Kritik: „The Killing Of A Sacred Deer“ – Schmerz und Spiel

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Mit Schuberts Stabat mater setzt der Film ein, laut, heftig, erschütternd. Ein menschliches Herz schlägt leinwandgroß, schnell und verwundbar, Bilder einer Operation am offenen Organ. Der Herzchirurg, er heißt Steven Murphy, wird von Colin Farrell gespielt, mit dichtem Bart. Ein paar Minuten lang begleitet man das Leben in einem Arzthaushalt, Ehefrau (Nicole Kidman), zwei Kinder. Die Kamera ist immer in Bewegung, langsam zoomt sie an die Figuren heran. Das Reden aller Filmfiguren ist etwas zu schnell, zugleich emotionslos, inhaltlich sind die Dialoge banal. Im Hintergrund ist atonale Musik zu hören. Ein grundsätzlicher Absurdismus steht im Raum, ebenso wie latente Depression. Verfremdungsmaßnahmen des Regisseurs im Kampf gegen den Naturalismus.

Ein 16-Jähriger namens Martin kommt zu Besuch. Er hat in den letzten Wochen zu Steven Kontakt aufgenommen, denn der Chir­urg war der Arzt von Martins Vater, der nach einer Operation starb. Am nächsten Tag besucht Steven den Jungen, dessen Mutter (Alicia Silverstone) erfolglos Annäherungsversuche macht. Sanft geht dieses von Anfang an etwas seltsame Verhältnis in etwas anderes über: Stalking. Doch da ist es schon zu spät. Stevens Tochter, Kim, trifft sich heimlich mit Martin, in den sie verliebt ist, und eines Morgens kann ihr 13-jähriger Bruder, Bob, nicht mehr laufen. In der Cafeteria eröffnet Martin Steven dann seinen grausigen Plan: „Ja, es ist genau, was du denkst: Du hast einen aus meiner Familie getötet, jetzt wird einer von deiner Familie sterben. Du hast ein paar Tage Zeit, dich zu entscheiden, wer. Tust du es nicht, werden alle sterben.“

Jetzt kennen wir die Spielregeln dieses Films. Es gibt Gewinner und Verlierer, das ist nicht zu ändern. Spiel bedeutet: Es gibt Regeln, aber die sind ebenso willkürlich wie eisern. Wie im Kinderspiel.

Wir wollen Voyeure bleiben

In den Filmen von Yorgios Lanthimos, dem wichtigsten Regisseur der griechischen „Neuen Welle“, geht es immer um zwei Dinge: Schmerz und Spiel. Wie macht man es, dass der Zuschauer etwas wirklich spürt, selbst körperlichen Schmerz empfindet, dass die vierte Wand durchbrochen wird? Wir wollen ja im Kino sitzend gerade nicht wie im Theater oder in einer Kunstperformance unerwartet direkt miteinbezogen werden, mitspielen müssen – wir wollen Voyeure bleiben. Wie also die Distanz aufheben?

„The Killing Of A Sacred Deer“ ist großartiger Arthouse-Horror. Über die zunehmend verzweifelten Versuche des Vaters, dem Schicksal auszuweichen und einen Ausweg zu finden, entfaltet Lanthimos einen komplexen, dabei immer leichthändig inszenierten Diskurs über Psyche und Physis, Spiel und Regeln, Rationalität und Irrationalität. Sein Film ist ein wunderbar boshafter Laborversuch, der zugleich einen Blick auf das Feld der griechischen Mythologie eröffnet. Offenkundig sind die Verweise auf den Mythos der Iphigenie: Der kalte Agamemnon sollte darin für seine Schuld seine Tochter Iphigenie opfern. Der Filmtitel spielt darauf an, dass der Legende nach das Mädchen in letzter Sekunde durch eine Hirschkuh ersetzt wurde. Auch hier bietet Tochter Kim an zu sterben, und keineswegs zufällig hat sie in einem Chor gesungen und in der Schule Iphigenie rezitiert.

Blutig-absurde Hölle

Lanthimos inszeniert die Erwach­senenwelt durch Kinderaugen, als blutig-absurde Hölle, er zeigt die Gnadenlosigkeit des Kinderblicks und dessen Zärtlichkeit, die Opfer der Kinder für die Sünden der Erwachsenen. Es ist der desinfizierte Pragmatismus dieses Ärzte­ehepaars, der den Regisseur erkennbar aggressiv macht. Der keimfreie Blick auf die Welt, in der die Erwachsenen wie unter örtlicher Narkose leben, also alles wahrnehmen, aber nichts mehr spüren.

Lanthimos rückt die ­Abgründe der westlichen Mittelschichtsgesellschaft ins Zentrum. Aber er wirft keine Nebelkerzen – er zeigt seine Wunde. Dabei gibt er auch dem Zufall Raum und erlaubt sich die Provokation durch Mythologie und Geheimnis. Es gibt viele offene Stellen hier, vieles bleibt unklar. Ein Misstrauensfilm, voller sarkastischem schwarzen Humor.

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Dieser Artikel wird laufend aktualisiert. Update: 06. September 2018 Die Todesursache steht fest: Dolores O' Riordan starb durch Ertrinken in ihrer Badewanne. Blutergebnisse dokumentieren einen hohen Alkoholpegel, „viermal so hoch wie erlaubt“, was immer das heißen soll. Laut Polizeibericht hätte man vier leere Alkoholflaschen in ihrem Hotelzimmer gefunden. Die Blutwerte wiesen auch Medikamente nach, aber „therapeutische“, also ärztlich verschriebene (Lorazepam). Sie lag mit dem Kopf nach oben in der Wanne und trug eine langärmelige Weste sowie eine Pyjama-Hose. Der Alkoholpegel betrug 330 Milligramm per 100 Milliliter Blut, das ist viermal mehr als im Straßenverkehr erlaubt. Ihr Therapeut hatte direkt nach…
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