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Echt schon 25 Jahre her? Green Day veröffentlichen „Dookie“


Interscope

Als „Dookie“ 1994 erschien, waren Green Day längst keine neue Band mehr. Verwurzelt in der Punkrockszene der kalifornischen Westküste, hatte das Trio um Sänger, Gitarrist und Songschreiber Billie Joe Armstrong bereits zwei Alben veröffentlicht. Das zweite davon, „Kerplunk“, hatte sich für Indie-Verhältnisse ganz gut verkauft und zog somit das Interesse der Major-Labels auf sich.

Nach anfänglichem Zögern taten Green Day dank des Produzenten und früheren A&R-Manns Rob Cavallo das für ihre Szene-Mitstreiter Unfassbare: Sie unterschrieben bei der großen Plattenfirma Reprise Records und verließen unweigerlich ihr DIY-Umfeld. Das galt unter einigen ihrer alten Freunde und Fans so sehr als Hochverrat an den Punkrock-Idealen, dass die Band auch heute noch im Club 924 Gilman Street, kurz „Gilman“ genannt, Auftrittsverbot hat.

Weil alle Songs bereits fertig geschrieben waren, brauchten Green Day nicht mehr als drei Wochen im Studio. Zweimal wurde das Album neu gemischt, bis der Sound den eigenen Vorstellungen genügte. Trocken sollten die Gitarren rüberkommen, wie auf „Never Mind The Bollocks“ von den Sex Pistols, oder wie Toni Iommi auf den frühen Black-Sabbath-Alben.

Kooperation
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Kurze, prägnante Songs, Hookline auf Hookline auf Hookline – getrieben von einem manisch auf sein Kit eindreschenden Tré Cool, dazu Mike Dirnts stoische Basslinien (die bekannteste davon auf dem Song „She“), einige trockene Powerchords und Billie Joes nasaler Gesang. Bald schon war alles im Kasten. Cavallo erkannte schon beim Anhören der Demos, dass die Zeichen auf Sturm stehen würden. Er lag goldrichtig.

„Dookie“ erschien am 2. Februar 1994 und verkaufte sich wie warme Semmeln – und löste, gemeinsam mit einer handvoll anderen Protagonisten, eine Lawine aus. „Pop-Punk“, oder wie auch immer man das titulieren mochte, war plötzlich überall: In den Billboard-Charts und Teenie-Magazinen, in den Arenen, Klamottenläden, Style-Kolumnen und Fanzines. Auch wenn viele selbsterkorene Gralshüter Green Day dafür hassten, ihnen ihren Punk-Orden entziehen wollten: Punkrock, oder zumindest Punkrock-beinflusste Musik, war wieder und mehr denn je vom Untergrund in den Charts angekommen.

„Scheißehaufen“

Und das dank eines Albums, dessen Titel sich auf Deutsch mit „Scheißehaufen“ übersetzen lässt und sich thematisch in erster Linie um Langeweile, Gras rauchen, Panikattacken, Masturbation, Neurosen und Körperflüssigkeiten dreht.

Der Erfolg katapultierte Billie Joe Armstrong, Mike Dirnt und Tré Cool aber nicht nur in den Superstar- und Millionärsstatus: Green Day wurden auch gewissermaßen zu Prügelknaben, zu Anschauungsbeispielen der Fan-rezipierten Trennungslinie zwischen Gut und Böse, Punkrock und Kommerz, Anti-Establishment und Cooperate. Vorwürfe, die der von Green Day beeinflussten nächsten Generation an MTV-Bands (Blink 182, Sum41 etc.) zwar auch wahrlich nicht erspart blieben: Nur war die Diskussion da gewissermaßen schon durchgekaut.

Green Day @ Olympiahalle München, 7.6.2017

25 Jahre ist „Dookie“ also nun alt. Ja, echt. Schon 25 Jahre. Es ist mit Sicherheit keines der wichtigsten Alben der Neunziger, vielleicht nicht einmal das Wichtigste aus seinem Erscheinungsjahr 1994: Diesen Titel darf wohl „The Downward Spiral“ von Nine Inch Nails für sich beanspruchen. Es ist auch kein Album, dessen Songs heute noch annähernd so frisch und relevant klingen wie zu seinem Erscheinen.

Aber: Vierzehn Songs und einen albernen Hidden-Track (gesungen von Schlagzeuger Tré Cool) lang war Dookie eine Frischzellenkur, ein Tritt in den Allerwertesten und eine Initialzündung für zahlhlose junge, sich in der Pubertät befindende Menschen, Gitarren in die Hand zu nehmen und Bands zu gründen. „Dookie“ kam über den Mainstream wie eine Explosion. Zwei Monate später legten dann The Offspring mit „Smash“ nach.

Dass Green Day viele Jahre später als überambitionierte, frühzeitig zu Dinosaurier-Rockern gewordene Band mit Dreifach-Platten und Rock-Opern nochmal ganz nach oben kommen würde, war nicht abzusehen. Annähernd so gut wie damals wurde es aber ohnehin nie mehr.

Florian Stangl

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