Neue Podcast-Folge: „Die Streifenpolizei“ über die Favoriten der Oscar-Verleihung
Highlight: Die besten Gitarristen aller Zeiten: Keith Richards

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Chrysanthemen, Donnerfinger und Tiefkühlmäuse oder How to fall sideways into Swimmingpools


Folge 24

Ich muss noch mal auf meinen Eintrag der letzten Woche zurückkommen. Mit einigem Erstaunen habe ich da – die älteren Leser erinnern sich womöglich – zur Kenntnis genommen, wie rasch nach dem Tod von Lou Reed dessen rüdes Verhalten in Interviews thematisiert wurde. Nicht (nur) aus Gründen der Pietät haben mich diese Reaktionen befremdet. Es gibt etliche Künstler, die ich sehr mag, denen aber auch der Ruf vorauseilt, mit Journalisten nicht eben zimperlich umzugehen: Bob Dylan, Van Morrison, Neil Young, Nick Cave, Robert Downey junior, Prince, Morrissey, Katja Riemann. Außer Nick Cave habe ich keinen der Genannten je getroffen. Zum einen, weil es seitens der erwähnten Künstler kein Interesse gab, mich zu treffen. Zum anderen aber, weil ich wohl ahne, dass die Interviews mit diesen Leuten, sagen wir, enttäuschend verlaufen könnten. Ich bedauere das aber nicht besonders. Ich akzeptiere, dass diese Leute eine Interview-Historie mit sich herumtragen, die es ihnen schlicht nicht ermöglicht, jedem Schreiber dieser Welt in dreißig Minuten noch mal haarklein zu erzählen, warum sie Drogen genommen, Gender-Schranken niedergerissen oder auf diesem und jenem Album diesen und jenen fiesen Schlagzeug-Sound verwendet haben. Diese Leute wollen in der Regel ein neues Album bewerben. Das ist einigermaßen öde, aber wahr. Zugegeben: Ich bin noch nie von Lou Reed angepampt worden und durchaus froh darüber. Aber wie gesagt: Ich finde einen herumpampenden Lou Reed besser als irgendwelche durchprofessionalisierten, routiniert freundlichen Parade-Indie-Rockstars. Und ich sage es noch einmal: Dass Lou Reed in Interviews grummelig, böse oder gar unsympathisch war, finde ich allenfalls geringfügig bedeutsam für die Beurteilung seines Werks. Davon abgesehen: Ich war mal im Raum, als Iggy Pop ausgerastet ist. Das war nicht schön. Höre ich deshalb auf, Iggy Pop zu mögen? Natürlich nicht.

Nick Cave ist während unseres Interviews übrigens mehr oder weniger eingeschlafen, was aber nicht ausschließlich an meinen Fragen lag.

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Kooperation

Eine gute Stelle aus der Morrissey-Autobiographie:

„The following day I am walking by the hotel swimming pool when I trip up and fall sideways into the water like someone directed by Billy Wilder.“

Eine Geht-so-Stelle aus der Pfeil-Autobiographie:

„Today I looked in the mirror and found myself resembling something directed by Ed Wood.“

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Eine meiner absoluten Lieblingsplatten stammt aus dem popmusikalisch unglückseligen Jahr 1987: „Is That A Fish On Your Shoulder Or Are You Just Pleased To See Me“ von The Chrysanthemums. Was haben meine Bergisch Gladbacher Freunde und ich dieses Album geliebt! Die ersten Worte, die Sänger Yukio Yung vernehmen lässt, lauten: „Someone drowned himself in his own urine“: Ein Album, das mit diesen Zeilen beginnt, kann eigentlich nur großartig sein. Die Coda des Auftaktsongs ist fast Burt Bacharach. Fast. The Chrysanthemums sind die Nachfolgeband der ebenfalls sträflich vergessenen Brit-Exzentriker The Deep Freeze Mice; treibende Kraft war in beiden Fällen der Songschreiber und Gitarrist Alan Jenkins. Die Platte klingt in etwa, als hätten Monty Python eine Lo-Fi-8-Track-Rekorder-Band gegründet, als befände sich Robyn Hitchcock im Art-Pop-Schrammelmodus, als spielten XTC und die Beatles in einem englischen Schlafzimmer auf Kinderinstrumenten durchtriebenen Referenz-Pop. Wirklich: Eines der besten Alben aus jener Zeit, die gemeinhin als die Achtziger Jahre bezeichnet wird.

