Generation 1968

Burg Herzberg: Das erste Hippie-Festival

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Burg Herzberg: Das erste Hippie-Festival

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The Petards sind Mitte der 60er-Jahre der heißeste Scheiß im oberhessischen Schwalmgebiet. Sie machen in den ländlichen Amüsierstätten, in den Dorfkaschemmen, Gemeindehäusern und Tanzsälen – dort, wo man infolge des großen Kontrollverlusts die kleinen Revolutionen plant – die Rüschenblüschen und Sonntagssakkos nass. Und wie sich das gehört für eine schwer schuftende Rockband, sind sie auch bereits aktenkundig. Ihr „unerträgliches Gedröhne“ hat die Kulturbanausen und Quadratschädel des kleinen Fleckens Oberaula am 9. September 1965 erst mit ziemlicher Verspätung in den Schlaf kommen lassen. Das Amtsgericht Treysa verhängt ein Bußgeld von 50 Mark für jeden, ­eine publikumswirksame Mehrausgabe, die sich mit vier Anschlussgigs leicht amortisieren lässt.

Zwei Jahre später haben die Petards drei Sin­gles aufgenommen und einen Plattenvertrag für das erste Album in der Tasche. Sie professionalisieren sich, treten in der ZDF-„Drehscheibe“ auf. Jetzt wird es ernst. Die systematische Arbeit am Ruhm beginnt.

Die beiden Gitarristen Klaus und Horst Ebert und Bassist Rüdiger „Roger“ Waldmann schmeißen ihr Studium, für den Schlagzeuger Hans-Jürgen Schreiber kommt Arno Dittrich, der sich bereits bei Cliff Kenneth And The Lights und The Ducks als Profi-Drummer verdingt hat, und in dieser Besetzung avancieren sie tatsächlich gegen Ende des Jahrzehnts zu Herausforderern der Lords und Rattles, der beiden bekanntesten Beatbands des popmusikalischen Dritte-Welt-Landes Bundesrepublik.

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Aber die Band vergisst nie, wo sie herkommt. Aus Schrecksbach nämlich. Hier sind sie aufgewachsen, und hier haben sie ihr Hauptquartier. Sie leben in einer weiblich betreuten Musikerkommune, Mutter Ebert kocht und macht die Wäsche, das Bunte. Damit die Lokaljournaille ordentlich was zu kalauern hat, gehen sie bei ihren diversen PR-Aktivitäten offensiv mit dem sprechenden Ortsnamen um. Zu ihren Spezialitäten gehören die jährlichen Treffen der Fanclubs, üblicherweise am 1. Mai, dem Tag der Arbeit. Bei dieser hard-workin’ Band passt das ganz gut.

„Wald-Beat-Show: Das erste Open-Air-Rockfestival Deutschlands?

Für das erste Familientreffen, noch im Herbst 1966, hat man sich gleich etwas Besonderes ausgedacht – ein Konzert am Rand des Gemeindewaldes von Schrecksbach. Die Einnahmen spendet die Band für eine karitative Organisation. Die „Bild“-Zeitung ist von den langhaarigen Bombenlegern mit Herz so beeindruckt, dass sie gleich eine Meldung bringt. Im Jahr darauf zieht man die „Wald-Beat-Show“ dann richtig groß auf. Ein Rundschreiben an die Fan-Clubs (freier Eintritt für Mitglieder!), Anzeigen in den Lokalzeitungen und schließlich Plakate locken nicht nur die Jugend aus der Umgebung, sondern auch aus Freiburg, Heidelberg und Hamburg zum alten Tanzplatz „Unter den drei Buchen“. Immerhin 1500 Besucher finden sich hier ein.

Möglicherweise ist die „Wald-Beat-Show“ das erste Open-Air-Rockfestival Deutschlands. Die Betonung liegt auf „Rock“! Das Burg-Waldeck-Festival existiert nämlich schon seit 1964, kümmert sich aber zunächst nur um die Chanson-, Folk und Songwriter-Szene, erst bei der letzten Veranstaltung 1969 wird es lauter. Und die Internationalen Essener Songtage, ohnehin zum größten Teil ein Indoor-Festival, finden erst Ende September 1968 statt.

