Rock am Ring: Die ersten Tage


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Ed Lay ist ratlos. Der Drummer der Editors windet sich im Sofa seines Tourbusses und fragt vorsichtig: „Die erste Band gestern. Wie heißen sie noch – H-Block? WAS war das?“ Tja, was antwortet man darauf, wenn man es selber nicht weiß? Eine der erfolgreichsten Crossoverbands Deutschlands aus dem vorletzten Jahrzehnt? Das wäre vielleicht faktisch richtig, trifft die Sache aber nur bedingt. Es ist ein Rätsel, warum man mal Tonträger dieser Band gekauft hat, und es bleibt ein Rätsel, warum ihnen quasi die Ehre zuteil wird, das Jubiläum von Rock am Ring mit ihrem Auftritt zu eröffnen. Ebenso ein Rätsel bleibt es, warum ihre Auftritte noch immer funktionieren und warum ein Großteil des Publikums ebenso alt ist wie damals, als ihr Debüt als heimische Duftmarke in der Kreuzüberschublade gefeiert wurde.

Die wie gewohnt pompöse und überschminkte Show von Kiss passte da schon eher, um das Festwochenende einzuläuten. Die Herren um Gene Simmons schwangen ihre müden Glieder sogar mit Seilwinden über das Publikum und machten in ihren Plateauschuhen noch immer eine gute Figur. Dass sie gealtert sind, konnte man dennoch unter den Schminkcanyons in ihren Gesichtern erkennen. Machte ihren Songs aber auch nichts aus (an dieser Stelle sei schon mal darauf hingewiesen, dass wir am Montag exklusive Mitschnitte des Konzerts verlosen werden.)

Der Auftritt der Editors selbst am gestrigen Freitag geriet dann zu einer etwas spannungsfreien Angelegenheit. Gute Songs bleiben gute Songs, düstere Musik macht sich zum Sonnenuntergang ebenfalls besonders gut – und Tom Smith bleibt ein Charismatiker vor dem Herrn. Allein: Man wurde das Gefühl nicht los, man hätte das alles in den letzten Monaten zu oft gesehen.

Dennoch war der erste vollständige Festivaltag des 25. Rock am Ring ein Prachtexemplar. Sonnenschein von Anfang bis Ende, bratende Leiber auf der Rennstrecke, spektakuläre Sonnenuntergänge (genauer: einer) und der Aufgang der Säufersonne zur Abendzeit. Da zog nämlich ein Heißluftballon in Form einer Jägermeisterpulle vorbei und die Jungs mit den Abi-Shirts und den Tetrapacks neben einem sangen munter: „Ich seh die Säufersonne aufgehen…“

Das Line-up mutete einem dabei – zumindest auf der Hauptbühne – genau die abenteuerlichen Stilbrüche zu, für die der Rock am Ring ja gewissermaßen bekannt ist. Frühes, überraschendes Highlight war der Anblick des Gitarristen von Airborne, der am Gestänge der Bühne emporkletterte, sich fast auf Dachhöhe positionierte, um dort in ca. zehn Meter Höhe ein fünfminütiges Solo zu gniedeln, auf das er einem Klimmzug an einer Querstrebe folgen ließ. Das sah schon ziemlich lebensgefährlich aus. Überhaupt war es recht erstaunlich, dass die Australier mit ihrem von AC/DC und Saxon geprägten Rock einen derart gewaltigen Run auf die Hauptbühne auslösten. Die zwei vorderen Innenbereiche waren jedenfalls schon bei ihrem spätnachmittäglichem Gig voll, was bei all jenen für Unmut sorgte, die es eigentlich zu den Headlinern Jay-Z und Rage Against The Machine nach vorne schaffen wollten.

Nach der AC/DC-Nostalgie von Airbourne sorgte Slash dafür, dass sich die Guns N’Roses Nostalgiker in der „Paradise City“ wähnten, als er das unverkennbare Solo gniedelte und zehntausende von Menschen den Refrain mitgröhlten. Dennoch konnte man sich schwer gegen dieses Gefühl wehren, dass es nicht ganz richtig sein kann, wenn ein Sänger, der aussieht wie Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers (aber Myles Kennedy von Alter Bridge ist), mit dem Ex-Gitarristen von Guns N‘ Roses Lieder singt, die vielleicht am selben Tag an einem anderen Fleck der Welt, vom Ex-Sänger von Guns N‘ Roses auch gesungen werden. Aber man ist ja auf einem Festival, die Sonne scheint – da will man ja nicht mosern und kann mal fünfe gerade sein lassen, den Bierbecher in die Abendsonne recken und „take me down to the paradise city where the grass is green and the girls are pretty“ mitsingen – womit um diese Uhrzeit sicher nicht mehr der Festivalcampingplatz gemeint sein kann…

Wo man schon gerade die Hauptbühne im Blick hat, verweilt man doch kurz noch dort: Jeder, der sich sorgte, dass Jay-Z nicht auf einem Festival wie Rock am Ring funktioniert, hat den Mann einfach noch nie live gesehen. Mit seiner Band im Rücken ist er näher dran an einem Rock- oder Crossoverkonzert als an einem HipHop-Gig. Und seine Hits wie „Hard Knock Life“, „99 Problems“, oder seine jüngere Liebeserklärung an New York „Empire State Of Mind“ scheint dann plötzlich auch jeder zu kennen. Aufbereitet mit teilweise recht aufwendigen Leinwandvisuals bot Jay-Zs Gig wenig Angriffsfläche, ließ aber doch einen großen Teil des Publikums in den hinteren Reihen kalt. Der Jubel hätte jedenfalls lauter sein können. Jay-Z dürfte es egal gewesen sein. Gerüchten zufolge hatte er seine Gattin Beyoncé dabei und wurde backstage beobachtet, wie er gemeinsam mit ihr losging, um sich den Rage Against The Machine-Gig anzusehen.

