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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Der große Rockstar-Autobiographie-Anfangssatz-Vergleich

Folge 168

Ich schreibe gerade an meiner Rockstar-Autobiografie.

Aus diesem Anlass habe ich alle Rockstar-Autobiografien gelesen, derer ich habhaft werden konnte. Im Grunde, so musste ich feststellen, steht überall das Gleiche drin: Man liest von ersten Erfahrungen in Schülerbands, Mädchen aus der Nachbarschaft, Aufstiegen und Erfolgsdruck, Drogenexzessen, kreativer Ausgebranntheit, Scheidungen, Wiedergeburten und später Reife – es ist schon ziemlich fad.

Mindestens eine Rockstar-Biografie aber sollte jeder Mensch aus Abschreckungsgründen mal gelesen haben. Da, wie gesagt, letztlich überall das Gleiche drin steht, muss dem interessierten Leser ein geeignetes Auswahlkriterium an die Hand gegeben werden, das bei der Suche nach dem einen geeigneten Buch hilft. Eine Vorliebe für die Musik bestimmter Künstler funktioniert hier nicht, da gute Musiker oft fürchterliche Bücher schreiben. Ich hätte da einen besseren Vorschlag: Wie wäre es, wenn man sich – wie auch bei anderen literarischen Langtexten – an der Sogkraft des Anfangssatzes orientierte?

Hierbei soll die folgende Collage behilflich sein. Ich präsentiere:

Den großen „Rockstar-Autobiografie-Anfangssatz-Vergleich“! Yeah.

Willie Nelson
Willie Nelson

Im Folgenden finden Sie die Anfangssätze etlicher Rockstar-Autobiografien nebst einer persönlichen Bewertung der Sätze. Ich wünsche viel Freude bei der Auswahl. Los geht’s.

„Einst war Judsonia, Arkansas, eine blühende Metropole, die mit dem Rest des Landes durchaus Schritt halten konnte.“ (Beth Ditto, „Heavy Cross“, Anfangssatzwertung: 5)

„Ich komme aus einem Küstenstädtchen, in dem fast alles einen leichten Anstrich von Lug und Trug hat.“ (Bruce Springsteen, Born To Run, Anfangssatzwertung: 6)

„Es war 1964.“ (Ronnie Wood, Ronnie, Anfangssatzwertung: 4)

„Falls ihr Ursachenforschung betreiben wollt, könnt ihr genauso gut hier wie an anderer Stelle loslegen, obwohl ich keinen Hehl daraus mache, dass nicht nur ein einziger Tiefpunkt meinen undurchsichtigen und umständlichen Lebensweg markiert, diese Speed-Metal-Version eines Romans von Dickens.“ (Dave Mustaine, „Mustaine“, Anfangssatzwertung: 3)

„3 Uhr morgens.“ (Mike Rutherford, „Rhythmen des Lebens“, Anfangssatzwertung: 5)

„Ich gehöre einer Generation an, die sich einem extremen Idealismus verschrieben hatte.“ (Mikis Theodorakis, Die Wege des Erzengels, Anfangssatzwertung: 5)

„Lou Levy, der Boss der Plattenfirma Leeds Music, fuhr mit mir im Taxi zum Pythian Temple an der West 70th Street, um mir das winzige Tonstudio zu zeigen, in dem Bill Haley and His Comets „Rock Around the Clock“ aufgenommen hatten – dann weiter zu Jack Dempseys Restaurant Ecke 58th und Broadway, wo wir uns in eine Nische mit roten Lederpolstern und Blick aus dem Fenster setzten.“ (Bob Dylan, „Chronicles“, Anfangssatzwertung 7)

„Ich sitze an meinem Schreibtisch, einem spanischen Esstisch aus braunem Holz.“ (Klaus Hoffmann, „Als wenn es gar nichts wär“, Anfangssatzwertung: 0)

„Play On.“ (Mick Fleedwood, „Play On“, Anfangssatzwertung: 3)

„Ich befand mich auf dem Weg zu George.“ (Klaus Voormann, „Warum spielst du Imagine nicht auf dem weißen Klavier, John“, Anfangssatzwertung: 4)

„Spätabends klingelt in meiner New Yorker Wohnung das Telefon“ (Harry Belafonte, „My Song“, Anfangssatzwertung: 5)

„Als wir an diesem Abend zu unserem letzten Konzert auf die Bühne kamen, drehte sich alles nur um die Jungs.“ (Kim Gordon, „Girl in a Band“, Anfangssatzwertung 6)

„Dieses Buch ist Satz für Satz nur von meiner Wenigkeit, Chuck Berry, geschrieben worden.“ (Chuck Berry, „Chuck Berry – Hail! Hail! Rock’n’Roll“, Anfangssatzwertung: 9)

„Es begann alles mit einer Idee, einem Stift und einem leeren Blatt Papier.“ (Bushido, „Bushido“, Anfangssatzwertung: 0)