In Schrecksbach werden bereits ein Jahr früher die Röhrenamps angeworfen. Rechtsanschlag, Baby! Kommando „Unerträgliches Gedröhne“. Neben den Petards als Hauptact spielen noch „mehrere Beat-Kapellen“ aus dem Schwalm-Eder-Kreis, etwa Percy And The Fellows aus Neukirchen und The Rocks aus Loshausen. Von 13.00 bis 22.00 Uhr geht die große Freiluft-Party, eine Mischung aus Konzert, Tanzveranstaltung und Rummelplatz mit dem entsprechenden gastronomischen Angebot – Bier, Bratwurst, Lutschestangen … Ein Dieselaggregat, ein sogenannter Moppel, versorgt die Verstärker und die Lichtanlage mit Strom.

Nur das Wetter spielt nicht richtig mit. Das Datum wird sich auch in den folgenden Jahren noch mehrfach ungünstig auswirken auf die Live-­Ereignisse. Mittendrin fängt es an zu regnen. Aber ein Open-Air-Konzert 1967 ist noch eine ziemlich unangestrengte, verhältnismäßig unaufwendige Sache.

Kurzerhand bauen die Bands ihr Equipment ab und ziehen mit der gesamten Festival-Gesellschaft um in den nahe gelegenen Petards-Club im Dorf, wo die Band üblicherweise zu proben pflegt. Eine ziemlich lange Prozession sei das gewesen, erinnert sich Walter Simon, Petards-Fan der ersten Stunde, der später im Club eine Diskothek betreibt. „Die Menschenmenge stand im Hof und auf der Straße, weil nicht alle drinnen Platz fanden. So was hatten die Schrecksbacher noch nicht gesehen.“ Bald danach scheint wieder die Sonne, und nun defiliert die Menge zurück in den Wald, wo man die Show zu Ende bringt.

Die Petards ziehen alle Register, spielen ihr damaliges Repertoire von „Baby, Run, Run, Run“ bis „Shoot Me Up To The Moon“ und diverse Cover-Versionen, vornehmlich von Jimi Hendrix, den Klaus Ebert, der Leadgitarrist und musikalische Kopf der Band sehr verehrt, wie es alle Leadgitarristen und sowieso alle vernünftigen, urteilsfähigen Menschen tun. Der damalige Gemeindepfarrer hat sich die Petards offenbar ebenfalls angesehen. Ein paar Tage später trifft er zufällig auf Simon und nimmt ihn kurz beiseite. „Walter“, sagt er dräuend, „ich habe direkt in die Hölle gesehen!“

Hippies haben bekanntlich ein gewisse Affinität für das Idyllische. Folglich suchen die Petards für das nächste Fantreffen am 1. Mai 1968 nach einem noch pittoreskeren Ort und finden ihn in einer mittelalterlichen Burgruine bei Niederaula, der Burg Herzberg. Nach der „Wald-Beat-Show“ im Vorjahr will man nun also eine „Burg-Beat-Show“ zelebrieren. In der Zwischenzeit hat sich die Band keineswegs rargemacht, von Januar bis Mai stehen 80 Auftritte zu Buche, dennoch machen sich wieder viele Fans auf den Weg.

Aber heuer regnet es richtig, das Konzert im Burginnenhof muss nach Niederaula verlegt werden. In einem anschließenden Fanclub-Rundschreiben äußert die Band Bedauern darüber, dass die Veranstaltung „ins Wasser“ gefallen sei, „aber im Saal, wo sie dann stattfand, war es sehr gemütlich, denn auf kleinstem Raum waren etwa 1300 Menschen zusammengepfercht“. Als Beiprogramm hat man Achim Reichels Rattles engagiert, ein hochkarätiges Billing.

Burg Herzberg Festival in Breitenbach (Osthessen)

Aber die Idee, die Marshall-Türme doch noch einmal auf die alte Burgmauer zu wuchten, ist offenbar so verlockend, dass man die „Burg-Beat-Show“ unbedingt nachholen will – am 7. Juli. Dieses Mal in Form eines Bandcontests. Fast wäre es wieder nicht dazu gekommen, denn plötzlich wird es Sommer. Der sprichwörtlich heiße Sommer 1968. Hier in der nordhessischen Provinz muss man zwar keine Revolte befürchten, aber immerhin und ganz unmetaphorisch einen Waldbrand. Wegen der wochenlangen Dürre will Graf Freiherr von Dörnberg, der hiesige Burgverweser, seine Erlaubnis nicht erteilen, aber ein paar Tage vorher regnet es doch noch. Die „Burg-Beat-Show“ darf stattfinden.