Gestern nun postete Chrysanthemums-Chef Alan Jenkins auf Facebook einen Soundcloud-Link zu dem Album. Dazu schrieb er: „Back in ’87, as a few older readers may recall, this LP was released on the Egg Plant label, and nobody took a blind bit of notice“. Rasch hacke ich ein knappes „I did!“ in die Tasten. Wenige Sekunden später vermeldete Jenkins: „Sorry. Back in ’87, as a few older readers may recall, this LP was released on the Egg Plant label, and only Eric Pfeil took a blind bit of notice.“ Ich vermute, das nennt man englischen Humor.

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Drei Musiken, die Verzagten und Zweifelnden den Glauben an die Kraft der Schönheit sofort wieder zurückgeben:

Chico Buarque & Ennio Morricone – Funeral de Um Lavrador

Julie London – Fly Me To The Moon

Laura Nyro – Stoned Soul Picnic

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Der das wunderbare Chrysanthemums-Album eröffnende Song heißt übrigens „Gloucestershire is just an illusion“. Vor ein paar Monaten traf ich mal im abendlichen Ausgeh-Kontext einen Gentleman, der aus Gloucestershire stammt. Auf meine Frage, welche tollen Bands denn so aus seiner Heimatstadt kämen, antwortete er: „Aus Gloucestershire kommen keine Bands, zumindest keine tollen“. Allerdings wusste er zu berichten, dass sich Steve Winwood mittlerweile dort niedergelassen habe. Auch sei Gloucestershire der Wohnort des späten John Entwistle gewesen. John Entwistle! Da hatte er mal einen erwähnt, der viel zu selten geehrt wird. Normalerweise bekommen ja eher Gitarristen Spitznamen hinterhergerufen. „Slowhand“ etwa im Falle Eric Claptons. Ein seltsamer Spitzname übrigens. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Eric Clapton je im direkten Gespräch von jemandem „Slowhand“ genannt wurde: „Hey, Slowhand, als du eben in den Pool gefallen bist, sah das ein bisschen aus, als hätte Cameron Crowe Regie geführt“. Ob Billy Wilder einen Spitznamen hatte?

John Entwistles Spitzname jedenfalls war „Thunderfingers“. Das ist doch mal was! Und mehr noch: Er wurde auch „The Ox“ genannt, beides ziemlich anbetungswürdig. Entwistle hat auch mal einen Bass entworfen, den Buzzard. Ja, früher hatten die Superherorockstar-Bassisten noch die Muße zum Entwerfen alberner Musikinstrumente. Heute fiele so etwas dem Bassisten von, sagen wir, The Killers vermutlich im Traum nicht ein. Ob der Bassist der Killers einen Spitznamen hat? Wie er wohl aussieht, wenn er in einen Pool fällt? Sehr banal vermutlich, so als hätte der Regisseur einer Erfurter „Tatort“-Folge Regie geführt.

Als junger Knabe sah ich mal The Who im Rockpalast, da waren sie schon ziemlich schlimm. Aber John Entwistle hat mich sehr begeistert. Zum einen wegen seiner Lässigkeit, die nichts mit diesem albernen Offenes-Fransenhemd-Propellerarm-Quatsch zu tun hatte. Zum anderen, weil er an seinem Mikroständer mittels irgendeiner Vorrichtung einen Trinkbecher mit Strohhalm angebracht hatte, aus dem er inmitten all der Bühnentoberei genüßlich schlürfen konnte, ohne dabei sein Bassspiel zu vernachlässigen. Was für ein Mann! Ich gehe gleich runter in den Werkraum und werde einen Bass entwerfen. Mit dem Antlitz von John Entwistle darauf.


Daniel Krüger (1987-2019)

Noch am Tag vor seinem Tod arbeitete Daniel am Programm für unsere nächste Sendung: „Eine Top 3 würde ich gerne machen: Geräusche in Filmen, die uns nerven.“ Es wäre Teil unseres fünften Podcast der „Streifenpolizei“ geworden, mein „Musikexpress“-Kollege und ich sprachen darin über Kino und Fernsehen. Wir waren stolz auf das Format. Wir waren erst im Dezember damit gestartet und standen in den iTunes-Charts zuletzt auf der Eins. Vor „Germany’s Next Topmodel“, der „Sendung mit der Maus“ und „Quarks“. Und beide waren wir nicht mal Moderations-Profis, wir waren Schreiber. „Streifenpolizei“ wurde unser Lieblingsprojekt. Ich versuchte im Podcast-Studio manchmal akademisch zu…
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