstluft sei Dank.

Freitag: Französische Ekstase

Am Freitag Abend musste sich der geneigte Besucher der „Fliegenden Bauten“ ernsthaft fragen, ob ihm da im Vorhinein nicht ein monströser Hype entgangen war. Nur wenige Minuten nach Konzertbeginn von –M- waren die Gäste der ersten Reihen geschlossen von ihren Sitzen aufgesprungen und hatten sich bis zum Ende nicht wieder eingekriegt. Ganz im Gegenteil: Von vorne bis hinten wurde der Auftritt des französischen Ramsch-Rockabillys gefeiert, jedes Gitarrensolo mit Begeisterungsstürmen bedacht, jede Geste mit verzückten Gesichtern belohnt. Schnell wurde klar, dass der Musiker in seiner Heimat offenbar eher überdurchschnittlich bekannt ist: mindestens 90 Prozent des Publikums bestand aus Landsmännern, die sich freuten, ein intimes Konzert mit ihrem Star erleben zu dürfen. Auch –M– wusste, was Sache ist, machte alle Bühnenansagen auf französisch und kletterte dazu immer wieder für eine Gitarreneinlage auf die wackeligen Cocktail-Tischchen des Konzerthauses. Später holte der Musiker dann sogar in der Manier von Bruce Springsteen Frauen aus der ersten Reihe zu sich auf die Bühne. Einer davon hängte er dabei seine Gitarre um den Hals, umschlang sie von hinten und spielte unterhalb ihrer Brüste ein eruptives Gitarrensolo. Was für ein Teufelskerl! Noch eine halbe Stunde nach Konzertende baten abwechselnd mehrere Frauen in ihren 40ern die Bühnetechniker darum, sie doch noch irgendwie in den Backstage-Raum zu schleusen.

Danach Kontrastprogramm mit Anna Von Hausswolff. Die 27-jährige wühlte mit ihren tiefergestimmten Kirchenorgel-Klängen in den Eingeweiden der Zuschauer und fegte mit dem Druck ihrer voluminösen Stimme alle Erinnerungen an die eben erlebte französische Ekstase aus dem Saal. Mit dunklen Mond-Visuals und einem Tamburin, dass im Gegenlicht selbst wie ein bleicher Mond leuchtete, wirkte der Auftritt der zierlichen Sängerin wie eine mystische Andacht. Zu Schade dass man sich entschieden hatte, den Auftritt der Schwedin nicht in der St.Pauli-Kirche abzuhalten. Dort hätte sie die Wände tatsächlich zum Beben, die Buntglasfenster wirklich zum Vibrieren bringen können. 

Irgendwo zwischen „unter Strom“ und „unter Zwang“ pendelnd, schlängelte sich der wie immer kraftstrotzende Willis Earl Beal um einen Barhocker auf der Bühne des prall gefüllten „Grünspan-Club“. Mit Band (zuletzt hatte man den Outsider-Poeten nur mit Tonband ausgerüstet agieren sehen) geriet seine raue, geschrotete Soul-Musik in den ruhigen Momenten fast mainstreamtauglich. Seine Aura aus Blut, Schweiß, Wahnsinn und Tränen verhinderte dies aber dann doch immer noch rechtzeitig.

Samstag: Virtuosität in ausgeleuchteter Kirche

Dangers Of The Sea aus Dänemark waren offenbar überrascht, wieviele Zuschauer sich im Clubheim des FC St. Pauli eingefunden hatten, um ihrem philosophischen Southern Rock zu lauschen. Selbst der als Ersatz vorgestellte Bassist konnte nicht umhin immer wieder ergriffen zu lächeln, als die Band nach Stücken wie „Sheer Desperation“ im Applaus geradezu unterging. Dass sie den Rufen nach einer Zugabe dennoch nicht nachkamen, lag allein daran, dass die Band ihr ganzes wundervolles Debüt-Album von vorne bis hinten durchgespielt hatte. Man habe einfach bisher nicht mehr Songs geschrieben, entschuldigte sich Sänger Andreas Bay Estrup beim Publikum. Hoffen wir, dass sich das bald ändern wird.

Zwei mit verschiedenfarbigen Stirnbändern geschmückte Allround-Musikerinnen begleiteten das Konzert von Frida Hyvönen in der wunderschön ausgeleuchteten Kirche von St. Pauli. Dabei hatten sie alle Hände voll zu tun – eine von ihnen spielte gar Trompete und Schlagzeug gleichzeitig! Vor dem Altar setzte Hyvönen mit Regenbogen-Umhang und unaufgeregtem Storytelling einen Ruhepol zum brodelnden Nachtleben der wie immer am Wochenende entfesselten Reeperbahn.

Das gerade eben erst von einer China-Tour zurückgekehrte Duo von Jeans Team startete ohne große Ansagen in dunkler Bühnenbeleuchtung mit ihrem wohl größten Hit „Keine Melodien“ um danach sofort zu den Techno-Schlagern ihres neuen Albums „Das ist Alkomerz“ überzuleiten. Wie werden diese doch sehr deutschen Unterschichts-Portraits eigentlich im Reich der Mitte verstanden?  Im „Uebel & Gefährlich“, dem Club im Hamburger Flakturm, wurde das Konzept offenbar nicht allzu euphorisch aufgenommen: die nicht gerade zahlreichen Zuschauer machten teils fragende, teils schmunzelnde Gesichter (viele davon mit einer wissenden „das ist Comedy“-Haltung), und nur wenige ließen sich dabei zum Tanzen hinreissen. Vermutlich waren wohl auch einfach zu wenig selig betrunkene unter ihnen. Das Jeans Team selbst agierte unbeirrt und garnierte ihr Rummelplatz-Geballer mit großen Gesten (Franz Schütte) und großzügigen Becken-Hieben (Reimo Herfort).

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Anfang vom Ende

Folge 213 Im Januar des Säkularjahres 2000, vor gut 20 Jahren also, wurde ein Jahrtausend verabschiedet. Wir hatten noch einmal Prince aufgelegt und versucht, so zu tanzen, als wäre es 1999. Das Problem: Es war tatsächlich noch 1999. Am nächsten Morgen durfte man erst einmal beruhigt feststellen, dass alle Computer noch liefen. Aufatmen. Dann konnte es losgehen. Yippie! Ich bezweifle hier einfach mal, dass das Pop-Jahr 2000 irgendjemandes musikalische Lieblingsära ist. Es war ein Jahr des Luftschnappens: Wir hatten New Metal, TripHop und so komische Sachen wie Jamiroquai überlebt und ahnten noch nicht, dass das nächste Jahrzehnt im Zeichen röhrenhosiger…
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