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Martin Scorsese Silence

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Foto: Sharpsword Films

Wir kennen es entweder aus den Religions-Grotesken von Monty Python oder aus den sehr alten, sehr ernsten Bibel-Epen von Cecil B. DeMille: Gott als Sprecher aus dem Off, der dem Zaudernden Mut macht. In Pressevorführungen sind es natürlich Journalisten, zwanghaft zynisch, die auflachen, als wie aus dem Nichts der Herr im Himmel seinem Jünger mit warmer Stimme versichert: „Ich bin bei Dir. Tue, was Du willst.“

Ist diese Darstellung altmodisch, ist sie albern?

In Martin Scorseses mittlerweile 36. Film ist dies der einzige Moment, in dem Priester Rodrigues (Andrew Garfield) die Bestätigung erhält, dass alle seine Leiden, die Folter im fremden, Christen-feindlichen Japan des 17. Jahrhunderts, nicht umsonst gewesen sind. Die Szene funktioniert. Natürlich funktioniert sie, denn Scorsese ist nicht nur ein alter Fuchs, sondern auch ein Kino-Historiker. Der 74-Jährige kennt jeden Film, jede Ära, und er kann jeden Film, jede Ära. Er musste nun einfach, im Herbst seines Lebens, eine Szene drehen, in der Gott spricht. Altes Hollywood. Als selbst auferlegte Prüfung, ob er damit beim Publikum durchkommt. Welcher große Regisseur traut sich das heute noch?

Rodrigues (Andrew Garfield) und der gläubige Mokichi (Shinya Tsukamoto)

Aber es stimmt auch, dass religiöse Menschen sich für „Silence“ eher begeistern werden als solche, die ihre Lebensentscheidungen nicht vom Glauben abhängig machen. Die Stoßrichtung war klar, denn die Weltpremiere von „Silence“ fand im November im Vatikan statt, in Anwesenheit von Papst Franziskus. Die buchstäbliche „Stille“ setzt auf der Leinwand mit der Titel-Einblendung ein, zuvor waren Geräusche aus der Flora und Fauna Japans zu hören – als exotischer, lauter, fast lebensfeindlicher Ort, dem mit Stille, innerer Einkehr beizukommen ist. Es sind vor allem Spirituelle, die in ihrer Warnehmung die Lautstärke der äußeren Welt so lange drosseln können, bis es in der inneren Welt ganz still ist. Und nur so kann Rodrigues auch Jahre in der Gefangenschaft überleben.

White Saviours helfen aus

Die zwei portugiesischen Priester Rodrigues und Garupe (Adam Driver) waren nach Japan aufgebrochen um ihren Mentor aufzuspüren, Vater Ferreira (Liam Neeson). Er soll zum Abtrünnigen geworden sein und sich verstecken. Auf der Suche nach dem Renegaten taufen die zwei Geistlichen jene Japaner, die so wie sie ihren Katholizismus geheim halten müssen, da Christen im Kaiserreich verfolgt und getötet werden.

Ganz frei machen kann Scorsese sich von einer naheliegenden „White Saviour“-Erzählung nicht. Gebildete Europäer geben primitiv auftretenden Dörflingen, die manchmal derart sabbern, dass Garupe sich leicht angewidert wegdrehen muss, den Segen. White Saviour, auch wenn die Romanvorlage 1966 von einem Japaner geschrieben wurde, Shūsaku Endō. Mehr als 400 Jahre später aber werden Gläubige, und dies macht „Silence“ für den Papst und andere Kirchenoberhäupter so relevant, in vielen Ländern noch immer verfolgt. Und Scorsese ist gläubiger Katholik. Das Material wollte er seit Jahrzehnten verfilmen.

