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100. Geburtstag von Will Eisner: Wegbereiter der Graphic Novel

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100. Geburtstag von Will Eisner: Wegbereiter der Graphic Novel

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Ein Comic über die “Protokolle der Weisen von Zion”, das Dokument antisemitischer Verschwörungstheorie schlechthin? So ein ernstes Thema? Das kann doch nicht gutgehen. Und wieder ist man einem Vorurteil auf den Leim gegangen, das der Schöpfer von “Das Komplott. Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion”, Will Eisner, sein ganzes Leben lang – teilweise erfolgreich – zu bekämpfen versucht hat.

Der im Januar 2005 im Alter von 87 Jahren verstorbene Eisner sah in seinen Comics zu Recht immer mehr als ein kurzweiliges Medium, das vor allem kleine Jungs unter der Schulbank lasen. Eine Ansicht, die sich – unter anderem durch seine Arbeiten und die seines Kollegen Art Spiegelman – mittlerweile bis zum bürgerlichen Feuilleton durchgesetzt hat, wie man an den zahlreichen Nachrufen zu Ehren Eisners sehen konnte.

Comics als Instrument zur Identitätsbildung

Es waren die Söhne jüdischer Einwanderer wie Eisner und Spiegelman, die in den USA eine einzigartige Comic-Kultur prägten. Die detailliert gezeichneten, gefährlichen Straßenschluchten, in denen sich Batman, die Fantastic Four. Superman oder Spiderman bewegten, zeigten die amerikanische Großstadt (meist New York) aus den Augen jüdischer Einwanderer oder ihrer Kinder. So waren Comics immer auch Reflexionen über Identität, Herkunft und Außenseitertum, in die sich häufig der Immigrantenalltag einschlich.

Vielleicht nirgendwo besser zu beobachten als in Eisners eigener Superheldenkreation “The Spirit”. The Spirit ist eigentlich Denny Colt, Kriminologe und Privatdetektiv, der von einer Kobra vergiftet und daher für tot gehalten wird. Doch als maskierter Verbrecherjäger unterstützt er Commissioner Dolan (und dessen Tochter Ellen).

Im Gegensatz zu seinen Artgenossen mußte The Spirit ohne Superkräfte auskommen und tauchte in vielen der Geschichten, die zwischen 1940 und 1952 als 16seitige Beilage diverser Sonntagszeitungen erschienen, nur als Randfigur auf. Eisner beleuchtete lieber die verruchte Alltagswelt der Schurken, die sein Held am Ende zur Strecke brachte, als sich mit etwaigen Kinkerlitzchen durch einen simplen Superhelden-Plot zu quälen. Dabei war seine Zeichenführung revolutionär. Er benutzte Elemente des Film noir, übernahm Blenden. Licht, Schatten und Montagen und galt nicht umsonst als der “Orson Welles des Comics”.

Begründer der Graphic Novel

Im grandiosen “A Contract with God” verzichtete Eisner dann 1978 völlig auf die Superheldenkomponente, erzählte die Geschichte einzelner Bewohner eines Mietshauses in der Bronx – ähnlich dem, in dem er selbst in den 30er Jahren aufwuchs – und verhalf so dem Genre der Graphic Novel zum Durchbruch. In der Graphic Novel werden wie im Roman thematisch abgeschlossene Geschichten erzählt, anstatt – wie im Comic bis dahin üblich – einzelne Folgen einer Serie mit den immer gleichen Protagonisten.

Die hier nur skizzierte Werkbiographie läßt erahnen, warum Eisner sich kurz vor seinem Tod ausgerechnet “Die Protokolle der Weisen von Zion” als nächstes Projekt aussuchte. “Mit dem Band ‘Das Komplott’ entferne ich mich einen Schritt von der reinen grafischen Erzählung. Er ist aus meinem Bemühungen heraus entstanden, mit Hilfe dieses machtvollen Mediums ein Thema anzusprechen, das mir sehr am Herzen liegt”, schrieb Eisner in der Einleitung zu seinem letzten Werk, in der er im weiteren seine jüdischen Wurzeln noch einmal dokumentiert.

Eisner stieß bei seinen Recherchen im Internet eher zufällig auf die englische Übersetzung der”.Protokolle”, eines angeblich von den Anführern des jüdischen Volkes verfaßten Textes, der beschreibt, wie die Juden sich untereinander verschwören wollten, um die Weltherrschaft zu übernehmen. Der wirkliche Ursprung dieses Textes war lange fraglich und wurde erst 1999 vom russischen Historiker Michail Lepechin aufgedeckt, der nachwies, daß der Text 1898 vom in Frankreich lebenden russischen Fälscher und Provokateur Matwej Golowinski stammte.

Geheimnisvolle Pfade der Historie

“Das Komplott” beginnt allerdings schon im Jahr 1864, in dem der französische Autor Maurice Joly eine Polemik gegen den damaligen Herrscher Napoleon III schrieb. Als der russische Geheimdienst 25 Jahre später bei Golowinski ein antisemitisches Dokument in Auftrag gab, durch das die Macht des Zaren stabilisiert werden sollte, bediente dieser sich freigiebig in Jolies Text und machte daraus durch einige Veränderungen und Umstellungen die “Protokolle”.

Eisner stellt in “Das Komplott” Passagen der beiden Texte nebeneinander und berichtet, wie die Fälschung bereits 1921 aufflog. Das störte allerdings – zumindest in Deutschland – zunächst niemanden. Die Instrumentalisierung der “Protokolle” als Rechtfertigung nationalsozialistischer Argumentationen wirkt so noch wesentlich absurder. Gerade in dieser Passage des Buches gelingt es Eisner, den historischen Bericht in einen Erzählfluß zu führen (schon bei “Superman” waren die Nazis in ihrer Eindimensionalität dankbare Comic-Charaktere).

Und so ist Eisner, trotz des Stoffes, der ihn zwingt, von historischem Datum zu historischem Datum zu springen und die Handlung ziemlich genau vorgibt, ein letztes dunkles Meisterstück gelungen, in dem die Wege der Historie manchmal ähnlich eng und geheimnisvoll wirken wie die Straßenschluchten New Yorks in seinen “The Spirit”-Bänden.

Kampf gegen dunkle Mächte

Am Ende sieht man Eisner selbst, wie der sein Manuskript an seinen Verleger überreicht. “Das ist also nun endgültig das Ende der Geschichte der Protokolle von Zion”‘, meint der Verleger. “Ich glaube, daß die Geschichte trotz dieses mutigen, nicht komischen, sondern tragischen Buches von Will Eisner kaum beendet sein wird”, schreibt Umberto Eco. der sich mit dem Fortleben von Verschwörungstheorien ja bestens auskennt (“Das Foucaultsche Pendel”), in seinem kurzen, aber erhellenden Vorwort.

Will Eisner ist jedenfalls – ähnlich wie seine Figur Denny Colt alias The Spirit – in “Das Komplott” noch einmal auferstanden, um die dunklen Mächte zu bekämpfen.

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