Eine Frage kann man sich jetzt stellen: Warum muss es unbedingt die Burg Herzberg sein?

Auf dem 2016er Festival treffe ich mich mit Ernst Liebich hinter dem Lesezelt. Dixies werden abgepumpt, es ist laut und riecht etwas unfein. Liebich, Bankangestellter im Brotjob, der sich heute anlassgemäß wie ein moderater Freizeithippie gewandet hat, ist Petards-Fan der ersten Stunde und bereits auf dem Ur-Festival zugegen gewesen.

„Die Leute, die hier aus der Umgebung kamen, das waren die Braven, und dann gab es aber auch schon welche von weiter weg, die saßen da, haben sich was gedreht und sahen schon eher aus wie Hippies. Die hatten längere Haare, das fiel auf, und wenn sie dann noch Blumen drin hatten, dann wurde schon geguckt. Was sind das denn für welche? Es gab keinen Ärger, das nicht, sie wurden nicht angemacht, auch geschäftlich hat man sich arrangiert, man hat sie ja auch bewirtet, aber das Verständnis hat gefehlt. Was wollen die? Wenn da einer in Breitenbach um sieben Uhr in der Früh Gitarre gespielt hat, dann ist das natürlich nicht verstanden worden. Und wenn man für sie Partei ergriffen hat, wenn wir Jüngeren die Hippies verteidigt haben, dann zeigten die uns einen Vogel. Verrückt?“

Kannten die Provinz-Schupos von damals sich überhaupt mit Drogen aus?

Die Polizei hat sich schon damals eher rargemacht. „Man wurde nicht gefilzt, es wurden auch keine Autos angehalten. Da lagen natürlich Leute herum, und es war allen klar, warum die da so lagen.“ Walter Simon bezweifelt sogar, dass die Provinz-­Schupos damals überhaupt schon in der Lage gewesen seien, Drogen als solche zu identifizieren. „Diese ganze Drogengeschichte fing ja gerade erst an.“ Simon pendelt immer mal wieder zwischen Dorf und Burg, um Wannen mit Mutter Eberts Schmalzbroten hinaufzutransportieren, die von den Veranstaltern neben Milch und Kakao feilgeboten werden. Die Burggaststätte ergänzt das etwas schlichte gastronomische Angebot.

Bei einer dieser Fahrten beobachtet er doch noch einen Zusammenstoß mit der Lokalpolizei. „Der Hauptwachtmeister der zuständigen Polizeidirektion Ziegenhain wollte sich das mal ansehen und fuhr nun also mit seinem Peterwagen vor, parkte den unten vor der Burg und ging hoch. Als er nach einer Weile wieder zurückkam, hatte man ihm alle vier Reifen plattgestochen. Der stand da und wäre vor Wut fast aus der Hose gesprungen. Er hat dann seine Leute angefunkt, die ihm Räder vorbeigebracht und seinen Käfer wieder fitgemacht haben.“ Auch in Schrecksbach ist 1968!

Die Bands, die im Vorprogramm gegeneinander antreten, sind blutige Amateure wie The Merchants, vier 15‑jährige Schüler aus Bad Wildungen ohne große Bühnenerfahrung, die sich dann allerdings auf den Burgmauern durchaus wohlfühlen. Es spielen aber auch ambitionierte, semiprofessionelle Bands an diesem langen Nachmittag, etwa Gießens finest The Misfits und die Göttinger Bands The Rackets und The Blue Moons, die mit einer ziemlich großen eigenen Fanschar anreisen und deren Spruchbänder „Wir sind Blue Mooner“ bei der Petards-Gemeinde für Unmut sorgen.

