So war das Orange Blossom Special 16: Hömma hin, komma her!


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„Hömma!“ Das Motto des diesjährigen OBS war sozusagen den Mundwerken der Region abgeschöpft. Und wer diesen amüsanten verbalen Auswurf, der wahlweise „Hör mal!“, „Pass mal auf!“ oder so was wie „Ey!“ oder „Hey!“ heißt, noch nicht kannte, der hat ihn sich nach den drei Festivaltagen und dem ein oder anderen Bier mit Ortsansässigen genüsslich draufgeschafft. Das hörte man dann spätestens am Sonntag, als sich das ganze zu einem Running Gag entwickelt hatte, der es zwar nicht mit der auf Großfestivals gefürchteten „Helga!“ aufnehmen kann, aber fortan sicher auch in die Festivalwelt getragen wird. Passte ja auch einfach zu gut, wenn mal wieder ein Mitglied des eigenen Zeltcamps blind an einem vorbeilief, oder wenn mal wieder jemand das Motto nicht im Blick hatte, das neben der Bühne hing: „Reden ist hinten, Zuhören ist vorne“. Ach ja, wenn jemand nicht so ganz wusste, welche Band gerade auf der Bühne steht, konnte man das ganze noch zu einem „Ey, hömma hin!“ modifizieren.

Und – das muss man mal sagen dürfen – es ist keine Schande, wenn man den ein oder anderen Act des OBS nicht kennt. Denn so funktioniert das hier: Wer auf die Terrasse / Bühne der Glitterhouse-Villa tritt, entwuchs entweder dem international verzweigten Labelstammbaum (und dürfte den rege teilnehmenden Nachbarn aus Beverungen recht unbekannt sein), ist ein Geheimtipp, der seinen ersten Deutschlandauftritt absolviert (wie die Grönländerin Nive Nielsen), oder ist eine Band, die man sonst von kleinen Clubgigs kennt, die hier nun plötzlich zur Prime Time den Abend bespielt und eine Quasi-Headliner-Rolle ausfüllen muss – was dann auch, wie im Falle der Schweden von Immanu El, mal in die Hose gehen kann, aber meistens vorzüglich funktioniert.

Dass hier die Bands trotzdem ausnahmslos vor vollen Reihen spielen, liegt an der speziellen Mischung des Publikums, denn dem großen Anteil neugieriger Einheimischer stellt sich ein Topchecker-Publikum aus allen Altersspektren zur Seite – vom Jutebeutel-tragenden Indie-Hipster, der sich auf Scott Matthew und Erland & The Carnival freut, bis zum Bridge School Festival-Shirt-Träger, der sich hier seine deftige Portion Americana abholt, zu Israel Nash Gripka die Matte schwingt, um dann in sich gekehrt am Sonntagabend zu den Dramen von Spain das letzte Bier zu trinken. Und wer sich nun fragt, warum das alles so harmonisch funktioniert, dem sei als Antwort angeboten: Weil man sich dem Charme dieser Veranstaltung einfach nicht entziehen kann. Und wer es nicht ganz so romantisch sehen will, der entscheide sich eben für: „Weil das Bier so günstig ist (und sogar vom Getränkefachgroßhandel Groppe gekühlt all the way von der Lindenstraße 3 direkt auf den Campingplatz geliefert wird).“

