RS-Interview



Dee Snider: „Nicht nur auf bessere Zeiten hoffen, kämpfen!“


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Dee Snider hat ein bewegtes Leben hinter sich – und noch viel vor. Mit seiner Band Twisted Sister, in den Siebzigern in New York gegründet, wurde er in den 80er-Jahren mit Hardrock-Hits wie „We’re Not Gonna Take It“ weltberühmt. Damals kämpfte er gemeinsam mit Frank Zappa gegen Zensur und beeindruckte mit seiner Eloquenz nicht nur den US-Senat. Gegen jede Vereinnahmung seiner Songs, ob durch Donald Trump oder andere Politiker, hat er sich immer gewehrt, und jetzt bietet er auf Twitter allen Paroli, die ihm mit rassistischen oder allzu konservativen Sprüchen kommen. Zur Ruhe gekommen ist er also auch mit 66 Jahren noch lange nicht. Ein Glück. Sein neues Album „Leave A Scar“ (Napalm Records, 30.7.) erzählt davon: Die Songs wüten gegen Stumpfsinn und Resignation, sie plädieren für Widerstand und Aufrichtigkeit, und nebenbei feiern sie auch das Mitgefühl und die Liebe. Wir erreichen Dee Snider per Zoom in Belize, wo er einen Zweitwohnsitz hat. Privat liebt es der Lautsprecher beschaulich: Er hat eine große Familie und seit 45 Jahren dieselbe Frau.

„Leave A Scar“ ist dein fünftes Soloalbum. Twisted Sister haben sich 2016 verabschiedet, aber du hast offensichtlich keine Lust auf Ruhestand?

2019 hatte ich tatsächlich beschlossen, mich zur Ruhe zu setzen – ohne es an die große Glocke zu hängen. Mir hat es gefallen, wie dezent Rush sich zurückgezogen haben – man muss kein Riesen-Abschieds-Trara machen. Irgendwann im Laufe des letzten Jahres hat sich dann etwas verändert – durch Covid, aber vor allem auch durch den Zustand der Welt. Nicht nur der USA, auch in Deutschland, Brasilien, England, Italien, wo auch immer … Ich hatte wieder etwas zu sagen. Ich wollte plötzlich nach Jahren wieder Songtexte schreiben, es fühlte sich wieder richtig an.

„Leave A Scar“ wurde wie „For The Love Of Metal“ (2018) von Jamey Jasta (Hatebreed) produziert, aber die Texte hast du diesmal wieder selbst geschrieben. Warum hattest du das überhaupt zwischenzeitlich abgegeben?

Nach „Stand By For Pain“ (dem 1994er-Album seines Projekts Widowmaker) hatte ich das Gefühl, es gäbe in der zeitgenössischen Rock-Welt keinen Platz mehr für mich. Ich habe Radio und Fernsehen gemacht, dann wieder ein bisschen mit Twisted Sister gespielt, doch ich kam mir weiter fehl am Platz vor. Jamey Jasta hat mich vom Gegenteil überzeugt, und er hat mir meinen Platz gezeigt. Ich konnte seine Texte sehr gut singen, aber jetzt ist es schon eine große Freude, meine eigenen Worte zu meiner eigenen Stimme zu hören.

Und das Album fängt gleich mit „I Gotta Rock (Again)“ an – was natürlich wie eine Reminiszenz an all die Twisted-Sister-Titel klingt, in denen „Rock“ vorkommt.

Ich bin einfach der Typ mit den „Rock“-Songs. „You Can’t Stop Rock And Roll“, „I Believe In Rock And Roll“, „I Wanna Rock“… Und was wäre jetzt in der Pandemie näherliegend gewesen als „I Gotta Rock Again“? Damit geht das Album doch genau richtig los.

Dieses Album hat erstaunlich viel Kraft. Du bist jetzt 66 – wie gelingt es dir, diese Energie zu halten?

Gesunder Lebensstil und so, klar, aber eigentlich denke ich: Es liegt hieran. (Klopft auf sein Herz und dann an den Kopf.) Da ist alles drin. Und ich habe die Musik. Ich fühle mich so verbunden mit allem – mit modernem Metal genau wie mit der Musik, mit der ich aufgewachsen bin. Die Energie aus all der Musik, die ich liebe, sollte in dieses Album fließen. All das inspiriert mich, es zündet mich an. Das hält mich so lebendig.

