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Rolling Stone Weekender: Highlights der Redaktion


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Dann und wann ein kleiner Elefant – von Arne Willander

Schon bei der Ankunft wunderte ich mich über das herzergreifende Trompeten, das zu dem Parkplatz hinüberdrang. War es bereits Josh T. Pearson, der sein Liesbesleid klagte, oder Benjamin Blümchen? fragte ich mich. Gebeugte Reporter mit Kameras auf den Schultern und riesigen Pelztieren an Stangen bewegten sich am Minigolfplatz vorbei; es war so kalt, dass der Atem gefror.

Trotzdem ging ich der Sache auf den Grund, schlug den Kragen der Funktionsjacke hoch und schaute vorsichtig um die Ecke. „Dschungelland“ stand dort über einem Pavillon, und darin posierte ein kleiner Elefant. Etwa alle fünf Minuten hob das Tier den Rüssel und trötete kräftig. Wollte er auf sein Schicksal aufmerksam machen, so fern der Heimat vor einem „Dschungelland“ Wache stehen zu müssen? Oder wollte er die Besucher des Indoor-Komfort-Festivals begrüßen? Ahnte er schon, dass Anna Calvi abends nur 45 Minuten spielen würde, obwohl ihr erstes Album 60 Minuten läuft? Fand er sein Revier überfüllt von komischen Menschen, die in alten Schallplatten blätterten und „Wir sehen uns im Baltic!“ oder „Auf dem Flyer stand aber 16 Uhr!“ riefen?

Der kleine Elefant schwieg bis zum nächsten Trompetenstoß. Im „Dschungelland“ war es schummrig und warm, Meerschweinchen faulenzten in einem muffigen Gehege, und an den Tischen des Restaurants im Nebenraum schwang sich alle paar Minuten ein Affe an der Decke entlang, Papageien kreischten, ein Nashorn röhrte und stöhnte, und immer mal wieder gab es einen tropischen Donnerschlag, woraufhin für einen Moment das Licht erlosch. Die Kellnerinnen trugen Safari-Uniformen mit der Aufschrift „Ranger“. Ich bestellte den Eisbecher „Mogli“.

Draußen trug ein Mann mit nacktem Oberkörper die Mülltüten weg.

„Rock’n’Roll ist das Allerschönste!“ – Birgit Fuß

Wie soll man den Weekender nicht lieben? Nur dort trifft man Menschen, die sich besorgt nach dem Gesundheitszustand von Ryan Adams erkundigen, die den Namen jedes Walkabouts-Albums kennen und wissen, welche Sorte Hut Jeff Tweedy trägt. Man hört, wie sich Anfang-Zwanzigjährige über die Vorzüge der Borowski-„Tatorte“ unterhalten und ob Henning Mankell nicht überschätzt ist. Eine Ecke weiter wird diskutiert, ob man Elbow mögen darf, obwohl sie doch „eher Mädchen-Mainstream“ machen (was immer das ist), und was von Ed Sheeran zu halten ist (viel, wie sich herausstellte). Es ging überall um Musik, Musik, Kultur, Bier, Musik, Rechthaberei, Musik, Bratwürste, Musik, Musik, Musik, Apartments, Biervorräte, Fernsehen, Frauen, Musik, Musik, Besserwisserei, bis das nächste Konzert beginnt. Dann verstummten plötzlich alle und hörten tatsächlich richtig zu. Ist auch nicht bei jedem Festival so. (Ach, ich mag unsere Leser!)

Thees Uhlmann mag sie offensichtlich auch: Was ihm am Weekender so gefalle, sagte er, sei die Tatsache, dass hier vor allem zynische Männer über 35 sind, die alles Mögliche bemängeln – und ihr Ticket für nächstes Jahr trotzdem schon reserviert haben. Unter anderem kommen wir alle natürlich immer wieder, um Konzerte wie das von Uhlmann im Baltic-Festsaal zu sehen: eine Stunde mit wunderbarer Rockmusik und lustigen Geschichten – extrem kurzweilig, aber nicht auf billige Art und Weise. (Cake gelang im Zelt später Ähnliches – und damit hatte man nach vielen mageren Jahren gar nicht mehr gerechnet.)