Jeder Regisseur, der einer Religion huldigen will ohne eine andere zu kritisieren, wandelt auf einem schmalen Grat. Ein Urteil über den Buddhismus gibt es nur ein einziges Mal, aber es erscheint vernichtend. Im Gespräch der Christen werden die Andersgläubigen als rückständig dargestellt, da sie Jünger von Wetterzyklen seien und nicht im Glauben, sondern in der Natur eine übernatürliche Ordnung erkennen: „Solange diese Sonne jeden Tag am Himmel steht, sind sie zufrieden. Das ist ihr Gott.“

Die Macht von Symbol-Handlungen

Der Wille der unterworfenen Christen soll durch einen einfachen Akt gebrochen werden: Die Gefangenen werden gezwungen, ein Götzenbild Jesu per Fußauftritt zu beschmutzen. Wer sich widersetzt, wird früher oder später umgebracht. Viele Minuten in sehr vielen Szenen drehen sich um diese Art Folter. Die Frommen brechen danach weinend zusammen oder flüchten beschämt. So ist „Silence“ nicht nur ein Film über die Macht des Glaubens, sondern auch über die Macht von Symbol-Handlungen. Man muss sich auf die zerstörerische Kraft dieser simplen Beschmutzung einlassen können, auf die Welten, die danach bei den Gläubigen untergehen. Davon hängt die Beurteilung des Stoffs ab.

Garupe (Adam Driver) und Rodrigues

Kurioserweise ist es der buchstäblich zum Menschen sprechende Gott, der – je nach Interpretation – zur Hinterlist anstiftet, weil er seinem „Ketzer“ versichert, ihn auch nach dem Akt der Beschmutzung zu lieben. Vielleicht aber will Gott auch einfach sagen, dass ihm dieser vermeintlich verleumderische Akt eh nicht schadet.

Ein Scorsese wie lange nicht

Unglaubliche 20 Jahre ist es her, dass Martin Scorsese mit dem Dalai-Lama-Biopic „Kundun“ (einer Buddhismus-Lobpreisung) einen Spielfilm gedreht hatte, in dem es nicht um New York oder Gangster oder Leo oder Drogen oder dem Trick-Kino als solches geht („Hugo“). In „Silence“ fehlen deshalb auch jene Marty-Manierismen, die längst zur Ermüdung geführt haben. Bestimmte Schnitt-Muster, Kamera-Wischbewegungen, gleichzeitiges Geschrei oder der Freeze Frame einer irren Grimasse, über die im Off eine Stimme seelenruhig beginnt ihre Lebensgeschichte zu erzählen („The Wolf Of Wall Street“).

Dennoch ist „Silence“ – mit einer Dauer von 162 Minuten eines von Scorseses längeren Werken – kein fließender, dramaturgisch durchweg gelungener Film. Die Monologe von Pater Rodrigues erinnern an die esoterische Poesie von Terrence Malick („I pray but I am lost. Am I just praying to silence?“). Am Anfang herrscht ein deutlich schnelleres, fast schon hemdsärmeliges Tempo, die Berichterstattungen über Dossiers vom geheimnisvollen Ferreira erinnern an „Men on a Mission“-Werke a lá „Apocalypse Now“ bzw. dessen literarische Vorlage „Herz der Finsternis“.

Adam Driver als Priester Garupe ist deutlich unterverkauft. Er ist für die Rolle extra abgemagert, wurde dann vielleicht zum Final-Cut-Opfer Scorseses. Sicher hätte der exzellente Driver, von dem man jeden sichtbaren Zentimeter bestaunen möchte, mit dem sehr jung wirkenden Andrew Garfield tauschen, dessen Hauptrolle übernehmen müssen. Liam Neeson als Ferreira wiederum ist auch ein Opfer. Aber ein Opfer seines eigenen Karrierewegs. Der 64-Jährige gilt wegen der „Taken“-Filme als Action-Opa. Hier tritt er, bezopft und vergrämt, wie sein eigener Jedi aus „Star Wars“ auf.

Das Antlitz Gottes im Wasser

Und was haben wir davon ganz am Ende? Es gehört zum christlichen Film, dass er auch das Lebensende seiner Figuren schildert. Dass er untersucht, ob sie bis zum letzten Atemzug gläubig gewesen sind. Das Finale, die letzte Einstellung, bietet einen Twist, der so doppeldeutig ist wie die Worte Gottes an Rodrigues.

Dieses Ende stellt entweder den Mut unter Beweis, den der Gläubige in feindlicher Umgebung erbringt, seine große Treue zum heiligen Vater.

Oder aber ein Leben, das die meisten Jahre über in großer Feigheit geführt wurde. Scorsese lässt das womöglich offen, und es ist unbequem.

30 Jahre “Die Farbe des Geldes”: Der Stoß

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