Brian May im Interview: „Ich möchte, dass jedes Lebewesen auf diesem Planeten respektvoll behandelt wird“

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Brian May im Interview: „Ich möchte, dass jedes Lebewesen auf diesem Planeten respektvoll behandelt wird“

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Im Konferenzraum mit dem vielversprechenden Namen „Effekt“ geht es zunächst gar nicht um jenen in 3-D. Denn bevor Brian May auf der Frankfurter Buchmesse etwa 25 Minuten lang über sein „Queen in 3-D“-Buch (Ear Books) referiert (zur Rezension geht es hier), muss er erst einmal loswerden, dass der Brexit ja wohl das Dümmste ist, was Großbritannien je vorhatte. May möchte in jedem Fall Europäer bleiben und unterstreicht seine Aussage mit den kennedyesken Worten: „Ich bin ein Frankfurter!“

Dann beginnt er mit seiner ausgesprochen kurzweiligen Buchpräsentation – selbstverständlich liegt für jeden Teilnehmer der Pressekonferenz eine 3-D-Brille bereit, damit die auf eine Leinwand projizierten Fotos auch in ihrer vollen dreidimensionalen Pracht betrachtet werden können. Darunter ein Foto von Freddie Mercury, von dem May sagt, dass es für ihn schon das gesamte Buchprojekt rechtfertige: Mercury ganz unbefangen und natürlich, in einem vermeintlich unbeobachteten Moment in der Maske. Das Bild zeigt den ganz privaten Freddie, fernab der schillernden Bühnenfigur: schüchtern, still, nachdenklich. Mercury, erzählt May, liebte es ebenfalls, zu fotografieren, allerdings mit seiner Polaroid-Kamera. Wobei er die Fotos jedoch sofort verschenkte – das sei so typisch Freddie gewesen.

Brian May auf der Frankfurter Buchmesse

Auch die anderen Bandmitglieder finden Erwähnung: Schlagzeuger Roger Taylor, oder wie May ihn nennt: „mein lieber Freund Roger, mein Bruder Roger“, sehe dank seines weiß-grauen Vollbartes mittlerweile „wie der Weihnachtsmann“ aus. Bassist John Deacon habe sich hingegen vollkommen zurückgezogen und es mache May traurig, dass man sich überhaupt nicht mehr sehe. Erfreulicher ist da der neueste, von May mit entsprechender Begeisterung erwähnte Coup in Sachen „Virtual Reality“ (VR): ein 360-Grad-3-D-Queen-Konzertfilm, der sinnigerweise „VR The Champions“ heißt. Wie lange der Queen-Gitarrist sich bereits der Stereofotografie widmet, untermauert die Tatsache, dass schon 1973 auf der Cover-Rückseite der ersten Queen-LP, direkt über der Tracklist, eines von Mays Stereofotos zu sehen war – und natürlich hat er auch dieses während der Präsentation parat.

Wir sprachen mit Brian May über „Queen in 3-D“, wichtige Songs der Band und das Queen-Biopic, das 2018 im Kino anlaufen wird.

ROLLING STONE: Heute schon ein Stereofoto gemacht?
Brian May: Klar! Heute Morgen habe ich aus meinem Hotelzimmerfenster rausfotografiert – da konnte man nämlich ein bisschen „Mainhattan“ sehen. Wie Sie wissen, bin ich von Musik fasziniert, aber eben auch von Fotografie, insbesondere von Stereofotografie. Für mich ist das einfach totale Magie und die fördert so viel zutage. Ich zeige Ihnen das mal: Also das ist das Stereofoto, das ich heute morgen von meinem Hotelzimmerfenster aus gemacht habe. Wenn ich Ihnen das in 3-D zeige, werden Sie verstehen, warum ich ausgerechnet dieses Motiv fotografiert habe. In mono sieht es ja schon ganz nett aus, das Bild – hier die Altstadt und da der neuere „Mainhattan“-Teil. Aber der Stereo-Effekt ist besonders schön, weil der Vordergrund sich so gut vom Hintergrund abhebt. Es ist ein bisschen „hyperstereo“, weil ich für die Grundlinie nicht den ganz normalen Augenabstand gewählt habe, sondern ihn etwas vergrößert habe. Und die Wolken haben sich freundlicherweise extra für mich ein bisschen von links nach rechts bewegt und sind so zu einer stereoskopischen Landschaft avanciert. Ich finde das einfach so faszinierend! Viel reizvoller als es ein flaches Bild jemals sein könnte.

