Rewind Today 1979: Donny Hathaway begeht Selbstmord


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Den kleinen Laden in der Bleaker Street gibt es noch immer. Hier, im „Bitter End“ in Greenwich Village, wurde vor 42 Jahren eines der besten Livealben aller Zeiten aufgenommen. Donny Hathaway saß mit Ballonmütze und Rollkragenpullover hinter seinem E-Piano, Willie Weeks gab die Bassline vor, Earl DeRousen streichelte die Congas, ein paar der 200 dicht gedrängten Gäste seufzten, kreischten auf, Hathaway feuerte sie an, „So, gimme a talk about the ghetto, um hum, yeah!“, dann ging es los.

Dieser Mitschnitt fällt in Hathaways wichtigste Schaffensphase – und die umfasst gerade mal drei Jahre und fünf Platten. Der unter Depressionen leidende Komponist, Arrangeur und Sänger war ein Schattenmann des Soul, ein Meister der zweiten Reihe. Er produzierte bei Curtis Mayfields Curtom-Label, schrieb Soundtracks, arbeitete mit King Curtis, Leroy Hutson und sogar Willie Nelson, landete ein paar mittlere Hits, klang wie die Schnittstelle aus Marvin Gaye und Stevie Wonder – verdammt gut also. Glücklich machte ihn das alles nicht; im Januar 1979 fand man den labilen Künstler tot vor seiner Wohnung.

Die vier CDs dieser Anthologie fassen Hathaways Schaffen gut zusammen – in allen Höhen und Tiefen. Songs aus den drei Studioalben, dem Soundtrack „Come Back, Charleston Blue“ und den Singles füllen eine CD, die Duette mit Roberta Flack eine weitere. Die anderen beiden CDs speisen sich aus bisher unveröffentlichtem Material. Und da gibt es drei Perlen: die Piano-Ballade „Never My Love“, der gospelgetränkte Country-Heuler „A Lot Of Soul“ und der höllisch groovende Soul-Stomper „Don’t Turn Away“ von 1968. Ansonsten aber viel traurigen Studioabfall – Sachen, die Mitte der Siebziger aufgenommen wurden, sleazy Intrumentals und unmotiviert abbrechende und dennoch viel zu lange Übungen in seichtem Middle-of-the-road-Songwriting, das in einem ungelenken Disco-Track von 1978 gipfelt. Zwiespältig bleibt der Genuss des zwanzigminütigen ZYXYGY Concerto“, das Hathaway 1973 am Flügel mit großem Orches­ter einspielte und das in den Archiven von Atlantic Records verschwand – Spätromantik in Zeitlupe, würde ich sagen.

Zum Glück gibt es dann noch die CD mit dem Nachschlag aus den drei Nächten im „Bitter End“. Das schöne „I Love You More Than You’ll Ever Know“ von Al Kooper klingt hier stärker als auf der posthumen „In Performance“, Lennons „Jealous Guy“ wunderbar karg reduziert. Einzig das Anthem „The Ghetto“ erreicht nicht ganz die Klasse des unschlagbaren „Live“-Albums von 1972. Als Fan braucht man es trotzdem.
Sebastian Zabel

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