Pavement „Terror Twilight – Farewell Horizontal“ – Ziemlich bestes Zwielicht


Matador (VÖ: 8.4.)


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Das Reissue der finalen Pavement-Platte geht mit vielen Ausrufezeichen ihrer Promo-Abteilung einher, und die Band absolviert in diesem Jahr zum ersten Mal seit 2010 eine Tournee. Sieht auf den ersten Blick nach einem gelungenen Timing und einer „Album played in its entirety“-Setlist aus. Es wäre jedoch ein Wunder, wenn Stephen Malkmus und Kollegen viele „Terror Twilight“-Lieder aufführen: Das Werk gilt als ihr ungeliebtes. Pavement zerbrachen an den Aufnahmen, und Co-Gitarrist Scott Kannberg steuerte keine eigenen Stücke mehr bei. 2010 spielten sie 41 verschiedene Songs live, aber nur zwei hiervon.

Malkmus nahm das Streichholz aus dem Mund, erschien frei von Ironie und sang verständlich

Malkmus interessierte sich 1999 zunehmend für Pop-Rock und weniger für Alternative, Blues und Noise. Produzent Nigel Godrich verstand das, Malkmus’ vier Mitmusiker weniger. „Terror Twilight“ klingt wie ein Vorgänger des Soloalbums „Stephen Malkmus“ von 2001. Es ist erstaunlich, dass ein Kollektiv zerbricht, weil Songs nicht mehr kompliziert, voller gegenläufiger Ideen sind, sondern das Gegenteil: stromlinienförmig von der Strophe bis zum Refrain. Selbst der „Folk Jam“ betitelte „Jam“ ist kein Jam.

Apologeten verehren das – bisweilen inszeniert wirkende – Laissez-faire von „Crooked Rain, Crooked Rain“ (1994), dessen verstimmte Gitarren und das verschleppte Schlagzeug, und sie lieben die experimentellen Längen von „Wowee Zowee“ (1995). Aber es ist nicht blamabel, „Terror Twilight“ für ihre beste Arbeit zu halten. Malkmus nahm das Streichholz aus dem Mund, erschien frei von Ironie und sang verständlich, wenngleich er sein Stream-of-Consciousness-Prinzip beibehielt. „The Hexx“ enthält mit „Architecture students are like virgins/ With an itch they cannot scratch/ Never build a bulding till you’re fifty/ What kind of life is that?“ die vielleicht grandioseste der unzähligen grandiosen, assoziativen Malkmus-Dichtungen.

Eine Ode an den Joint oder an die Fellatio?

Kaum verhallen die Worte, spielt er ein unpassendes, widersprüchliches, aber dadurch nur umso passenderes Gitarrensolo, das die Knappheit Eric Claptons mit der sexualisierten Euphorie von Prince vereint. Bei der Single „Carrot Rope“ gehen die Deutungen bis heute auseinander: Ist es eine Ode an den Joint oder an die Fellatio? Für das Wort catchy gibt es mit „zugänglich“ nur eine unbefriedigende Übersetzung. Pavement haderten mit diesem Ohrwurm und packten ihn mit der Tracklist-Anmerkung „… and Carrot Rope“ aufs Album, anstelle der Nummerierung „11.“.

Die Edition enthält 34 weitere Songs, darunter die obligatorischen Demos und Live-Tracks. Nach Radioheads „OK Computer“ war Godrich der Produzent und Jonny Greenwood der Gitarrist der Stunde, die Aufnahmen zum wagemutigen „Kid A“ würden ebenfalls 1999 beginnen. Umso bemerkenswerter, dass ausgerechnet die Radiohead-Leute Pavement von den Vorteilen klarer Strukturen überzeugten. Greenwoods zärtlich klingende Mundharmonika in „Billie“ markiert die unerreicht traumhaften 50 Sekunden dieser Band.

Zwar fehlt die B-Seite „Harness Your Hopes“, auf Spotify mit bald 65 Millionen Abrufen sogar ihr größter Hit, weit vor „Cut Your Hair“ mit 29 Millionen, was (Hobby-)Analysten des Algorithmus zu wilden Thesen über eine Automatic-Replay-Willkür des Streamingdienstes anspornt. Aber die originale, von Godrich präferierte Album-Tracklist wurde wiederhergestellt, nun beschließt „Spit On A Stranger“ die Platte, statt sie zu eröffnen. Die Schlussworte in diesem Song sind mustergültig für das Album und den weiteren Werdegang des nach Unabhängigkeit strebenden Stephen Malkmus: „I’ll try the things you’ll never try/ I’ll be the one that leaves you high …“


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