Twisted Sister beim Reading Festival, 29. August 1982: v. li. n re.: AJ Pero, Eddie Ojeda, Dee Snider, Mark Mendoza, JJ French.

In „All Or Nothing More“ singst du: „“Use your voice/ It’s your soul you’re fighting for.“ Bist du es nie leid, ständig gegen blöde Leute, gegen Kleingeistigkeit und Bigotterie, anzukämpfen? Du machst das ja nicht nur mit deiner Musik, sondern auch sehr zeitintensiv auf Twitter.

Das stimmt! Danke, dass das wahrgenommen wird! Es ist frustrierend, und es macht einen wahnsinnig. Aber ich muss es tun. Ich schreibe Drehbücher, ich schreibe ein Buch, ich nehme ein Album auf – aber letztendlich bin ich immer der alte weiße Typ, der über seinesgleichen schreibt, und der Markt dafür ist gerade eher klein. Okay, sehe ich ein, ist eben so. Gleichzeitig denke ich: Was soll ich sonst machen? Ich kämpfe doch auf allen Ebenen für Gerechtigkeit, Freiheit und all das. Das sehe ich als meine Arbeit an – auch Menschen zu ermutigen. Ich sitze hier gerade in Belize, ich lebe praktisch im Paradies. Ich darf mich nicht beschweren, ich kann tun, was ich will. Darin sehe ich allerdings durchaus eine Verantwortung. Mir wurde diese Stimme gegeben, also muss ich sie gut einsetzen. Durch Songs wie „Stand“ sage ich: Lehn dich nicht zurück, mach was! Motze nicht den Fernseher an, sondern engagiere dich! Nicht nur auf bessere Zeiten hoffen, kämpfen! Daher kommt wohl auch viel von meiner Energie: Ich bin dauernd wütend! Ich schreie ja schon wieder. (Lacht sehr laut.)

Ob Kunst, Film, Musik: Es ist nichts falsch daran, seine eigene Perspektive einzubringen. Wir wollen doch Leute inspirieren

In „Stand“ kommt der Satz vor „It’s time to raise your voice!“ Kollegen wie Alice Cooper sehen das ganz anders – er findet, Musiker sollten sich nicht politisch äußern.

Alice und ich schlagen uns darüber ständig die Köpfe ein. Ich liebe Alice, er ist einer meiner größten Helden, wir sind Freunde. Aber ich sehe das ganz anders: Wenn wir nicht den Mund aufmachen, wer dann? Alle möglichen Zeitgenossen finden ja, man solle lieber nur Musik machen und keine politische Meinung haben, von Nikki Sixx kam Ähnliches. Nein! Kunst hat immer die Zeit repräsentiert. Ob Kunst, Film, Musik: Es ist nichts falsch daran, seine eigene Perspektive einzubringen. Wir wollen doch Leute inspirieren. Die Mehrheit von uns sind nicht die Coolen, nicht die Beliebten, nicht die Reichen, nicht die Hübschen. Aber wir sind immerhin die Mehrheit! Und wir sollten unser Leben niemals von der Handvoll Leute bestimmen lassen, die das Goldene Ticket bekommen haben. Daran möchte ich die Menschen gern erinnern. Seid laut! Werdet aktiv! Nehmt euer Leben selbst in die Hand!
Mir sagt keiner, was ich zu sagen habe und was nicht. Auf Twitter teile ich das gern allen jederzeit mit: Legt euch ruhig mit mir an! Bei mir ist da immer Jagdsaison – lass die Trolls kommen, ich nehme sie Stück für Stück auseinander. Darum geht es in „Open Season“: „Hey motherfucker, you’re kidding me?“ Dieser australische Politiker, Clive Palmer, der illegal „We’re Not Gonna Take It“ benutzt hat: Weiß der gar nichts über mich? Hat er den Songtitel nicht kapiert? Ich bin nicht der Typ, der nichts unternimmt, wenn ihm etwas nicht passt.

Ein Thema, das dich offensichtlich auch sehr beschäftigt, ist Cancel Culture. Du hast ja schon in den 80er-Jahren gegen das PMRC, das Musik zensieren wollte, gekämpft. Wie hältst du es heute selbst – überlegst du bei jedem Satz, was geht und was nicht – oder plädierst du für „In der Kunst muss alles erlaubt sein“?