Besagtes Stereofoto auf Mays Instagram-Account:

Haben 3-D-Bilder einen Effekt auf die Erinnerungen, die man mit einem Foto verbindet?
Sie haben eine absolut triggernde Wirkung. Mein Erinnerungsvermögen ist nicht so besonders gut – wenn man mich fragen würde, was 1987 so los war, hätte ich echt ein Problem. Ich würde dann vermutlich nur denken: „Oh Gott, wo war ich denn da bloß?“ Aber wenn Sie mir ein Foto zeigen, wirkt es wie ein Trigger und ich kann mich plötzlich erinnern. Und ein 3-D-Foto beamt mich regelrecht zurück. Sobald ich mir so ein Bild ansehe, bin ich wieder mittendrin: Ich kann die Menschen spüren, die Umgebung und sogar meine damaligen Gedanken; ich kann die Emotionen fühlen, die ich in diesem Moment hatte. Dieser Effekt ist so mächtig als Trigger, und ich bin immer wieder verblüfft, was man alles im Kopf behält. Man denkt, es wäre weg, aber tatsächlich ist es immer noch im Gedächtnisspeicher. Man muss nur raushaben, wie man die Tür dorthin öffnet und schon begegnet man diesen Erinnerungen wieder. Irre!

„Queen in 3-D“ ist die erste Queen-Autobiografie. Wenn Freddie Mercury eine geschrieben hätte, wie hätte er sie wohl genannt?
Freddie hätte gar nicht die Geduld gehabt, eine zu schreiben! Er ist ja immer sehr schnell von einer Sache zur nächsten gehüpft. Aber wenn, dann hätte er ihr vermutlich einen obszönen Titel gegeben (lacht, wird dann etwas ernster). Freddie hatte damals die Idee zum Song „Was It All Worth It?“, vielleicht hätte er die Autobiografie auch so genannt. Wäre jedenfalls ein guter Buchtitel.

Queen – „Was It All Worth It?“:

Sie waren kürzlich am Set des Queen-Biopics. Wie fühlt es sich an, wenn da jemand Sie selbst spielt? Ist das ein bisschen wie ein lebendig gewordenes 3-D-Bild?
Ja, genau so ist es – und zusätzlich noch wie eine Reise mit einer Zeitmaschine. Faszinierend! Aber die jungen Männer, die ausgewählt wurden, um uns zu spielen, sind fantastisch, das muss ich wirklich sagen. Ich hatte Gwilym Lee, den Typen, der mich darstellt, zwar vorher schon getroffen, wir hatten uns ein bisschen unterhalten, ein bisschen zusammen Gitarre gespielt und ich habe ihm ein paar Sachen gezeigt. Aber am „Live Aid“-Set habe ich ihn dann zum ersten Mal in voller Montur gesehen – mit zurechtgemachten Haaren und allem Drum und Dran. Das hat mich dann erstmal total umgehauen. Das Lustige ist aber: Man gewöhnt sich ja an alles, und nach ein paar Tagen am Set ist es mir schon gar nicht mehr aufgefallen. Ich war einfach nur glücklich darüber, dass wir da etwas Neues erschaffen. Klar, es geht natürlich auch um Historisches und darum, dass wir portraitiert werden, aber der andere Part ist das Kreieren von etwas Neuem – und das wiederum ist vertrautes Terrain für mich.

