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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Eine Hommage an Jona Lewie, Ollie Halsall und Vivian Stanshall


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Folge 222

Machen wir uns nichts vor: Schon jetzt ist klar, dass 2021 als das Jahr in die Geschichte eingehen wird, in dem Shakin’ Stevens 73 wurde. Falls Sie daheim mitfeiern wollen: Am 4. März ist es so weit. Überhaupt kommt man im März aus dem Geburtstagfeiern nicht mehr heraus: Ry Cooder, Diana Ross, Elton John, Sly Stone, Damon Albarn und Roger Whittaker – sie alle dürfen sich im März das Partyhütchen überstülpen. Ich möchte die Kolumne aber nutzen, um an die  Geburtstage dreier eher selten besungener Arbeiter im Weinberg der Popmusik zu erinnern, deren Verdienste denen der genannten Turbopromis in nichts nachstehen.

Am 14. März etwa wird der große Jona Lewie 74 Jahre alt. Lewie kennt man hierzulande vor allem für seinen Aus-Versehen-Weihnachtshit „Stop The Cavalry“. Die Karriere des Mannes begann Anfang der 70er-Jahre in Bands mit vollmundigen Namen wie Brett Marvin And The Thunderbolts und Terry Dactyl And The Dinosaurs. Wie man in den 70er-Jahren als britische Band eben hieß. Geboten wurde zupackende Kneipenmusik mit Witztexten, zu der man ordentlich die Schlagjeans flattern lassen konnte und die im Falle von Terry Dactyl And The Dinosaurs 1972 sogar einen Hit abwarf. Lewies Durchbruch als Solokünstler kam 1980, als er beim legendären Label Stiff  Records unterschrieb, wo man sein seltsames Gemisch aus Pub-Rock, New Wave und schlitzohrigem Blödelsong zu schätzen wusste.

Lewie lebt offenbar gut von seinen „Stop The Cavalry“-Tantiemen

Es ist vor allem der New-Wave-Anteil, der Lewies günstig aufzutreibende Platten bis heute so gut hörbar macht. Sein Song „You’ll Always Find Me In The Kitchen At Parties“ ist noch immer dazu angetan, schlagartig Küchenzusammenkünfte in überschaubarem Kreis ausbrechen zu lassen. Wie man hört, lebt Lewie heute sehr gut von seinen „Stop The Cavalry“-Tantiemen. Dies sei ihm von Herzen gegönnt. Leider nicht mehr Geburtstag feiern kann Ollie Halsall, der ebenfalls an einem 14. März das Licht der Welt erblickte. Halsalls Name ist untrennbar mit dem britischen Progressive Rock der 70er-Jahre verbunden. Vor allem war er Weggefährte des großen Kevin Ayers, dessen Alben er mit seinem eleganten Spiel veredelte. Um ein Haar wäre Halsall gar einmal neuer Gitarrist bei den Rolling Stones geworden, einer weiteren beliebten Fachband für Kneipenmusik.

Unbedingt zu erwähnen ist zudem, dass Halsall sein Spiel auch in die Dienste von The Rutles stellte, jener komödiantischen Antwort auf die Bläck Fööss, äh, die Beatles. Die blöde Vokabel „Ausnahmegitarrist“ – in  Ollie Halsalls Fall ist sie gar nicht mal so unangebracht. Von Ollie Halsall ist es nicht weit zu Vivian „Viv“ Stanshall, Kopf der Bonzo Dog Doo-Dah Band und zwirbelbärtiger König der englischen Pop-Exzentriker. Am 21. März gilt es, die Teetasse auf Onkel Viv zu erheben, der leider bereits 1995 das Zugabteil wechselte. Das überschaubare Werk der Bonzos ist grandios, allein vom bloßen Hören kann man zwirbelbärtig werden. Die Band darf als Missing Link zwischen den Beatles und Monty Python betrachtet werden. 1967 spielen die Bonzos im „Magical Mystery Tour“-Film den Song „Death Cab For Cutie“, im Rahmen der Kindersendung „Do Not Adjust Your Set“ traf man auf Michael Palin, Terry  Jones und Eric Idle.

Die Aufnahmen zum Album „The Doughnut In Granny’s Greenhouse“ bestritt Stanshall nur in Unterhose und mit einer Hasenmütze auf dem Kopf. Später begann er mit Valium zu experimentieren, kultivierte eine Extremform der Bühnenangst und schlug sich mit Angststörungen herum. Dies konnte ihn freilich nicht vom Veröffentlichen spleeniger Soloalben abhalten, die so schöne Titel trugen wie „Teddy Boys Don’t Knit“ oder „Sir Henry At N’didi’s Kraal“. Sie sehen, es gibt also einiges zu feiern im März, zu Jona Lewies Ehren vielleicht bevorzugt in der Küche. Und nur für den Fall, dass nach diesen drei Geburtstagen noch Kapazitäten bei Ihnen vorhanden sind und nicht alles ausgetrunken werden konnte, können Sie sich im März auch noch zu einer Zwei-Personen-Polonäse für unter anderem die Geburtstagskinder Chris Rea, Graham Coxon, Céline Dion, Terry Hall und MC Hammer formieren. U can’t touch this!


Genuss mit Böcken: Gunter Blank über Lammfleisch

Vielleicht hatten die Kirchen­väter ja ein prachtvolles Gelage im Sinn, als sie im Jahr 325 das Osterfest auf den ersten Sonntag nach dem ers­ten Vollmond im Frühling legten. Jeden­falls koinzidiert der österliche Termin zwi­schen dem 21. März und dem 25. April bestens mit der Schlachtreife der im Sep­tember und Oktober geborenen Lämmer, und da das Lamm nicht nur das alttestamentarische Opfertier schlechthin ist, sondern zugleich Jesus, seinen Tod und seine Auf­erstehung repräsentiert, verbindet sich bis heute die angenehme Schlemmerei mit Lammbraten und Rotwein mit der religiös gebo­tenen Einverleibung des Leibs Christi und seines Blutes. Allein die Deutschen scheinen von derlei kathartischen…
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