„Auf dieser Tournee wollte ich nur eins: mir die Hand in einer Tür einklemmen und sämtliche Finger brechen.“ (Carrie Brownstein, „Modern Girl“, Anfangssatzwertung: 8)

„Mit anderen Worten: Ich bin drei.“ (Charles Mingus, „Beneath The Underdog“, Anfangssatzwertung: 7)

„Ein Lied ist eine kurze Geschichte.“ (Willie Nelson, „Mein Leben – eine lange Geschichte“, Anfangssatzwertung: 4)

„Pause, Myhre!“ (Wencke Myhre, „Die Wencke“, Anfangssatzwertung 6)

„Als wir ins XL-Center fahren, habe ich das Gefühl, ich müsste eigentlich Schlittschuhe an den Füßen haben.“ (Justin Bieber, „Erst der Anfang: Mein Leben“, Anfangssatzwertung: 6)

„Wenn du ein Hammer bist, sieht alles wie ein Nagel aus.“ (Steven Tyler, „Does The Noise In My Head Bother You?“, Anfangssatzwertung: 9)

„Ich habe ein Leben gelebt, wie es in keinem Buche steht.“ (Wolfgang Ambros, „Wolfgang Ambros“, Anfangssatzwertung: 0)

„Es lag etwas in der Luft, und das schon seit Monaten“ (Thomas Anders, „100 Prozent Anders“, Anfangssatzwertung: 5)

„Ich glaube, ich habe den ersten Besuch eines Tanzlokals meiner Leidenschaft fürs Catchen zu verdanken.“ (Elvis Costello, „Unfaithful Music – Mein Leben“, Anfangssatzwertung: 9)

„Im Jahr 2011 vollendete sich mein ganz persönliches Millenium: Mein eintausendstes Konzert stand bevor.“ (DJ Bobo, „Popstar“, Anfangssatzwertung: 1)

„Schon als kleiner Junge von sechs oder sieben Jahren beschlich mich das Gefühl, dass an mir irgendwas anders war.“ (Eric Clapton, „Mein Leben“, Anfangssatzwertung: 4)

„Eines Tages rief mich Ely Callaway, der bekannte Hersteller von Golfartikeln, an.“ (Alice Cooper, „Golf Monster“, Anfangssatzwertung: 10)

„Hamburg, 1. Juni 2013.“ (Heino, „Mein Weg“, Anfangssatzwertung: 1)

„Wendepunkte im Leben eines Menschen werden durch Momente markiert, in denen die Welt plötzlich stillzustehen scheint.“ (Morten Harket, „My Take On Me“, Anfangssatzwertung: 1)

„Meine Eltern, meine Familie, mein unmittelbares Umfeld, die Straße vor meinem Elternhaus, die kleine Welt, in der man sich als Kind ganz selbstverständlich einrichtet, als wäre es der Mittelpunkt des Universums und alles genau so richtig, wie man es vorfindet – ja, ich bin sicher, so bin auch ich ins Leben getreten, wie sollte es anders sein?“ (Alexander Hacke, „Krach – Verzerrte Erinnerungen“, Anfangssatzwertung: 6)

„Wir landeten im strömenden Regen von Tokio.“ (Wilko Johnson, „Das Leben geht weiter“, Anfangssatzwertung: 5)

„Fangen wir nicht vorne an.“ (Tom Jones, „Over The Top And Back“, Anfangssatzwertung: 2)

„Wir nennen es „die Kurve kratzen“, und es ist der weltbeste Weg, nach Konzerten den Stau zu umgehen.“ (Rod Stewart, „Rod“, Anfangssatzwertung: 7)

Das soll für heute genügen. Ich hoffe, meinen Lesern mit dieser kleinen Übersicht geholfen zu haben. Vielleicht sollten Sie auch einfach den Quatsch mit den Anfangssätzen vergessen und die Wilko-Johnson-Autobiographie lesen, die ist nämlich wirklich gut.

Den blödesten Schlusssatz findet man übrigens bei Thomas Anders: „Ich liebe meine Fans von ganzem Herzen“, heißt es dort. Den besten hat Aerosmith-Sänger Steven Tyler zu bieten: „Ich mein ja nur.“

Scott Legato Getty Images

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Ein Monat sagt „Hi“

Folge 167 Unter allen Problemmonaten ist der November der problematischste. Zwischen dem Abwimmeln beharrlicher Martins­sänger, dem Verwalten langwieriger Viruserkrankungen und den zähen Verhandlungen mit mehr oder minder lieben Familienmitgliedern über die in diesem Jahr besonders komplizierte Weihnachtsplanung, kann sensiblen Zeitgenossen auch schon mal ein Gedanke kommen wie dieser: Wenn der November schon so schlimm ist, wie mag dann erst der Februar werden? Doch während der Februar immerhin baldige Besserung zu verheißen in der Lage ist, droht im November nur der Untergang. In der Popmusik wird der November als Synonym für alles Trübe und Triste ausgesprochen gern thematisiert. Vor allem von…
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