Ein gutes Beispiel dafür: „Shoot ‘Em Down“ vom Twisted-Sister-Debüt könnte ich heute guten Gewissens nicht mehr so schreiben. Es war natürlich metaphorisch gemeint, aber wäre heute schwierig. 1977 gab es noch keine Amokläufe an Schulen, daran hat man nicht mal gedacht. Gleichzeitig ist Cancel Culture schwierig – dieses Pochen auf PC. Was darf ich sagen, was nicht? Als Schreiber möchte ich gern möglichst viele Freiheiten haben, ein Arsenal an Bildern. Ups, schon wieder eine Metapher!

Du bist ja ein sehr extrovertierter Mensch. Wie schwer waren da die vergangenen Monate, in denen wenig Kontakt möglich war?

Ich bin eine gespaltene Persönlichkeit. Ich bin ein Entertainer, ich stehe gern im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und jeder Party. Aber abseits von diesen Momenten bin ich sehr gern zu Hause, allein mit meiner Frau und meiner Familie. Suzette und ich sind seit 45 Jahren zusammen, ohne sie wäre diese Zeit sehr schwer gewesen. Aber so habe ich die Ruhe genossen – einen Roman geschrieben, an einem Drehbuch gearbeitet, eine Kinderserie entwickelt. Mir ist nie langweilig.

Worum geht es in dem Roman?

Er heißt „Frats“ und handelt von einer ganz besonderen Gang-Situation, die es während meiner Jugend in meiner Umgebung gab. Erst als ich damals Baldwin/Long Island verlassen habe, wurde mir klar, dass es nicht überall so ist. Diese Highschool-Bruderschaften, Omega Gamma Delta und so, waren eigentlich Gangs, aber die Schulen haben ihre Existenz erlaubt, weil sie eben Studentenverbindungen hießen. Also durften sie ihre Jacken tragen und haben die Stadt beherrscht. Sie waren düster und hässlich und böse. Das Buch basiert auf Fakten, aber es geht um einen fiktiven Typen, der in diese Gemeinde zieht und diese brutale Kultur kennenlernt.

Ertappst du dich jetzt häufiger dabei zurückzublicken? In dem Lied „Before I Go“ geht es ja auch um die Vergänglichkeit…

Ach, ich weiß nicht. Als ich damals mit 27 „The Price“ geschrieben habe, kam mir das Leben so hart vor. Alles lastete so schwer auf mir. Das ist heute anders. „Before I Go“ ist einfach eine Beobachtung: Ich bin gerade sehr kreativ, aber irgendwann wird vielleicht auch das vorbei sein. Vielleicht habe ich kein weiteres Album mehr in mir. Falls also dies das letzte sein sollte, dann wollte ich ein Liebeslied für meine Frau schreiben, „She“, und über die Dinge, die ich gelernt habe. So habe ich es immer gehalten: Es geht in so vielen meiner Songs um den Weg, den man einschlägt. Die Entscheidung zwischen gut und böse. Was mache ich aus meinem Leben? Wem kann ich helfen? Was kann ich Sinnvolles tun? Mit 66 hört sich das dann vielleicht schon nach einer Bilanz an, aber eigentlich beschäftige ich mich damit schon mein Leben lang.

Dee Snider 2015 in New York City. (Photo by D Dipasupil/FilmMagic)

Bereust du irgendetwas?

Ich bedaure es ein bisschen, dass ich einige Jahre zurückgetreten bin, weil ich mir manche Kommentare nach der Veröffentlichung von „Stand By For Pain“ zu sehr zu Herzen genommen habe. Dass ich dem Typen geglaubt habe, der schrieb, keiner wolle mehr den alten Onkel hören, und dem, der meinte, es klänge, als wollte ich jung wirken. Dabei habe ich mich nur für den aktuellen Stand von Metal interessiert, ich wollte da mitwachsen, nicht stehenbleiben. Danach habe ich irgendwie das Gefühl dafür verloren, wo ich hingehöre. Jetzt habe ich meinen Platz wieder – mitten im Metal. Ich liebe Metal, damals und heute. Immer. Das möchte ich nie mehr vergessen. Ich bin so was von zurück!

Dann wirst du auch wieder mehr Konzerte spielen?

Ich möchte dabei sein, wenn der Rock & Roll 2022 zurückkommt. Wenn die Festivals wieder stattfinden, bin ich da. Ich weiß: Wenn ich dann „You Can’t Stop Rock & Roll“ und „I Gotta Rock Again“ singe, dann werden die Leute Tränen in den Augen haben. Das will ich nicht verpassen.

Michael Putland Getty Images
D Dipasupil FilmMagic