Aus dem Off (10)



Corona-Tagebuchnotizen von Arne Willander: The Elephant Man


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Falls ich je vergessen hatte, dass Karfreitag ist – in der Morgendämmerung wurde ich nicht daran erinnert. Der Fernsehsender SWR (Seuchen-Motto: „Für euch da“) scheute sich nicht, William Friedkins „The French Connection“ zu zeigen, einen Film, der früher der typische Samstag-22.20-Uhr-Film der ARD war. Nun begann er gegen halb fünf morgens. Aber was schadet es? Der Film war 1971 eine Erscheinung und ist es noch.

Friedkin, ein gewiefter Dokumentarfilmer, übertrug das Cinéma vérité auf den Gangsterfilm und schilderte in unglaublich langen Einstellungen pedantisch nichts anderes als ein Drogengeschäft, das Agieren der Schmuggler und der Polizisten in New York. Ein Restaurantbesuch. Das Auffahren der Speisen. Das Warten in der Kälte auf der Straße. Das Durchsuchen eines Autos. Das Prüfen der Reinheit von Kokain. Eine Verfolgungsjagd in der U-Bahn. Eine Verfolgungsjagd auf den Straßen von Brooklyn. Friedkin und sein Kameramann Owen Roizman hatten hier und da etwas absperren lassen, aber natürlich entglitt das Geschehen. „The French Connection“ ist ein Actionfilm, der vom Warten und von jäher Entscheidung handelt und von der Vergeblichkeit. Sie vereiteln den Deal, aber der Schuft entkommt.

Gene Hackman und Roy Scheider scheinen einfach gar nicht zu spielen. Scheider war danach auch in „Jaws“ sensationell. Hackman hätte anstelle des theatralischen Robert Shaw den Haijäger darstellen können, dann wäre der Hai allerdings entkommen. Aber dazu später mal.

Karfreitag ist traditionell der Tag der Bibelfilme

Auch heute ist die Scharteke „Die zehn Gebote“ von Cecil B. DeMille aus dem Jahr 1956 zu sehen, Henry Kosters „Das Gewand“ von 1953 und eine Neuverfilmung von „Ben Hur“ aus dem Jahr 2016. Die Programmzeitschrift „TV Spielfilm“ schreibt in dem Kasten mit dem Urteil unter der Beschreibung von „Die zehn Gebote“: „Das elfte Gebot: Du sollst nicht abschalten!“ Mich freuen solche Aperçus. „Die zehn Gebote“ ist allerdings ein Film, den ich nicht mehr einschalte. Billy Wilders einziges Gebot lautete bekanntlich: „Du sollst nicht langweilen!“

Die ARD („check eins“) zeigt in der Morgenstunde den köstlichen Schwank „Die Lümmel von der ersten Bank“ aus dem Jahr 1968. Über das Missverständnis der ersten Bank ist viel geschrieben worden: Selbstverständlich sitzen die Lümmel immer in der letzten Reihe, bis sie vom Lehrer nach vorn gesetzt werden. Hier sitzt allein der Lümmel Pepe Nietnagel vorn, gespielt von Hansi Kraus, der natürlich nichts als Unfug im Kopf hat. Die Autoritätspersonen werden von den Erzkomödianten Theo Lingen und Georg Thomalla gespielt. Als Grazien treten Gila von Weitershausen, Uschi Glas und Hannelore Elsner (als französische Sprachschülerin Geneviève Ponelle) auf, und es ist schwer zu entscheiden, welche Schauspielerin entzückender ist. Es zeigen sich aber schon hier der wissende Naturalismus der Gila von Weitershausen, die unbeeindruckbare Zurückhaltung von Uschi Glas und das outriert-überschwängliche Spiel von Hannelore Elsner.

Übrigens schmuggelt Pepe Nietnagel eine blonde Boutiquenverkäuferin in den Latein-Unterricht, angeblich die Klassenbeste in Deutsch. Der junge Lehrer, ein wahrer Humanist, kehrt den Spieß um und beauftragt die Ahnungslose damit, die holperigen Übersetzungen der tumben Schüler in rhythmisches Deutsch zu bringen. Er rezitiert dann, vorgeblich aus ihrer Kladde, eine glänzende Übertragung und begleitet sie zum Ausgang. Auch der Begriff „Kavalier“ fällt in diesem Film, freilich fehlen nicht Schwiemeleien wie „Fassen Sie mir nicht in die Bluse, Sie Ferkel!“.

Ein Sternenmoment, den man nicht vergisst

Nun aber zu etwas ganz anderem. David Lynchs Ewigkeitsfilm „Der Elefantenmensch“ ist zum 40. Jubiläum neu aufgelegt worden, digital restauriert in 4k auf zwei Blu-rays, mit einer fulminanten Ausstattung (ein üppiges Booklet mit einem fabelhaften Aufsatz von Tom Huddleston und Postkarten mit Standfotos), einem Gespräch von Mike Figgis und David Lynch, einer Dokumentation über den sogenannten Elefantenmenschen Joseph Merrick und einem weiteren Interview mit Lynch: „The Air Is On Fire“.

Die Schönheit der Schwarz-Weiß-Fotografie von Freddie Francis, die Kulissen des viktorianischen London, der Nebel und der Dunst, die Darstellungen von Anthony Hopkins, Anne Bancroft und des (die längste Zeit unter Tuch und Hut verborgenen) John Hurt: Es ist alles ein böser, verwunschener Traum. Die kosmisch-musikalische Apotheose am Ende ist ein Sternenmoment, den man nicht vergisst.

Ein österlicher Film.


Arne Willander