Musikalisch begann das OBS recht stark, und wer – wie der Autor dieser Zeilen – mit einer Reifenpanne zu kämpfen hatte und noch mal den Wagen wechseln musste, der verpasste zwei – nach Zeugenaussagen – wundervolle Konzerte. Den Festivalauftakt um halb sechs von Alamo Racetrack und die melancholischen Folkwanderungen von Christian Kjellvander. Erstere wurden ja bereits in unserem Heft in der „Breaking“-Rubrik gelobt. Zu Recht, wie viele sagten: Die Niederländer verstehen es mittlerweile, ihre wendungsreichen Kompositionen zwischen Folk und Pop ebenso zwingend auf die Bühne zu bringen, wie es aus ihren Alben klingt, vor allem aus ihrem letzten „Unicorn Loves Deer“. Kjellvander hingegen ist einer jener kantigen Barden, die die abgerissenen Tourkilometer schon als Narben auf den Stimmbändern tragen und mit ihren raunenden Stimmen von transatlantischen Reisen singen. Das hätte man sich zu gerne an diesem lauen Sommerabend angehört. Wenigstens wurden die vom langen Fahren gequälten Füße im Anschluss von den Moon Invaders in Schwung gebracht. Es ist  nämlich ebenso OBS-Tradition, auch ein wenig Rocksteady und Rockabilly ins Line-up zu mischen, und in dieser Sparte machte das muntere, neun Mann starke Kommando aus Belgien seine Sache sehr gut. Ähnlich schmissig geriet der Tagesabschluss mit The Miserable Rich – zumindest in der regulären Spielzeit. Ihr mal auf Kammermusik gedimmter, mal mit Schlagseite herausposaunter Folk überzeugt ja durchaus, nur haben sie es mit der Spielfreude fast ein wenig übertrieben und das Prinzip der Zugabe ad absurdum geführt. Man freut sich ja, wenn die Masse jubelt und die Band noch Bock hat, aber diese Jungs spielten gefühlt 12 Zugaben, obwohl das Oeuvre an guten Songs und Coverversionen nur für die halbe Strecke reichte.

Das Wort „Coverversion“ ist dann auch ein guter Übergang zum Samstag: Für Amanda Rogers, die – sehr zu Verärgerung der Veranstalter recht kurzfristig abgesagt hatte – überredete man Scott Matthew, seinen Urlaub zu unterbrechen. Seine Bedingung: Er spielte nix Eigenes. Was sehr schade war, denn auch wenn er von Simon & Garfunkel über Dylan, Morrissey und die Sex Pistols viele schöne Interpretationen vortrug, merkte man oft, dass sein dramatisches Organ und die ihm eigene Grandezza besser zu seinen eigenen Gefühlserkundungen passen. Dennoch war es ein echtes Highlight, mal im prallen Sonnenschein des frühen Mittags, die Worte „I wanna be anarchy“ im Scott-Matthews’schen Dramajaulen vorgetragen zu bekommen – größer und faszinierender können die Gegensätze nicht sein. Auch die Musik von Andrea Schroeder und ihre verrucht-schöne Stimme wollte nicht so recht in die Sonne passen, aber wenn man die Augen schloss, konnte man sich immerhin vorstellen, man stünde in einer schwülheißen, schummerigen Bar in, sagen wir, Los Angeles. Man tausche das Wort „Bar“ gegen „Garage“ und man hatte im Anschluss das perfekte Fuzztones-Erlebnis. Ihr scheppernder Rock aus der 60er-Garage dröhnte gewohnt gut – und wurde trotz der Hitze in standesgemäßem Lederschwarz vorgetragen. Was folgte waren zwei weitere Überraschungen: Der in New York lebende Israel Nash Gripka zeigte sich als würdiger Schüler von Jay Farrar und schafft es genauso uramerikanisch und im besten Sinne staubig zu klingen, wie Son Volt zu ihren besten, den frühen, Zeiten. Zweite Überraschung waren Navel aus der Schweiz um Jari Altermatt, der den Neo-Grunge seines Debüts „Frozen Soul“ hinter sich gelassen zu haben scheint und anscheinend viel Monster Magnet (die Frühphase), Kyuss und Queens Of The Stone Age gehört hat. Selbst wenn diese Referenzen momentan nicht gerade hip sind, Navels Sound tun sie erstaunlich gut. Die dürften einige neue Fans gewonnen haben mit ihrem Gig. Erland & The Carnival hingegen warfen im Anschluss die Indie-Orgel an und brachten ihren melodischen, mit allerlei Chören angereicherten Sound lebhaft an Mann und Frau. Leider hat man bisweilen das Gefühl, das zwei Drittel ihrer Songs nach dem selben Rezept geköchelt sind, was die Wirkung auf Langstrecke ein wenig verwässert. Aber man will hier nicht mäkeln: In den ersten Reihen wurde das Tanzbein geschwungen – hat also funktioniert. Was man dann leider zum Abschluss der sich redlich bemühenden Immanu El aus Schweden nur bedingt sagen konnte. Rembert Stiewe, Mitorganisator und Moderator, sagte schon fast ein wenig bittend: „Lasst euch drauf ein!“ Und man wollte es ja tun, aber so recht klappte es nicht. Immanu El sind eine dieser jungen, gut aussehenden, skandinavischen Bands, die sich die Adjektive „atmosphärisch“ und „elegisch“ in die Promozettel schreiben lassen. Damit das auch der letzte rafft, arbeitet man in der Bühnenshow auch noch mit einer Leinwand, auf der man „atmosphärische“ Bilder von Wellen und Wolken zeigt, die – natürlich – von einer Schifffahrt stammen, die man selbst im Rahmen eines Kunstprojekts absolviert hatte – natürlich, junge Leute, die so aussehen wie sie, fahren nur im Rahmen von Kunstprojekten Boot. Ach ja: Schwarz gekleidet, und zwar in schick und nicht in düster, waren sie ebenso. Leider ist die Musik dann soviel Elegie und Atmosphäre, dass die Band sich so in ihren einmal gefunden Sound verliebt, dass sie völlig vergisst, auch mal aus dem vernebelten Wegnicker-Sound und dem ewig gleich leiernden Gesang auszubrechen. Selbst wenn man sich mal zu einer Genre-üblichen Wall of Sound aufrafft und dem Keyboarder die dritte Gitarre in die Hand drückt, kommt das ganze ungefähr so fix von der Stelle wie ihr gefilmtes Segelboot bei Flaute. Da hilft dann auch nicht, dass die Musiker wie wild zucken und ihre Kurzhaarfrisuren ins Moschen bringen – im Gegenteil. Vielleicht ist man hier ein wenig unfair, aber die Meinung, dass die Jungs noch mal auf die Weide, oder aufs Schiff, oder auf ein Mogwai oder Sigur Ròs-Konzert müssen, war im Anschluss recht weit verbreitet.

