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#BackToLive: Warum Produktionsleiter Dany Rau alle Bundesländer auf Entschädigung verklagt


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Dany, du arbeitest seit vielen Jahren auf Tourneen und bei Festivals, was genau machst du?
Ich bin Projekt- und Produktionsleiter und als solcher das Bindeglied zwischen Künstler, Konzertagentur, örtlichem Veranstalter und Crew. Ich gewährleiste letztlich, dass die Shows wie von Veranstalter*in und Künstler*in gewünscht durchgeführt werden können.

Wie kommt man dahin?
Meine erste Veranstaltung war 1982, ich bin also seit 39 Jahren dabei. Ich habe das von der Pieke auf gelernt und mehr oder weniger alle Stationen in dieser Branche durchlaufen. Unter anderem war ich Künstlermanager, Caterer, bei einem Musikverlag, in einer Plattenfirma. Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, als man Probleme auf Tour vom Münzfernsprecher aus melden musste und ein Faxgerät einer technischen Revolution gleichkam. 2004 habe ich dann meinen Meister für Veranstaltungstechnik gemacht und später noch Weiterbildungen zum Fachmeister für Veranstaltungssicherheit und zum Hygienebeauftragten bei Veranstaltungen.

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Wann war dein vorläufig letzter Arbeitstag?
Ich habe später hier und da noch kleinere Jobs gemacht, aber der letzte normale Arbeitstag vor Corona war am 14. März 2020. Ich war zu dem Zeitpunkt mit Max Herre auf Tour, für den ich seit 2013 arbeite, an diesem Tag haben wir in Leipzig gespielt.

Wenige Tage vorher hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine Empfehlung ausgesprochen, Veranstaltungen dieser Größenordnung abzusagen. Max Herre in Leipzig fand dennoch statt?
In dieser Phase herrschte überall große Unsicherheit und es gab regional unterschiedliche Regelungen. Wir haben uns aber proaktiv entschlossen, das Konzert aus Sicherheitsgründen ohne Publikum stattfinden zu lassen. Es war dann eins der ersten Streaming-Konzerte.

Bis zu diesem Zeitpunkt warst du gut im Geschäft und hast ordentlich verdient?
Absolut. Grundsätzlich bin ich sehr gut im Rennen, das betone ich deshalb, weil ich nicht zu den Leuten gehöre, deren Business auch vorher schon nicht lief und die mit Eintritt der Pandemie direkt komplett am Boden waren, die gibt es ja auch. Ich war in meinem Berufsleben durchgehend beschäftigt, 2020 hätte nach damaligem Stand der Planung sogar das erfolgreichste Jahr meiner Karriere werden können.

Eigentlich wollte ich in zehn Jahren aufhören, jetzt lebe ich von meiner Altersvorsorge

Was hast du unternommen, um deine Verdienstausfälle seit dem Frühjahr 2020 zu kompensieren?
Zunächst einmal hatte ich wie gesagt das Glück, gleich zu Beginn des Jahres mit Max Herre eine Tour gehabt zu haben, das ist in der Branche in diesem Zeitraum eher selten. Später habe ich dann die erste Coronahilfe des Landes Berlin in Höhe von 5000 Euro beantragt und auch ausgezahlt bekommen. Mit dieser Summe kommt man aber natürlich nicht so weit, wenn man sämtliche Kosten davon bestreiten muss. Drei Monate habe ich geschafft. Außerdem gab es die Bundeshilfe, auch die habe ich unbürokratisch bewilligt bekommen. Aber dann wurden die Kriterien dafür geändert und plötzlich durfte das Geld nur noch für laufende Betriebskosten verwendet werden. Ich habe aber keine relevanten Betriebskosten. Da habe ich die Bundeshilfe lieber zurückbezahlt, sonst hätte ich mich eines Subventionsbetrugs schuldig gemacht.

