Sufjan Stevens: Schnauze voll vom eigenen Hang zur Epik.


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Über die Großartigkeit des neuen Sufjan Stevens-Albums „The Age Of Adz“ haben wir schon mehrfach geschrieben. Und wir werden es in der nächsten Printausgabe noch einmal tun – bzw. Maik Brüggemeyer in seiner ausführlichen Rezension. Nun sprach Sufjan Stevens in einem Interview mit der Irish Times ausführlich über die schwierige Phase, die dem Album vorausgegangen sei. Vor allem die Arbeit am Film für das Multimediaprojekt „The BQE“ habe ihn nachhaltig aus dem Tritt gebracht. „Die Arbeit daran war zu anstrengend und einnehmend. Ich habe mich kreativ verausgabt und fühlte mich, als hätte ich während des Arbeitsprozesses meine Orientierung verloren. Ich wusste überhaupt nicht mehr, was ich tue, und warum ich es tue.“ Es sei vor allem das Arbeiten außerhalb klassischer Songstrukturen gewesen, das ihn in diese Sinnkrise geführt hatte. Am Ende habe er gar Angst gehabt, nicht mehr zu wissen, wie man aus Sprache, Semantik und Musik ein Album formt.

Wenn man sich das zwar konzeptuell grob an der Geschichte des Outsider Art-Künstlers Royal Robertson angelehnte (und mit dessen Arbeit bebilderte) Album „The Age Of Adz“ nun anhört, kann und muss man feststellen, dass die Selbsttherapie geglückt zu sein scheint. Vor allem die Lyrics zeigen einen Stevens, der nicht mehr versuchen muss, Highways, urbane Legenden, historische Fakten, eigentümliche Gebäude oder Ortsschilder in seinen Songs unterzubringen. Gerade das sei sehr befreiend gewesen: „Ich wollte wieder direkter werden. So ist es persönlicher geworden, weil ich kein konkretes Objekt mehr hatte, auf das ich meine Gedanken projizieren musste. Es führte mich zurück zu meinen eigenen emotionalen Impulsen und Instinkte.“ Davon ausgehend, habe sich Stevens auch ganz bewusst die eigene Sprache vorgenommen. „Ich wollte sie auf ihren Kern reduzieren, auf das, was ich ausdrücken wollte: die grundsätzlichen Prinzipien von Liebe und Einsamkeit.“

Auch die Tatsache, dass es diesmal nur 11 Songs gibt (wobei der letzte, „Impossible Mind“ eine zwanzigminütige Eigentlich-sind-es-vier-Songs-Mogelpackung ist), sei diesen Erkenntnissen geschuldet. So sagte Sufjan Stevens: „Es ist eine Reaktion auf das theatralische Wirrwarr, das meine vorherigen Arbeiten ausgezeichnet hat. Ich hatte die Schnauze voll von diesem verkrampften, mäandernden Psychogebrabbel. Mein übertrieben epische Herangehensweise an alles hat mich regelrecht krank gemacht.“

Wer das Ergebnis dieser Gesundung noch einmal in voller Länge hören will, kann das hier im Albenstream von NPR noch eine Weile tun.

Und hier zwei Liveaufnahmen, die einen hoffen lassen, Mr. Stevens möge doch bitte in Deutschland auf Tour kommen:

„The Age Of Adz“ (live in Ithaca, 2009)

„Impossible Soul“ ((live in Ithaca, 2009)

Daniel Koch