Bevor wir uns dem letzten Tag des Festivals widmen, sollte man zwischendurch noch ein kurzes Loblied auf die OBS-Stimmung singen. Dass man dort so was wie ein Zuhause vorfindet, spürt man immer schon bei der Anreise, wenn man die vollgeparkten Seitenstraße durchstreift, um den an der Weser gelegenen Campingplatz zu erreichen. In diesem Jahr musste man dabei sogar mitten durch eine vor dem Bäckerzelt eingespielte Akustiksession für den Rockpalast durchfahren. Auch die Stimmung auf dem Campingplatz, der auf großen Festivals ja oft wie der neunte Kreis der Hölle erscheint, trägt viel zum gemütlichen Flair bei. Da hört man morgens schon mal Sätze wie diesen aus dem Großfamiliencamp am Eingang: „White Russian um halb zwölf mittags? Na dann weiß ich ja, wer heute Abend um zehn mit den Kindern im Zelt um die Wette pennt.“ Oder man wird beim Warten vor den Dixi-Klos von vorbeiradelnden Rentnern angesprochen, was das denn alles hier so wäre.

 „Und für so Musik fahren Sie den ganzen Weg von Berlin nach hier? Aber warum denn: Musikrichtungen gibt es doch wie Sand am Meer.“

 „Ja, aber hier spielen die Richtungen, die einem gefallen.“ 

 „Ja, aber welche sind denn das?“

 „Verschiedene. Folk, ein wenig Country, ein wenig Rock’n’Roll, Americana…“

 „Ah, so was wie Johnny Cash und Joan Baez?“

 „Ja, genau.“

Herrlich. Nach so einem Gespräch schmecken das Bier und die im Camp laufende Musik gleich viel besser. Selbst nächtliche Ruhestörungen geraten auf dem OBS übrigens oft angenehm. Wer wünscht sich denn nicht, nicht einschlafen zu können, weil im Neben-Pavillon lautstark mit alle Mann „No Children“ von den Mountain Goats gesungen wird? Eben…