Hast du versucht, in anderen Bereichen unterzukommen?
Na klar, aber ich bin nicht mehr der Jüngste, da ist es nicht so leicht, noch irgendwo anders unterzukommen. Eigentlich wollte ich in zehn Jahren aufhören, jetzt lebe ich von meiner Altersvorsorge. Bis Ende 2020 hatte ich noch zwei Jobs unter Corona-Bedingungen, die mich aber natürlich auch nicht ernährt haben. Dann wurde ich auf ALG II verwiesen, was ich aber erst ab Oktober beantragen konnte, weil erst dann der sogenannte vereinfachte Antrag gestellt werden konnte. Der Antrag wurde direkt abgelehnt. Die November- und Dezemberhilfe habe ich später auch noch beantragt und bewilligt bekommen.

Dir wurde also in einem gewissen Rahmen geholfen. Trotzdem hast du inzwischen Klage eingereicht. Es sollte aber doch klar sein, dass in einer weltweiten Pandemielage keine Veranstaltungen stattfinden können, oder?
Ich bin absolut kein Corona-Leugner. Ich stehe grundsätzlich hinter den Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung. Sich dieser Herausforderung zu stellen, ist alternativlos. Ich erkenne die Problematik an.

Die Politik weiß offenbar überhaupt nichts von unserer Branche, das ist mein Eindruck nach einem Jahr Coronapandemie

Warum dann die Klage? Es trifft ja niemanden unmittelbare Schuld an der Situation.
Es geht mir um Gerechtigkeit. Das ist eine Entwicklung gewesen, ein Prozess aus ganz vielen Gesprächen und Erkenntnissen. Der große Unterschied zu allen anderen Branchen ist der, dass wir absolut nicht arbeiten dürfen. Wir wollen arbeiten und wir wollen eine Perspektive haben. Die kann uns natürlich niemand versprechen, was ja auch absolut nachvollziehbar ist. Aber die Hilfsprogramme sind überwiegend an unserer Lebens- und Arbeitsrealität vorbeigeplant worden und Perspektiven, wann und wie Veranstaltungen wieder stattfinden können, gibt es auch nicht – trotz der vielen Studien und Konzepte, wie das unter Hygienebedingungen möglich wäre. Die Politik weiß offenbar überhaupt nichts von unserer Branche, das ist mein Eindruck nach einem Jahr Coronapandemie.

Woran machst du das fest?
An so vielen Dingen! Es musste überhaupt erst einmal proaktiv von der freien Veranstaltungswirtschaft eine Studie erstellt werden, um der Politik die Bedeutung dieser Branche zu verdeutlichen. Wie viele Leute in den Bereichen beschäftigt sind, welche Umsätze generiert werden, wie viel zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen wird: wussten die alles nicht! Wir fühlen uns einfach ungerecht behandelt und zum Teil vergessen. Wenn die Lufthansa innerhalb weniger Tage neun Milliarden Euro bekommt und wir auf Sozialhilfe verwiesen werden, läuft etwas falsch.

In der Autobranche arbeiteten 800.000 Leute. Nun ja: In der Veranstaltungsbranche arbeiten 1,3 Millionen Leute

Die Lufthansa will diesen Betrag zurückzahlen und ist durchaus auch von der Pandemie betroffen.
Das ist nur das plakativste, aber bei Weitem nicht das einzige Beispiel. Als nächstes kam die Autobranche, nach meiner Beobachtung überhaupt immer die ersten, die kommen. Obwohl die Automobilindustrie überhaupt nicht von einem Arbeitsverbot betroffen ist und die Leute während der Pandemie ja auch weiterhin Auto fahren dürfen. Ich kann mich noch genau an eine Pressekonferenz erinnern, in der der VW-Vorstandsvorsitzende Driess sagte, in der Autobranche arbeiteten 800.000 Leute, um deren Wichtigkeit zu unterstreichen. Nun ja: In der Veranstaltungsbranche arbeiten 1,3 Millionen Leute. Da gibt es für mein Empfinden eine massive Gerechtigkeitslücke, nur darum geht es.

