Uwe Kopfs Typewriter: Grau bis grauenhaft

Handeln. mitmachen. bewegen:

Dieser Dreier in seiner ganzen Leere könnte von Uwe Seeler sein, um an seinen HSV und die Fans zu appellieren, damit der Verein doch noch den Abstieg aus der ersten Fußball-Bundesliga verhindert. Aber der Dreier stammt aus einem Reklamevideo für die achte Europawahl (die Deutschen wählen am 25. Mai) – die drei Verben scheinen Dynamik anzukündigen, doch wenn der Bürger an das Europaparlament in Brüssel denkt, dann müssen ihm eher die Verben ‚schlafen‘, ‚verweigern‘, ‚bremsen‘ einfallen.

Gerecht oder nicht, die Europawahl verhält sich zu einer Bundestagswahl wie ein Freundschaftsspiel der Fußball-Nationalmannschaft gegen Bulgarien zum WM-Finale zwischen Deutschland und Brasilien. Erstwähler könnten sich vielleicht davon angezogen fühlen, dass die Kandidatin Keller, die für die Grünen antritt, den Vornamen eines Musikstils hat (Ska). Den EU-Abgeordneten fehlen Identifikationsfiguren. Es gab mal zwei Ausnahmen: den Sozialdemokraten Verheugen (der mit den Lippen) und den ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Bangemann (FDP), der aussah wie Helmut Kohls unehelicher Sohn.

Bangemann und Verheugen waren EU-Kommissare, das klingt immerhin ein bisschen nach Krimi. Der SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz darf jetzt für sich verbuchen, dass der Italiener Berlusconi spottete und Schulz aufblies – er erinnere an einen SS-Wachmann; tatsächlich schleicht Schulz durch die Bürokratenräume, er könnte auch als Einbrecher arbeiten. Berlusconi und andere Vereinfacher und Schreier haben Zulauf und glitzern im Vergleich mit all den Martin Schulzes: Sie wirken jederzeit so, als wären sie aus einer Komödie über den Durchschnittsspießer entsprungen, bei der Kurt Tucholsky und Neil Young sich die Regie teilen. Da hat mancher CDU-Ortsverein noch mehr Glamour zu bieten.

Wenn der Kollege Hans-Olaf Henkel in einer Talkshow sitzt, dann riecht es nach Umsturz (glaubt Henkel), er schmückt die Alternative für Deutschland (AfD) und gehört also zu den Euro-Rebellen; mit ihrer Neinsagerei ähneln sie der UK Independence Party auf der Insel und den Wahren Finnen, der Abweichlerpartei oben am Polarkreis. Der Industriemanager Henkel macht meistens ein Gesicht wie John Lennon, der sich 1972 eine Baskenmütze aufsetzte, eine Armeejacke anzog, die Faust reckte und meinte, er wäre nun Kommunist.

Der Wähler muss den Eindruck haben, Europa würde nur das Erreichte verwalten, weder kämpfen noch träumen und nix Schönes herbeifantasieren. Europa hat seinen Namen doch von einer Königstochter, verdammt noch mal: Sie betörte den Götterchef Zeus derart, dass er sich in einen Stier verwandelte, sie auf seinem Rücken entführte und drei Kinder der Liebe mit ihr zeugte. Ein Hans-Olaf Henkel würde diese Romantik missbilligen und bloß fragen, wie viel Geld und Macht dabei rausspringen. Den viel zu vielen europäischen Jugendlichen ohne Arbeit ist’s übrigens egal, in welcher Währung sie kein Geld verdienen können, sie verachten die EU gerechterweise. Europa war wohl mal eine Hoffnung, aber worauf – wer weiß das denn noch? Der Satz, die EU-Beamten würden „zu wenig für Europa tun“, entspricht ungefähr dem Satz, die Araber hätten am 11. September nicht mit den Amerikanern sympathisiert.

Zur Hymne hat die EU sich An die Freude ausgesucht, Beethoven komponierte die Musik, den Text (der wegfällt, um keine Sprache zu bevorzugen) schrieb unser Nationaldichter Friedrich Schiller: Er träumte von schönen Seelen und Menschen, bei denen Neigung und Pflicht miteinander im Gleichgewicht sind; so würde Freude enstehen und der Götterfunke überall sprühen. Aber die Brüsseler Apparatschiks furzen in ihre Sessel und erheben ihr grau-grauenhaftes Haupt.


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