Exklusiv im Stream: Die Red-Carpet-Show
des INTERNATIONAL MUSIC AWARD

Smashing Pumpkins: 25 Jahre „Siamese Dream“– Billys dröhnende Mondfahrt

Dieser Text erschien zuerst im August 2007.

„Seine Augen waren rot“, berichtete der „NME“ aus dem dunklen Studio, in dem Billy Corgan eben „Siamese Dream“ abgeschlossen hatte, eine Platte, von der er wusste, wie großartig sie ist. Mit Butch Vig, der ein Jahr zuvor „Nevermind“ produziert hatte, nahmen die Smashing Pumpkins in Atlanta das Album auf, anschließend mischten Corgan und Vig die Songs. Es klingt so schön abgedroschen, und es ist so wahr: „Gish“ war ein wunderbares Versprechen, „Siamese Dream“ mehr als die Erfüllung. Die Gitarren surren wie eine Million wütende Wespen, manchmal kippen sie plötzlich ein tieferes sonisches Register, darüber wird ein flirrendes, hochtönendes Solo gespielt, Corgans meckernder Gesang mäandert – und manchmal wird die Musik ganz zart und durchsichtig und pizzikat, wie in „Hummer“, und Corgan wispert: „Ask yourself a question/ Anyone but me/ I am free.“

In jenem Sommer 1993 wartete man auf die dritte Nirvana-Platte, die dann erst im Spätherbst erschien. Die Smashing Pumpkins waren das nächste große Ding, das war klar, und Sebastian Zabel schrieb in „Spex“: „Die beste Band der Welt. Bis übermorgen.“ Aber übermorgen kann verdammt lang werden. Als „Disarm“ auf MTV explodierte, das Lied mit den Kirchenglocken, den Streichern und dem Pathos einer Beethoven-Sonate, wurde die Sentenz „The killer in me is the killer in you“ so geläufig wie „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“. (Na ja, oder „Nicht nur sauber, sondern porentief rein.“) Das war gewaltig, das Herz pochte, und Corgan sang etwas noch Größeres, noch Rührenderes, noch Sentimentaleres: „I used to be a little boy/ So old in my shoes.“

Disney und die Gebrüder Grimm

Der Sommer ging zu Ende, „Siamese Dream“ nicht. Unverhofft kam Billy Corgan nach Hamburg, um Reklame für das Album zu machen. In den USA war er ein Superstar in der Mache, in Deutschland reichte noch das „Holiday Inn“. Er war sehr groß und sehr schlank, seine Haare waren ordentlich geschnitten, er schaute mit offenem Blick, auch seine Hände waren groß und seine Augen. Er erzählte von diesem siamesischen Traum, der „wie ein Regenschirm“ über der Platte aufgespannt sei, von Disneys Zeichentrick-Filmen und den Grimmschen Märchen, die ihn als Kind geängstigt hatten, von seinem Bruder, um den er sich kümmerte, von Chicago und seiner Liebe daheim und dem Haus, das er kaufen wolle.

Billy Corgan war 26 Jahre alt. Er war der freundlichste Gesprächspartner, den man sich denken kann. Ein Träumerle, ein Idealist und Phantast. Aber natürlich verbarg sich in diesem aufgeräumten großen jungen auch der kleine, nissige Tyrann, der James lha und D’Arcy kujonierte und der später Drogenfreund Jimmy Chamberlin aus der Band warf, um seinen letzten genialen Ego-Trip, „Adore“, allein aufzunehmen.

Smashing Pumpkins in London im Juli 1993 (Photo by Paul Bergen/Redferns)

Natürlich gibt es auch gigantischen Leerlauf auf „Siamese Deam“, das Gelärme von „Geek U.S.A.“ etwa. Aber dann gibt es wieder das Intro von „Mayonaise“, das wie eine Naturschönheit ist, wie ein wilder Wasserfall, eine vollendete Lyrik, noch bevor Corgans Gesang einsetzt.

Unfassbar, dass der Mann, der diesen erhabenen Gitarren-Sound gemeinsam mit Corgan produziert hat, später für Schund wie Garbage verantwortlich war. „Spaceboy“, die Ode an den Bruder, ans Weiterleben und Heimkehren, spielten sie dann auch beim Konzert im Winter, und die Kerle, die eben beim Moshen vor der Bühne gewackelt hatten, schauten jetzt mit schlierigem Blick drein. „We won’t belong, we won’t belong.“ Und dann dröhnte der Gitarren-Sturm von „Cherub Rock“ alles weg. Es war ein ganz und gar himmlischer Lärm.

Später wurde Corgans Musik immer geblähter und dabei hohler, seine Attitüden und Kostüme wandelten sich, und der Glatzkopf verhieß nichts Gutes. Mit dem Glatzkopf und den Glitzeranzügen kamen Ironie, Überheblichkeit und das Gift des Zitate-Rock in Corgans Kunst. Er wollte The Cure sein, Cheap Trick, Black Sabbath, schließlich die Scorpions. Mit diesem verzweifelten Eklektizismus verlor er die Unbedingtheit und die Poesie. Auf „Zeitgeist“ heißt ein stück sogar „Pomp And Circumstances“. Spaceboy, wir vermissen dich.

Leute, die in den Achtzigern jung waren, nahmen früher stets eine Platte zur Hand, wenn sie etwas Tolles schreiben wollten: „The Queen is Dead“ von den Smiths. Leute, die kaum zehn Jahre jünger sind, greifen immer zur Platte ihrer Jugend: „Siamese Dream“. Besser wurde es nicht mehr.

Paul Bergen Redferns


Schon
Tickets?

Hasen, Hits und Hühner-Erzeugnisse: 10 Pop-Ostereier

Die folgende Liste legt erstaunliche Erkenntnisse ins Osterkörbchen. Denn wenn das fünfte Stück Rübli-Torte bereits an seiner Wiederauferstehung arbeitet (wegen: speiübli) und man zur gastralen Ablenkung schon darüber sinniert, warum der Osterhase in der Öffentlichkeit denn immer noch diese unförmigen Latzhosen anstatt der logischen Karottenjeans trägt, dann ist es an der Zeit für ein paar popmusikalische Überraschungseier: 1. Pilzkopf mit Eierkopf-Lyrics Paul McCartney hatte die Melodie zu „Yesterday“ zunächst mit Dummy-Lyrics ausgestattet, unter dem Arbeitstitel „Scrambled Eggs“; und auch der „egg man“ (jetzt bloß nicht an die gehörgangparasitäre Nummer von Klaus & Klaus denken...klingelingeling!) findet im Beatles-Klassiker „I Am The…
Weiterlesen
Zur Startseite