Was genau hast du dann gemacht?
Diese ganze Geschichte hat mich motiviert, den Klageweg zu gehen. Es gibt einen Anwalt namens Augustin, der einen Antrag entworfen hat, der sich auf den Entschädigungsparagraphen im Infektionsschutzgesetz bezieht. Da ich meinen Umsatz auf Tourneen erziele, musste ich die Anträge an allen Orten einreichen, wo ich theoretisch Geld verdient hätte. Also habe ich die Anträge Ende Oktober 2020 in allen Bundesländern gestellt, in denen ich theoretisch 2020 gearbeitet hätte. Bei 25 geplanten Shows ist das ein ziemlicher Aufwand, zumal in jedem Bundesland eine andere Behörde zuständig ist.

Ist den Anträgen stattgegeben worden?
Nein, aber das war vorher schon klar. Die Ablehnungen waren aber die Voraussetzung, überhaupt klagen zu können. Danach habe ich mit meinem Anwalt die Klageschrift aufgesetzt. Ich verklage nun auch jedes Bundesland, in dem ich theoretisch eingesetzt worden wäre, einzeln.

Worauf klagst du genau?
Ich berufe mich unter anderem auf mein Recht auf freie Berufsausübung. Unsere Argumentation ist, dass ich durch meine erzwungene Arbeitslosigkeit ein unzumutbares Sonderopfer für die Gesellschaft leiste, damit die Pandemie bekämpft werden kann.

Wann rechnest du mit ersten Ergebnissen?
Sofern die Pandemiebedingungen eine persönliche Anhörung zulassen, noch in der ersten Jahreshälfte 2021. Falls die Gerichte mir keine Entschädigung zusprechen, hoffen wir, dass wenigstens die Regulierungslücke bezüglich der Entschädigungen im Infektionschutzgesetz erkannt wird. Dann könnte der Fall ohne weitere Zwischeninstanzen direkt ans Bundesverfassungsgericht verwiesen werden.

Dein Fernziel ist also eine Art Entschädigungsgesetz für vergleichbare Fälle höherer Gewalt?
So ist es. Wenn es dazu kommen sollte, könnte dieser Urteilsspruch die Branche nachhaltig verändern. Das hat gewaltige Sprengkraft. Wenn es ein Entschädigungsgesetz gibt, das in solchen Situationen greift, könnte sich die grundsätzliche Perspektive auf unsere Branche, ja auf die Kultur insgesamt verändern. Gesellschaftlich und politisch.

Wir brauchen Planungssicherheit und eine vernünftige rechtliche Grundlage für solche Fälle

Das klingt nach einem enormen logistischen und finanziellen Aufwand, hast du auf deinem Weg Unterstützung?
Ich bin Mitglied des Verbandes ISDV (Interessengemeinschaft der selbstständigen Dienstleisterinnen und Dienstleister in der Veranstaltungswirtschaft), außerdem wird meine Klage vom VGSD (Verband der Gründer und Selbständigen Deutschlands) und von Alarmstufe Rot mit Rat und Tat unterstützt.

Dennoch: Der Klageweg, wie du ihn beschreitest, ist enorm zeitaufwendig und der Erfolg nicht gewiss. Wenn du Geld brauchst: Wäre es nicht leichter, die Zeit in einen anderen Job zu investieren?
Es geht nicht nur um mich selbst. Ich kann aktuell immerhin auf die Rücklagen meiner Altersvorsorge zurückgreifen und bin insofern noch in einer privilegierten Situation. Aber ich habe in diesen Monaten Kolleg*innen weinen und zusammenbrechen sehen, weil ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Ich will Gerechtigkeit für die betroffenen Kollege*innen und eine Perspektive für unsere Arbeit in meiner Branche erreichen. Wir brauchen Planungssicherheit und eine vernünftige rechtliche Grundlage für solche Fälle.


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