Aus dem Off (11)

Corona-Tagebuchnotizen von Arne Willander: Cleopatra


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Man frag sich manchmal bei den Programmankündigungen von Netflix, was sich wohl hinter den Bildern und Titeln verbirgt. „Großkatzen und ihre Raubtiere“ verschleiert erfolgreich die Bizarrerie dieser phantasmagorischen Dokumentation, die den Originaltitel „Tiger King“ trägt, uns in Abgründe blicken lässt – und die blicken nicht zurück. Hier begegnen uns Welten jenseits der Vorstellungskraft. Der Schauder der Faszination aber wird bald abgelöst vom Ekel des Überdrusses angesichts dieses Pandämoniums von Absurdität, Grausamkeit und Sinnlosigkeit. Ein Elend wird besichtigt, das darum weiß, dass es besichtigt wird.

„Tiger King“ in der Kritik:

Hier die aktuelle Podcast-Folge anhören.

Die Schautafeln bei Arte, nach Begriffen wie „Pop und Kultur“ und „Ideenwelten“ geordnet, posaunen überdeutlich und reklamehaft den Gegenstand der Sendungen heraus und verfehlen damit ihren oft sublimen, meistens jedenfalls seriösen dokumentarischen Gehalt. Ein Film über Debbie Harry wird knallig als „Blondie: die Glamour-Punkerin“ angekündigt; Simone Signoret figuriert als „Filmstar mit Charakter“, eine Biografie von Sammy Davis, Jr. aus dem Jahr 2017 wird als „Schwarzer, Jude und Puerto Ricaner“ annonciert. Eine Studie über Henry Miller, die der vornehme Gero von Boehm unter den Titel „Prophet der Lüste“ gestellt hat, flottiert unter „Bürgerschreck und Sex-Guru“. In diesem fabelhaften Dokumentarfilm erinnert sich der große Menschenbeobachter Georg Stefan Troller an Miller, ein Vertrauter des Schriftstellers beschreibt ihn als „Mönch mit Genitalien“, und Erica Jong erzählt, wie Miller ihr prahlerisch anvertraute, er habe unglaubliche erotische Phantasien, und sie antwortete: „Okay, Henry, dann lass doch mal hören.“ In den späten 60er-Jahren leitete der Schweinigel eine bohemistische Kommune in seinem Haus in Pacific Palisades, und die Heimaufnahmen zeigen am Rand des fröhlichen Treibens im Wohnzimmer den sehr jungen Jackson Browne mitt seinem Prinz-Eisenherz-Haar.

Stanley Kubrick mit Kameramann John Alcott am Set von „Shining“

Mit „Kubrick über Kubrick: Der Meisterregisseur, persönlich wie nie“ kündigt Arte eine Dokumentation an, in der die Tonbandaufnahmen von Gesprächen zu hören sind, die ein französischer Filmkritiker mit Kubrick führte. Weil der amerikanische Sonderling zwar hinter, aber nie vor der Kamera auftrat, sprechen viele andere in Fernsehsendungen und Talkshows, sprechen Malcolm McDowell, Sterling Hayden und Jack Nicholson, sprechen Filmhistoriker und Produzenten, sagt Kubricks Frau Christiane, man könne die Leute eben nicht davon überzeugen, wie charmant Stanley sei, indem man es behaupte.

Kubrick spricht aus dem Off, er wisse einfach nicht, wie er die Geschichten für seine Filme aussuche, man könne das so wenig erklären wie die Liebe oder weshalb man eine Frau geheiratet habe. Konfus und ohne Chronologie werden Szenen aus „Barry Lyndon“, „A Clockwork Orange“, „Dr. Strangelove“, „Paths Of Glory“, „Spartacus“, „The Shining“ und „Full Metal Jacket“ gezeigt. Kubrick erläutert seine Arbeit als Fotograf bei der Zeitschrift „Look“, das Vollmantelgeschoss und das Fabrikgelände außerhalb von London, auf dem er „Full Metal Jacket“ inszeniert hat, die natürliche Beleuchtung von „Barry Lyndon“ und sagt zur Besetzung von Ryan O’Neal, die Wahl sei eindeutig gewesen, denn es musste ein körperlich attraktiver Schauspieler sein, weshalb Al Pacino oder Jack Nicholson nicht in Frage kamen. Ein Orchesterdirirgent schildert, wie ein Marschorchester 112-mal eine Szene wiederholen musste, und eine Schauspielerin, dass an manchen Tagen überhaupt nur Stell- und Sitzproben für eine Einstellung gemacht wurden.

An Kubricks Einlassungen deutet überhaupt nichts darauf hin, dass dieser Mann verschroben, seltsam oder verrückt gewesen sein könnte. Er kaufte etwa alle historischen Bildbände, die er finden konnte, und schnitt die Darstellungen aus, um Kostüme und Kulissen anfertigen zu lassen. Er war gern zu Hause. Er hatte gern seine Ruhe. Er hatte gern drei Töchter. Er war ein Spaßvogel.

Arte zeigte auch noch einmal „Barry Lyndon“. Es ist ein sehr komischer Film.

In der Arte-Dokumentation „Mit Schwertern und Sandalen: B-Movies mit Bizeps“ explizieren italienische und französische Filmtheoretiker etwas zu aufdringlich die These, die Monumentalfilme der 50er-Jahre seien Allegorien auf das amerikanische Imperium und die McCarthy-Verhöre, während die Autoren und Produzenten von „Gladiator“ sich etwas zu aufdringlich damit brüsten, dass sie immer schon wussten, der Monumentalfilm werde zurückkommen. Er kam im Jahr 2000 für einen Moment zurück und versank mit Wolfgang Petersens „Troja“ wieder.

Michael Ochs Archives Getty Images


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