In der Galeria begegnete ich zufällig noch Marcus Wiebusch, und zu all den netten Weekender-Überraschungen kam ein Vorfreudegrund für 2012. Wahrscheinlich darf man es jetzt noch gar nicht verraten, aber ich sag’s mal so: Ich mag Kettcar, und ich freue mich auf Februar und die neuen Alben, die dann erscheinen. Denn insgesamt hat Thees Uhlmann es wieder mal auf den Punkt gebracht: „Rock’n’Roll ist das Allerschönste!“

„Sexy und unsexy, in Allwetterjacken und Kapuzenpullis“ – von Joachim Hentschel

Endlich weiß ich, wie man den, das oder die Loco-Motion macht, und zwar seit diesem unwahrscheinlichen Moment, Samstagnacht, in der Passage. Wir hatten das langweilige Zeltkonzert von Elbow vorzeitig verlassen, wollten uns schon mal die besten Wodka-Orange-Sitzsäcke für die Witthüs-Party sichern. Wir hörten es, als wir durch die Glastür kamen: Der vordere Plattenhändler hatte zu handeln aufgehört und die Boxen aufgedreht.

„Venus“ von Shocking Blue lief, und mitten im Gang, zwischen den Zierpalmen, auf dem schachbrettgekachelten Floor, hatten die Leute zu tanzen angefangen. Sexy und unsexy, in Allwetterjacken und Kapuzenpullis, zehn, fünfzehn Junge und Alte. Durch die Fenster leuchtete frostblau das Licht vom Zelt, und ich musste kurz an die vielen Nächste denken, die ich in eigentlich zum Tanzen gedachten Clubs verbracht habe, im Pulk der Rumstehenden. Während an diesem expliziten Nicht-Tanzort etwas passierte, zu dem man niemals Vorab-Flyer hätte verteilen können, und dann legte der Plattenmann „The Loco-Motion“ von Little Eva auf: „Everybody’s doing a brand new dance now!“ Aber mitgetanzt hab ich trotzdem nicht.

„Ein Lied über die Sehnsucht nach dem Meer“ – von Maik Brüggemeyer

Ganz schön mutig, ein Festival mit The Notwist beginnen zu lassen, einer Band, die ja an sich quasi schon ein Festival ist, weil sie so viele Stile in sich vereint. Anderseits ist man da, wie Joachim Löwsagen würde, noch „mental frisch“, kann die manchmal nur angedeutete Größe dieser Lieder erkennen, die fehlenden Teile im Kopf dazu malen. Das lässt das Oberstübchen tanzen und fährt irgendwann sogar in die Beine.

Die Vorfreude auf spannende Musik wurde jedenfalls geschürt durch diesen Auftritt, die Sinne waren geweckt. Um die Intensität aufrecht zu halten, musste man das Sampling und die stilistischen Sprünge anschließend allerdings selbst besorgen: durch mehrmaligen Ortswechsel. Durch Wanderungen von Evening Hymns zu Portugal. The Man zu Timber Timbre etwa. Im Augenwinkel sah man Leute nervös umherstreifen. Wie Tiere, die wissen, dass in wenigen Stunden die Gewalt der Natur ihre Leben durchrütteln und -schütteln wird.

Es begann gegen 23.30h mit einer leichten Brise. Sechs Männer, ungefähr im Alter des Weekender-Publikums, zupften und pinselten eine Folkballade auf die Bühne, erzählten vielstimmig von Vater und Sohn, Gott und Schuld, Tod und Erlösung. Dann ein Lied über die Sehnsucht nach dem Meer, das nur ein paar Meter entfernt von der Bühne auf den Sandstrand schwappte. Alle hingen an den Lippen des Sängers, rochen den Bourbon in seinem Atem, lauschten den Worten, die er aus Büchern gefischt hatte, die man eh niemals alle lesen wird. Unter seiner Stimme braute sich schon ein Unwetter zusammen, ein Donnergott ließ Blitze fahren, eine Band zelebrierte die Entfremdung, unterlegte sie mit krankem Krach – in ihrer Heimat Chicago nennt man das Illinois.