Man musste eben ein bisschen was erzählen, während die eine Band abbaute und die andere aufbaute, aber nicht dumm rumlabern

Die Moderation übernimmt eine andere Showgröße Nordhessens, Alfred Trachsel, besser bekannt als Axel Traxel. Traxel kann sich noch gut an den Job erinnern. „Ich war ja damals Boxer und halbwegs berühmt in der Gegend. Und ich habe Platten aufgelegt in einer Diskothek, dem James Bond Club 007, und ein bisschen was ­dazu erzählt. Wenn die Petards im Schwalm unterwegs waren und von einem Konzert kamen, die mussten ja damals um eins aufhören, dann kamen die auf dem Rückweg immer noch bei mir vorbei in die Diskothek. Im Herbst 1967 fragten die mich: ,Hör mal, du kennst dich ja ganz gut aus in der Beat-Musik. Wir planen nämlich im nächsten Jahr auf der Burg Herzberg so einen Kapellen­wettstreit, hättest du Lust, durchs Programm zu führen?‘ – ,Ja‘, sag ich, ,das würd ich tun.‘ – ,Und was willste dafür haben?‘ – ,Ach, pass auf, wir sind Kumpels, ich mach das für umsonst, dabei lerne ich noch was.‘

Na ja, und dann war es so weit. Das Festival begann, wunderschönes Wetter, und ich habe moderiert, die Bands vorgestellt, wo die herkamen, wie lange sie schon zusammen spielten, wer mitspielte. Man musste eben ein bisschen was erzählen, während die eine Band abbaute und die andere aufbaute, aber nicht dumm rumlabern. Das musste irgendwie passen.“

Jede Band spielt ein paar Songs, am Ende stimmt das Publikum ab, per Akklamation. „Ich hatte einen gewissen Einfluss – na ja, Einfluss …“ Traxel zögert. „Wie man jemand ankündigt, das kann schon ein bisschen was bewirken. Die Blue Moons hatten Busse voller Fans dabei, die Blue Mooner, das war unglaublich. Und die Band war meiner Ansicht nach auch nicht schlecht, die gehörte wohl zu den besten an dem Abend, aber als die Fans ihre Spruchbänder ausrollten: ,Wir sind Blue Mooner‘ und ,Weg mit dem Bauern-Beat‘, das waren eben Städter, da hat das die Fans der Petards mächtig geärgert. Und mich auch. Deshalb haben die von den Petards-Anhängern nicht viel Beifall bekommen.“

Stattdessen räumen die Pennäler von The Mer­chants ab. Der Schlagzeuger der Blue Moons, Gerd Grabowski, der später unter dem wahrhaft kosmopolitischen Künstlernamen G. G. Anderson als Komponist, Produzent und Schlagersänger Karriere macht, fühlt sich ungerecht behandelt. „Der kam dann zu mir. ,Hör mal, wir waren doch viel besser, ey, wir haben doch gewonnen.‘ – ,Ja, aber kuck doch mal, was das Publikum sagt.‘ – ,Das ist doch Quatsch, das gibt es doch gar nicht, da musste noch mal abstimmen lassen, wir waren besser.‘ Die waren auch wirklich besser. Gut, also habe ich dann ganz locker gesagt, wir müssen noch mal abstimmen, wir haben uns verzählt. Das war ganz lustig, es gab ja gar nichts zu zählen, es ging ja um den Beifall. Also habe ich die einzelnen Bands noch mal aufgerufen, und das Publikum hat dann ­dazu gegrölt und gepfiffen. Und schließlich kamen The Merchants dran. Ich habe gesagt, das ist eine junge Band, die hat noch eine lange Karriere vor sich, aber wir müssen trotzdem fair abstimmen, und da jubelte und grölte alles, Mannomann! Da hatten die gewonnen, das war irre. Und die durften dann auch als Preis bei den Petards ein paarmal im Vorprogramm spielen.“

Den damaligen Bassisten der Band mache ich ausfindig. Claus Brockmeyer ist mittlerweile Schauspieler und Synchronsprecher, aber er kann sich nicht mehr erinnern. „Wahrscheinlich habe ich an dem Tag sehr unter Strom gestanden.“ Rauschmittel – ein nicht zu unterschätzender Feind des Pophistorikers. Eines allerdings weiß er noch. „Wir haben tatsächlich als Gewinner des Wettbewerbs später ein paar Gigs als Vorband der Petards gespielt, keine Ahnung wo und wie viele.“

„Burg Herzberg Festival – since 1968“ von Frank Schäfer erscheint Mitte Mai im Verlag Reiffer (272 Seiten, 39,90 Euro) mit einem Nachwort von Ulrich Holbein.

Burg Herzfeld Festival- Since 1968

ROLLING STONE im Mai 2018 – Titelthema: Neil Young + „1968“-Special

Uwe Zucchi picture-alliance/ dpa
Reiffer
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