Laura Marling : A Creature I Don’t Know (Kritik & Stream) - Rolling Stone






Laura Marling  A Creature I Don’t Know


V2/Cooperative


von

Warum mögen wir eigentlich diese gespenstischen Frauen so gern? Blond, sommersprossenblass (aber ohne Sprossen), mit bohrendem Blick, einer Intelligenz und lyrischen Weltläufigkeit, die an einer 21-Jährigen nicht bloß ungewöhnlich, sondern unheimlich aussehen. Laura Marling, die Strohhaar-Feldmaus aus Hampshire, die noch 2007, beim ersten Auftritt in der Jools-Holland-Show, im Spice-Girls-T-Shirt dastand und bibbernd durch ihr „New Romantic“ hetzte. Und die 2011, auf der nun vorliegenden Wahnsinnsplatte, mal eben für uns die Geschlechterverhältnisse geraderückt, das Gut und Böse der Liebe erklärt, warum das Ehebett ein Grab ist und jeder Kuss ein Tierbiss.

Leicht sepiafarben, kupferstichig und altklug war ihre Kunst schon immer. Laura Marling musste nie durch den Coming-of-Age-Quatsch waten, sondern klang gleich wie nach einem Marsch durch Tennessee, Appalachen und West Midlands, wie eine Magierin à la Sandy Denny und Joni Mitchell. Weise, vernarbt, windschön. Was an der letzten Platte trotzdem noch zu gediegen und formelhaft war, wird auf „A Creature I Don’t Know“ mit Dornen gekrönt, in Lärm gewaschen. Vom Pastoralen in halbdunkle Mansarden und Schlafzimmer verlegt, oder, wie das erste Stück „The Muse“, ins Greenwich-Village-Café: Banjo und Cello, Wischtrommel und Jazzpiano führen einen großen Tanz auf, Laura Marling spöttelt und parliert („You can call on me when you need – the light!„), ein Tonfall, den sie bisher noch nie gezeigt hat.

Dabei ist es gar nicht der Abwechslungsreichtum, der dieses Album so fantastisch macht – es ist die schiere erzählerische Lebendig- und Gefräßigkeit, mit der die Sängerin uns hier durch Liebesträume und Sex-Traumata führt. Von „Salinas“, einer Sandballade mit sonnenglitzernden Gitarren- und Banjo-Saiten, in der es um Wollust und Schusswaffen geht, über „The Beast“, das als Raunen über die kaputte Beziehung beginnt und sich zu einem elektrischen Sturm steigert, an dessen Ende der Mann blutige Kratzspuren am Rücken haben müsste – bis zu „Night After Night“, einem gezupften Walzer übers Seite-an-Seite-Dahinleben, den Laura Marling, das kleine Ding, mit so viel Aufrichtigkeit und gedämpftem Beben singt, dass es einem die Sprache verschlägt. Wohlgemerkt: Diese drei Lieder folgen direkt aufeinander. Und nein, man muss kein Wort Text verstehen, um alles zu kapieren.

Authentisch ist diese Schau natürlich nicht. Laura Marling ist eine ganz große Stilistin, Dichterin, Schauspielerin, und wenn man hier überhaupt etwas bemäkeln will, dann höchstens, dass die Bilder der wie Tiere übereinander herfallenden Liebenden nicht wirklich von ihr stammen. Aber wir haben jetzt eh erst mal genug damit zu tun, „A Creature I Don’t Know“ zu verdauen. In der Zwischenzeit wird Laura Marling 22 werden. Und in ihrem strohbleichen Kopf wird etwas Neues, Unheimliches wachsen.

Beste Songs: „The Muse“, „Night after Night“


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