Natürlich ist hier die ganze Zeit von Wilco die Rede, die ihre Setlist fürs Festival nicht etwa um die erhabenen und verstörenden Elemente, sondern um die Hits gekürzt hatten. Kein „Jesus etc.“, kein „Theologians“, kein „You And I“, dafür gleich zu Beginn „Sunday Morning“, „Poor Places“, „Art Of Almost“, „I Am Trying To Break Your Heart“ und „Bull Black Nova“. Ein Fest, ein Rausch, die Vermählung von Sonic Youth und den Beatles, den Silver Apples und Television, John Coltrane und den Byrds, Neil Young und Neil Young. An den leuchtenden Augen erkannte man in den nächsten Stunden die Zeugen dieser Epiphanie. Die Nacht flackerte, die Dunkelheit verzog sich ins Landesinnere.

Intensives Glitzern – von Lars Friedrich, Redaktionsvolontär

Nach ein paar Kilometern wird der Strand steinig und schlammig, auf der Ostsee spiegelt sich quecksilbrig das Mondlicht, und ein Schild warnt vor Schießübungen. Doch es bleibt still. Bis der Wind die ersten Töne von The Notwist herüberweht. Rauf auf einen Rettungsschwimmer-Turm: Von hier kann man das Zelt sehen, in dem die Musik spielt; das Festival hat begonnen – höchste Zeit zurückzurennen! Zu Anna Calvi, der Diva und Gitarrenhexerin. Zu den sinisteren Klängen von Timber Timbre. Zum Schluss zu Wilco, deren Auftritt einen überzeugten Nörgler vom Gegenteil überzeugt. Am nächsten Tag folgen Wladimir Kaminers amüsante Ausführungen über Russland und Rammstein. Amy LaVeres erstes Mal in Deutschland beginnt gut und endet noch besser. Explosions In The Sky und Heather Nova spielen auf einer Nebenbühne vor relativ lichten Reihen relativ mitreißende Konzerte. Und Susanne Sundfør teleportiert den Zuhörer mit Stimme und Keyboard hinaus aufs nächtliche Meer, auf dem das Mondlicht längst nicht mehr quecksilbrig wirkt – auch wenn es inzwischen noch viel intensiver glitzert.

„Süß, diese Liebe zum Detail.“ – Jacqueline Krause-Blouin, Redaktionspraktikantin

Schon beim Einchecken fiel mir der putzige, blaue Elefant mit seinen zwei Babies im Kinder-Dschungelparadies auf.

Er trötete fröhlich, er spritzte Wasser – Er war Fake. Auch seine Kinder waren Attrappen. Die roten Blumen auf dem Tisch im Restaurant: Fake. Der grüne Grasboden auf unserem Balkon: Fake. Ich richtete mich also auf ein unechtes Wochenende ein. Freitag Nacht, es muss wohl gegen vier Uhr morgen gewesen sein, ging ich, noch immer beschwingt von der unglaublichen Anna Calvi, in Richtung Wasser. Strand statt Stand.

Ich kletterte mit meinen Cowboystiefeln über Stacheldraht, wanderte durch die Dünen und da sah ich sie: Eine Kuh! „Rodeo!!!“ schrie ich, rannte auf sie zu um auf ihr zu reiten und freute mich dieser verrückten Idee eine Fake-Kuh am Strand aufzustellen.

Sogar an den Stacheldraht hatte man gedacht um es möglichst echt aussehen zu lassen. Süß, diese Liebe zum Detail.

Mein letzter Whiskey war wohl doch zu viel gewesen, denn plötzlich rannte die Attrappe auf mich zu und hinter ihr erschien eine ganze Attrappenherde.

Mein Schrei muss ein furchterregender gewesen sein, in einer kuhunfreundlichen Frequenz, denn die Kuh und ihre Freunde waren so erschrocken, dass alle am Ende vor mir weggerannt sind.

„Schade, dass Mr. Tweedy schon wieder weg ist.“ – von Daniel Koch, Online-Redakteur

Samstag, 15 Uhr 30. Endlich mal so was wie Ruhe. Es ist ja nicht so, dass man das alles nicht gerne macht: Diese Konzerte, die vielen,interessanten Gespräche, die Biere, die Bandinterviews, die Videos, die man dreht, das Teamgefühl, das an solchen Wochenende aufkommt. Aber irgendwann kriegt man halt diesen Koller, das Gefühl zu viel geredet zu haben, nur noch von A nach B zu rauschen, um dann drüber zu schreiben.