Zurück zum Festivalgelände und hier zum Sonntag, der wie schon im vergangenen Jahr von einem „Surprise Act“ eröffnet wurde. Wer gesunde Augen und eine gesunden Plattensammlung hat, der hatte natürlich schon am Samstag Chris Eckman von den Walkabouts auf dem Balkon stehen sehen und eins und eins zusammengezählt. Dass Eckman Freund des Glitterhauses ist, dürfte ebenso bekannt sein. Hier spielte er nun mit den Jungs, mit denen er Bier trinkt, wie er im Vorfeld sagte. Oder „mit meinen Crazy Horse“, die bei ihm dann allerdings The Frictions heißen, aber ähnlich lang und laut mit ihren Gitarren jaulen können. Ein toller Einstand, der ebenso toll getoppt wurde von ClickClickDecker aus Hamburg, der hier mit Oliver Stangl an der Gitarre aufspielte und augenscheinlich gute Laune hatte. Und ja, das passt zu seinen vertrackt getexteten Trennungs- und Zweifel-Liedern wie „Die Suppe schmeckt auch kalt“ und „Es fängt an wie es aufgehört hat“. Sehr schön auch, wie die beiden kurz den „Outdoor Type“ anstimmten oder den befreundeten Songwriter Peer coverten, dessen Song „Schutzraum“ zumindest den Nerv der zugereisten Berliner treffen dürfte. „Früher waren wir woanders / Jetzt sind wir tätig, egal wo / Früher war das hier ein Schutzraum / Heute ist es ein Büro“, heißt es darin. Oder: „Die Freundschaften sind Kontakte / und der Status ein Symbol“. Wie wahr, wie wahr – und wie schön, dass einem in diesem Moment der Mann mit dem OBS-Shirt von vor zwei oder drei Jahren auffiel, das das Motto trug: „Das kann man nicht twittern!“ Kevin, wie ClickClickDecker im wahren Leben heißt, erklärte übrigens mit dem ihm eignen Understatement: „Der Song ist so gut, dass wir tierisch sauer sind, dass wir ihn nicht selbst geschrieben haben.“

Der Sonntagnachmittag hatte noch weitere überzeugende Acts und Higlights, aber da dieser Text schon eine Länge hat, die einem jeder Chefredakteur austreiben  würde, hier nur ein kurzer Sturm durch die letzten Stunden des 16. OBSs. Nive Nielsen, eine Inuit aus Grönland, die bereits mit dem Independent Music Award ausgezeichnet wurde, zeigte sich als mal charmant naive, mal als durchaus politische Songwriterin, die Umweltzerstörungen in ihrem Heimatland thematisiert. The Travelling Band wurden von Rembert Stiewe mit der Einleitung angekündigt, dass gerade viele Bands mit einem ähnlichen Sound sehr erfolgreich sind, obwohl sie nicht unbedingt besser sind. Damit waren dann sicher Mumford & Sons und die Fleet Foxes gemeint, die in der Tat recht soundverwandt mit der britischen Travelling Band sind. Und nach dem einstündigen Set hätte man die charmante Einleitung auch glatt unterschrieben. The Fog Joggers spielten dann bereits zum zweiten Mal – und diesmal sichtlich gereift – auf dem OBS. Waren sie vor zwei Jahren noch die übermotivierten, nervösen Jungspunde, formiert sich die Band nun um ihre simplen aber starken Melodien und die tolle Stimme von Sänger Jan Büttgen. Apropos „tolle Stimme“: Die tollste und schönste Stimme des Tages stammt dann natürlich von Josh Haden und seiner Band Spain, die für einen schwermütigen, aber erleuchtenden abendlichen Festivalabschluss sorgten. „I hear the leaves rustling/ I hear the thunder rolling in/ But your love came strolling in without a sound“ – da möchte man nur zu gerne mit der Freundin im Dunkeln zum Wagen schreiten, um mit dem Klang dieser Wort im Ohr die lange Heimfahrt anzutreten…

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