Placebo „Never Let Me Go“ – Vielfalt in Rock


Vertigo/Universal (VÖ: 25.3.)


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Dass der Kajalstift ein Mittel zur Befreiung von heteronormativer Zuschreibung ist, wissen wir spätestens seit Little Richard. Wie hilfreich Brian Molko und seine Band Placebo dabei wirkten, diesen Kajalstrich in den Stadionrock hinein zu verlängern, wird bei ihrem Comeback knapp zehn Jahre nach ihrem letzten Album noch einmal deutlich. Placebo waren in den 90er-Jahren sowohl Rockband als auch antirockistisch – und das in einem Klima, in dem Breitbeiner wie Oasis im Vereinigten Königreich den Ton angaben. David Bowie liebte sie. Und sie liebten ihn (und Kate Bush und Robert Smith). Sie klangen wie seine Kinder.

In diesem mächtigen Sound geht es um Depressionen, Drogen und digitale Diktatur

Heute sind Placebo wieder zu dem Duo geschrumpft, als das sie 1994 mal anfingen. Brian Molko und Stefan Olsdal plus Studiomusiker, und Molko trägt sein Haar lang und leicht onduliert zu seinem Schnauzbart. Ein sehr moderner Retro-Look also. Seine hochnäsig klirrende Stimme prägt noch immer die Songs; „Never Let Me Go“ klingt nicht, als wären zehn Jahre vergangen. Es klingt aufregender als ihr letztes, inzwischen neun Jahre altes Album „Loud Like Love“, es klingt nach den Placebo besserer Tage, wie ein Schminktiegel aus frühen Roxy Music, The Cure und einer queeren Version von Muse.

Der Opener, „Forever Chemicals“, gibt sich angemessen sperrig mit elektronischen Störern und synthetischem Grummeln. Der offen ausgelebte Bombast-Rock von „Hugz“ schreckt kurz ab, doch spätestens beim wehmütigen Midtempo von „Happy Birthday In The Sky“ und seinen hereinbrechenden Gitarren pendelt sich der Placebo-Sound da ein, wo er am sichersten steht. In diesem mächtigen Sound geht es um Depressionen, Drogen und digitale Diktatur. Es geht um eine latent suizidale Welt, aber auch um einen „Beautiful James“, der das lyrische Ich bei der Hand nehmen soll – eine zurückhaltende, andeutende Liebeserklärung, ein ergreifender Song. Placebo sind komplett unpeinliche Überlebende der 90er-Jahre, wie geschaffen für die Diversitätskampagnen unserer Tage


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