Deshalb: Endlich mal Pause. Für eine halbe Stunde. Bei dem Wetter geht man natürlich zum Meer. Wie kitschig. Aber immer wieder gut. Die kalte Luft, das klare Wasser, der Wind, das wogenden Deichgras, der Steg. Dort steh ich nun, die Sonne scheint schon wieder unterzugehen. Eigentlich wollte ich ja mal Ruhe habe, aber dann ist da trotzdem dieser Drang, wieder die passende Musik im Ohr zu haben. Ein gutes Zeichen, oder? Euphorie trotz Überdosis. Und auch wenn ich den Weekender mal für ein paar Minuten ausblenden sollte, lande ich auch bei der Songauswahl wieder beim schönsten Song des Vorabends – „One Sunday Morning“ von Wilco. Ich stehe und lausche. Zwölf Minuten und zwei Sekunden stehe ich so in der Sonne. Ein Bild wie eine beschissene Fotografie aus der Neon – mit dem Unterschied, das man dabei nicht so gut, aber hoffentlich auch nicht so unecht aussieht wie diese Eigentlich-sollten-wir-doch-Erwachsen-sein-Visagen.

Danach geht es mir besser – und ich denke: Schade, dass Mr. Tweedy schon wieder weg ist. Ich hätte dem Grummelkopp gerne noch einen Dank für diesen Moment auf den Weg gegeben.

Nicht ganz ohne Musik – von Julia Maehner, Praktikantin der Online-Redaktion

Als noch grünes Praktikantenvögelchen der Online-Redaktion freut man sich natürlich so dermaßen auf sämtliche Gadgets die so ein Praktikum mit sich bringt – ganz besonders auf das Hausfestival, Festival de luxe sozusagen.

Und das war es dann auch: Von den süßen kleinen Bungalows und dem wunderbaren Austragungsort abgesehen, zog mich vor allem die geschäftige Einkaufspassage in den Bann, in der es zu jeder Tageszeit so geschäftig summte und brummte und die Musik aus allen Poren drang. Da machte es auch nichts, dass man meist eilig von einer Session zur nächsten hetzte, die Canon 5D Mark „Zwo“ inklusive Schulterstativ in der Hand und immer ein oder zwei Schritte hinter Video-Kollege Schmidt, der mit seinen meterlangen Beinen einfach schneller war als ich Zwerg.

Von den Konzerten habe ich nicht viel mitgekriegt. Ist aber nicht weiter schlimm – denn so ganz ohne Musik war ich auch nicht, es gab ja noch unsere Akustiksessions. Auch wenn Heather Nova für meinen Geschmack viel zu zickig und Matthew Caws Katzensong viel zu schnell vorbei war… Wenn die Stimme des Sängers nur von Gitarre und – wie bei den Howling Bells – noch von einem Zuckerstreuer begleitet wird, man jedes Zucken im Gesicht sieht, jedes noch so versteckte Lächeln und jede verkorkste Eigenart der einzelnen Künstler… Das ist schon wirklich toll. Und wenn man das auch noch mitschneidet und alle Welt das dann sehen darf – das ist noch viel toller.


Fleet Foxes veröffentlichen überraschend neues Album „Shore“

Fleet Foxes haben überraschend ihr neues Album „Shore“ herausgebracht. Es umfasst insgesamt 15 Songs, die vor und während der grassierenden Coronavirus-Pandemie aufgenommen wurden und nun via ANTI- Records das Licht der Welt erblicken. „Shore“ im Stream hören https://open.spotify.com/album/0lmjCPEcec2k6L7ysNIcd3?si=n4xM6xBFTqOktMkBXkKJrw Einer offiziellen Pressemitteilung zufolge hat sich Robin Pecknold beim Schreiben der neuen Songs diesmal von Künstler wie Arthur Russell, Nina Simone, Sam Cooke und Emahoy Tsegué-Maryam Guebrou inspirieren lassen. „Für mich ist ‚Shore‘ ein Ort der Sicherheit am Rande von etwas Ungewissem“, erklärt der Sänger, „auf der einen Seite fühlt man sich von dem unbekannten Abenteuer angezogen, aber gleichzeitig ist man froh…
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