Rage Against The Machine waren dann erwartungsgemäß die Gewinner auf der Hauptbühne, obwohl sie ihrem Gesamtwerk und ihrer Live-Show nichts Neues mehr hinzuzufügen wissen. Was man ebenso als Erfolgsrezept auslegen könnte. Der rote Stern auf der Bühne blieb wie schon vor zwei Jahren die einzige, aber eindeutige Deko, die Arbeitskluft ist seit 1991 überwiegend ähnlich und am Intro ändert sich in diesem Leben auch nix mehr: Fliegersirene, die Ansage, „Good Evening we’re Rage Against The Machine from Los Angeles, California“ und ab geht’s.

Erstaunlich bleibt die Tatsache, dass einem Nostalgie hier nur selten in den Sinn kommt, weil Lieder wie „Bombtrack“, „Bullet In The Head“, „Freedom“ oder „Guerilla Radio“ so einzigartig in Stil und Sound stehen, dass sie einem noch heute zeitgemäß erscheinen. Die Wucht, die der schwersttätowierte Stiernacken Tim Commerford am Bass gemeinsam mit Brad Wilk an den Drums zum Anschieben der Songs aufbringen, das schier endlose Arsenal an massiven Mitspringriffs und Störgeräuschen, die Tom Morello aus seinen Gitarren zu holen weiß und die manisch-charismatische Sangeskraft von Zack de la Rocha – das alles ist auch heute noch so passgenau, dass es immer noch und immer wieder funktioniert.

Dass die Band überhaupt gealtert ist, sieht man nur, wenn man in den Nahaufnahmen auf der Leinwand nach Spuren sucht und sie mit viel Fantasie in de la Rochas Augen findet. In ihrer Show findet man diese Spuren nicht: de la Rocha stampft und springt über die gesamte Bühne, Commerford tänzelt wie ein wütender Boxer, Morello biegt seinen Körper ähnlich bizarr, wie er die Saiten spielt und Wilk ist an seinen Drums ganz Muskel, Schweiß und Rhythmustier. Problematisch bleibt dennoch das oft zu platte oder zu populistische Spielen mit politischen Zeichen. Der Stern ist das eine, die Internationale, laut in ihrer deutschen Version vor der Zugabe gespielt ist die andere. Und dass im Publikum später eine amerikanische Flagge verbrannt wird, vermutlich von den selben Leuten, die vorher noch dem amerikanischen Traum Jay-Z zugejubelt haben, das macht ihr Schaffen denn doch platter, als es eigentlich ist. Ambivalent bleibt es zudem, vor allem in Momenten, wo zehntausende wie gleichgeschaltet singen „Fuck you, I won’t do what you tell me“. Wobei man es schon fast als Ironie auslegen könnte, dass de la Rocha dabei mit dem Finger auf das Publikum zeigt und diabolisch grinsend singt „now you’re under control“. Schön auch, dass im Anschluss des obligatorischen „Killing In The Name Of“-Abschlusses kurz ein Hauch von Klassenkampf in der Luft lag, als das abziehende Publikum mal wieder lautstark „Scheiß Tribüne!“ in Richtung der „VIP-Knödel“ (O-Ton Nebenmann) skandierte.

Auf den Nebenbühnen konnte man am Freitag nur gelegentlich fündig werden – wenn man es nicht so sehr mit derbem Gedresche hatte. Ähnlich „farblos aber gut“wie die Editors war der Auftritt von Brit-Girl Ellie Goulding, deren Folkdance auch live eine Spur zu glatt klingt, dennoch im strahlenden Sonnenschein gut funktionierte. Da hat es Kollegin Kate Nash schon besser, vor allem mit ihrem starken zweiten Album „My Best Friend Is You“ im Rücken. „Kiss That Grrrl“ und „Do-Wah-Doo“ oder das sperrige „I Just Love You More“ sind in ihren trotziger klingenden Live-Versionen noch unwiderstehlicher.

Speaking of Trotz: Die Abendgewinner der Alterna Stage waren unangefochten Kasabian, die mit jedem Gig auf’s Neue beweisen, dass sie auf die ganz großen Bühne gehören. Nicht nur, weil Tom Meighans pöpeliges Auftreten und Menge-Befeuern wirkt, als wäre er ein Liam Gallagher, der aus einem vitaleren Paralleluniversum stammt, wo selbst ein Gallagher endlich mal auf die Füße und aus dem Arsch bzw. in den Quark kommt, sondern auch weil sie aus ihren drei Alben inzwischen eine Setzliste zehren können, die alle Facetten eines großen Rockkonzerts abdeckt: „Club Foot“ als Tanzstampfer, „Where Is The Love“ als Hände-in-die-Luft-Gröhlhymne und „Shoot The Runner“ als Gelegenheit für Meighan, sich als charismatischen Irren zu präsentieren. An diesen Auftritt kam nichts mehr heran, nicht einmal Jan Delays erneut gestoppter Partyexpress, der ihn wie immer als gewinnenden Oberstyler zeigte.

So ging’s also zu an den ersten Tagen auf dem Rock am Ring. Just in diesem Moment bringt sich hier nun schon wieder Dizzee Rascal in Stellung, um „Bonkers“ zu gehen. Die Redaktion bleibt weiter vor Ort und wird auch morgen und übermorgen vom Nürburgring berichten.
Wer sich das Geschehen musikjournalistenungefiltert im Live-Stream geben will, dem sei der formidable Live-Stream der Veranstalter empfohlen.

Text: Daniel Koch
Foto: MLK