PJ Harvey „Let England Shake – Demos“ – Abgesang auf Britannien


Universal (VÖ: 28.1.)


von

„The West’s asleep/ Let England shake/ Weighted down with silent dead.“ Von Polly Harvey kannte man die brutalsten und betörendsten Songs der Introspektion, der Selbstreflexion und Selbstverletzung. Als 2011 „Let England Shake“ erschien, hatte sie binnen 20 Jahren ein halbes Dutzend idiosynkratischer Platten aufgenommen, deren poetische Kraft allenfalls mit Kate Bush und Tori Amos vergleichbar ist. Eine Platte über ihr Heimatland hatte indes niemand erwartet.

Ein Zwitter aus Hymnus und Klagegesang

„Let England Shake“ ist kein Gegen-Heimat-Album. Von Hassliebe könnte man sprechen, wenn es nicht zu einfach wäre. Harvey hatte sich für die Aufnahmen in einen Kirchenraum in Dorset zurückgezogen, wo sie mit dem Produzenten Flood, mit ihrem musikalischen Partner John Parish (Schlagzeug und Percussion), Mick Harvey von den Bad Seeds (Orgel und Mellotron) und Jean-Marc Butty an den Liedern arbeitete. Saxofon und Autoharp ergänzen ihr Gitarrenspiel.

Das Album ist ein Zwitter aus Hymnus und Klagegesang, es verdankt sich der Folklore und Kirchenliedern und erinnert an Rhapsodien von Nick Cave und Patti Smith. Polly Harvey selbst legte falsche Fährten, indem sie auf Velvet Underground und die Doors verwies – während eine Spur sofort hörbar ist, nämlich die zu den Pogues.

Songs über ein Land, das schon durchgeschüttelt wurde und vergebliche Kriege kämpft

Es gibt aber keine unmittelbare englische Inspiration in der Musik, von einigen Spieldosenmelodien und Nursery Rhymes abgesehen. Jede Platte von Pink Floyd, von den Kinks und Genesis klingt englischer. „What is the fruit of our land?“, fragt sie in „The Glorious Land“. Nach Erscheinen der Platte sagte Harvey: „England ist gar nicht so wichtig.“ Es sind Songs über ein Land, das schon durchgeschüttelt wurde und vergebliche Kriege kämpft. In „Written On The Forehead“ fängt PJ Harvey den Irakkrieg, an dem auch britische Truppen beteiligt waren, in einer poetischen Vignette ein: „People throwing dinars/ At the bellydancers/ In a sad circus/ Beside a trench of burning oil.“ Die Percussion trommelt einen unbarmherzigen, immer schnelleren Ryhthmus.

Mantras ohne Gott, Volkslieder ohne Heimat

„Let England Shake“ wurde einhellig als Meisterwerk gefeiert und belegte in den Jahresbestenlisten vorderste Plätze. Seit einigen Monaten veröffentlicht PJ Harvey die Demos zu ihren früheren Alben, deren Unmittelbarkeit die späteren ausformulierten Songs oft sogar übertrifft. Das Demo von „Let England Shake“ beginnt mit einem Zitat von „Istanbul (Not Constantinople)“ und schlägt damit einen Bogen in den Vorderen Orient. Zu der schweren Gitarre von „The Last Living Rose“ spielt sie das Saxofon, das später um John Parishs Posaune ergänzt wurde. Eine blecherne Kavallerietrompete leitet das höhnische Lamento „The Glorious Land“ ein.  „The Words That Maketh Murder“ beginnt mit simplem Rock’n’Roll und klingt wie der Abzählreim eines Kindergesangs. Der Gegengesang stammt wahrscheinlich von John Parish, mit dem sie die Demo-Fassungen eingespielt hat.

Was den Liedern hier an Kunstvollem fehlt, gewinnen sie an schierem Ausdruck, wenn Harvey nur die Gitarre anschlägt und mit größter Dringlichkeit singt. „All And Everyone“ ist von Ehrfurcht gebietender Dramatik, wenn Harvey im himmelstürmerischen Refrain singt: „As we advancing in the sun/ Sing: ‚Death to all and everyone.‘“ Bei „England“ wird kindliches Geträller mit orientalischem Singsang zusammengeführt, die schief dasselbe Stück intonieren. Diese Demos legen den schneidenden und durchdringenden Charakter der Songs frei, die aus dem Geist emphatischer Kirchenlieder entstanden sind. Mantras ohne Gott, Volkslieder ohne Heimat.


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