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Stephen King – Lisey’s Story



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Stephen King – Das Ranking

Ja, das ist wahre Liebe: Wenn eine naive, wenig selbstständige Frau ihrem berufstätigen Mann den Rücken freihält. Es ist bemerkenswert, dass Stephen King diesen Roman als seinen besten bezeichnet. Noch erstaunlicher, dass sich viele Rezensenten und noch mehr Fans sich dieser Meinung bis heute anschließen – Kings Wort ist also Ansage. Dachte sich vielleicht auch der Verlag, der „Liseys Geschichte“ den rätselhaften Titel „Love“ gab, ein Titel wie ein Totschlagargument.

„Liebe“ ist, wenn der Mann denkt, die Frau folgt. Im ROLLING-STONE-Interview schien King diese Interpretationsmöglichkeit der Ehe, obwohl er sie selbst so niedergeschrieben hat, nicht gesehen zu haben. Vielmehr betrachtete er seine Geschichte als Versuch, die Ehe an sich abzubilden: „Ich hatte das Gefühl, das war ein wichtiges Buch für mich, denn es ging um die Ehe, und darüber hatte ich noch nie geschrieben. Ich wollte über zwei Dinge sprechen: Da ist zum einen die geheime Welt, die man sich innerhalb einer Ehe aufbaut, zum anderen ist da die Tatsache, dass es selbst in dieser intimen Welt Dinge gibt, die wir nicht voneinander wissen.“

Familiäre Gewalt

Nach dem Tod ihres Gatten, dem erfolgreichen Schriftsteller Scott Landon, wehrt Lisey sich gegen einen Kleinkriminellen, der unveröffentlichtes literarisches Material an sich reißen will um Geld damit zu machen. Der verrückte Doolin alias Zack McCool bricht in ihr Haus ein und überwältigt die 49-Jährige. In ihrer Traumwelt versucht Lisey Kontakt zu Ehemann Scott aufzunehmen, der ihr einst von seinen Reisen zum Boo’ya Mond berichtete, einer anderen Dimension, in der ein Monster haust, das ihr nun helfen könnte.

Stephen King hat meist vage darüber gesprochen, welche Entbehrungen seine Familie, die Ehefrau und die drei Kinder, hinnehmen musste, damit seine Karriere an Fahrt aufnahm. In der Figur des alkoholkranken Patriarchen Jack Torrance in „Shining“ fand er ein gewisses alter ego; ob King selbst Gewalt anwendete, ist nicht bekannt.

Für King waren es Drogen, für Scott Landon das Fabelwesen „Long Boy“, das zur tödlichen Bedrohung wird. Die Ehefrau instrumentalisiert er als  klassische Hilfe zur Wiederherstellung der Arbeitskraft: „Zwei Dinge haben ihn vor dem Long Boy gerettet. Das Schreiben ist eines davon. Das andere hat eine Taille, um die er die Arme legen und ein Ohr, in das er flüstern kann.“ Die Frau, der Stahl im Rückgrat des anderen.

Um diese Rolle ist Lisey nicht zu beneiden. Allzu intelligent lässt King sie nicht erscheinen: „Es gab viele Wörter für das Zeug, das Scott hinterlassen hatte. Das einzige, was sie wirklich verstand, war Memorabilien, aber es gab noch ein weiteres, das wie Inkunkabilla klang.“ Aber die Witwe weiß es ja selbst: „Lisey, Du Dummerchen!“ Von sich selbst in der dritten Person reden – wie ein Kind.

Ein paar gehen noch: „Die kleine Lisey wohnte in einem Haus, das viel zu groß für die war, und schrieb Einkaufslisten, keine Romane.“ Und wenn, dann liest ihr Mann Scott die Werke von Borges, Pynchon. Lisey liest Collen McCullough. Weiter: „Wie heißt das nochmal, wenn Wörter mit demselben Buchstaben anfangen?“ – ‚Alliteration’“. – „Genau, das meine ich.“ Die kleine Lisey mit den „wehen Füßen“: alt und altmodisch.

Frauen wachsen, wenn sie Männer überwinden

In „Lisey’s Story“ zeigt sich in voller Breite das Problem, das Stephen King mit den meisten seiner Frauenfiguren hat. Sie befreien sich, werden stark, aber es sind meist die langen Schatten starker Männer, aus denen sie treten müssen. Wendy Torrance, Beverly Marsh, Rose Madder, Dolores Claiborne müssen Männer überwinden. Sie selbst starteten meist schwach.

Den sie belauernden Gangster vergisst Lisey ganz schnell, „wenn die Küche mit Hackbratenduft erfüllt ist.“ Schustert King sich hier seine Traumfrau zusammen? Die Figur des Schriftstellers Scott Landon trägt gewisse Züge von ihm, auch er schreibt zu ohrenbetäubend lauter Musik seine Romane. Scott hält seine Frau in ihrer Mädchenrolle gefangen: „Du hast wirklich Mumm, kleine Lisey – das soll die Welt erfahren.“

So verläuft auch ihre Emanzipation nicht nur nach den Richtlinien ihres Mannes, sondern gar nach den Richtlinien ihres verstorbenen Mannes – noch im Tod hat er die Macht. Sie folgt einer Spur, die ihr toter Mann für sie gelegt hat. Geradezu unangenehm ist die Entwicklung Liseys zu lesen, die, einem aufmüpfigen Mädchen gleich, doch flach bleibt. Im Kampf mit den irdischen Feinden der Landons riskiert sie „hochmütige Blicke“, zeigt den „Stinkefinger“, da wird „schallend gelacht“, wenn man frecherweise das Wort „ficken“ benutzt.

Ein zweifelhafter Höhepunkt wird erreicht, als Lisey dem bösen Doolin die Zunge rausstreckt, die Daumen ineinandersteckt und mit den Fingern wackelt. Sie bleibt ein Kind, und es ist fast schon unerträglich, wie King glaubt, dieser Figur Freiheit geschenkt zu haben. Das zu tun, was sie will – wenn es am Ende doch nur Rebellion bleibt? Es ist ihre „Geschichte“, aber Lisey rettet am Ende Scotts Erbe und sein Andenken.

Im Nachwort bedankt sich King auch bei seiner Ehefrau Tabitha, die mit ihren Schwestern immer ihr „Schwesternding“ durchgezogen habe. Ist ja ein Ding! Wieso hat er das „Ding“ im Unklaren gehalten, wieso hat er nicht mal versucht zu erforschen, wie „Frauen so ticken“?


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