Gibt es einen Queen-Moment, von dem Sie sich gewünscht hätten, ihn mit Ihrer Stereokamera festgehalten zu haben?
Oh, wahrscheinlich sogar eine ganze Menge – Live Aid etwa. Ich glaube, wir waren damals aber einfach zu beschäftigt und standen auch zu sehr unter Strom. Manchmal ist man zu fokussiert, um Fotos zu machen.

Welcher Queen-Song fasst die Magie des 3-D-Effektes am besten zusammen?
Ich glaube, so einen gibt’s noch gar nicht. Ich muss einen schreiben!

Was ist der wichtigste Song, den Sie je geschrieben haben?
Nun ja, auf meinem Grabstein wird vermutlich „We Will Rock You“ stehen, denn das ist ein Song, und darüber bin ich sehr glücklich, der nicht bloß Musik, sondern ein Stück Leben geworden ist. Der Song ist in den Alltag eingezogen, insbesondere im Sport, und ich glaube, er kann sehr inspirierend sein, wenn es darum geht, seine eigene Kraft zu spüren. Auch auf „Who Wants To Live Forever“ bin ich sehr stolz, denn es ist mir gelungen, genau das rüberzubringen, was mir bei diesem Song wichtig war. „Too Much Love Will Kill You“ ist mir ebenfalls sehr, sehr wichtig, weil es einen wichtigen Teil meines Lebens auf den Punkt bringt. Es gibt nun mal Probleme, die man einfach nicht lösen kann, aber sie in einen Song zu gießen, macht sie dann doch etwas leichter. Viele Leute kamen zu mir und meinten, dass dieses Lied so viel bei ihnen bewirkt habe. Und das ist doch wirklich das Schönste für einen Songwriter, wenn jemand sagt: „Dein Song hat mein Leben gerettet.“ Gerade heute hat das jemand zur mir gesagt, komplett aus dem Nichts heraus, und das war echt toll für mich. Sowas macht mich einfach wahnsinnig glücklich, denn für mich ist Musik ein Dialog – es geht stets ums Verbindungen-Knüpfen.

Brian May – „Too Much Love Will Kill You“: 

Die Verbindungen, die Sie knüpfen, und Ihr Engagement gehen deutlich über das Musikalische hinaus.
Mein Leben hat sich in den letzten Jahren ganz schön verändert: Anstatt mich nur auf die Musik zu fokussieren, habe ich mich auch anderen Themen gewidmet, die ich für wichtig halte. Seit ich denken kann, hatte ich immer das Gefühl, dass unser Verhältnis zu den anderen Lebewesen auf diesem Planeten einfach total falsch ist. Deswegen habe ich den „Save Me“-Trust gegründet, bei dem es darum geht, Wildtieren eine Stimme zu geben. Eigentlich geht es um alle Tiere, aber eben besonders um die Wildtiere in England, wie Füchse und Dachse. Wir kämpfen gegen diese traditionelle Mentalität, Tiere wie einen Wegwerfartikel zu behandeln, sie für Experimente zu missbrauchen und im Rahmen irgendwelcher „Sportarten” zu quälen. Und wenn sie Probleme machen, werden sie einfach abgemurkst. Das ist einfach so verdammt falsch, weil diese Tiere das gleiche Recht zu Leben haben wie wir. Es ist moralisch komplett daneben und man löst doch nun wirklich keine Probleme, indem man Tiere umbringt. Aber England tickt so verkehrt, und die meisten anderen Länder auch. Denen geht’s nur um Geld, Macht, Gier, Einflussnahme. Und dieses Privilegien-Ding, das die Menschen in „arm“ und „reich“ teilt, ist auch etwas, was meinem Empfinden nach in totalem Gegensatz zu dem Geist steht, den wir in unserer Gesellschaft eigentlich etablieren sollten. Ich würde gerne Gleichheit sehen – Chancengleichheit, Ressourcengleichheit etc. Und ich würde gerne sehen, was ich „common decency“ nenne: Ich möchte, dass jedes Lebewesen auf diesem Planeten respektvoll behandelt wird.

Brian May über seinen „Save Me“-Trust:

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Ina Simone Mautz
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