Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Epiphanie beim Hören des Oldies-Radios


von
Eric Pfeil
Eric Pfeil

Folge 241

Was für Popmusik die Mehrzahl der Menschen wirklich hört, erfährt man, wenn man auf langen Autofahrten statt irgendwelcher Komfortzonen-Playlists das gute alte Oldies-Radio anwirft. Neben Stationen wie Antenne Irgendwas sind es Radiosender wie WDR 4 oder SWR 1, auf denen man, vom vermeintlichen Kanon unbelästigt, kompetent mit den wirklichen Evergreens der Musikgeschichte versorgt wird.

Kürzlich hatte ich mal wieder das Vergnügen, einen Tag auf der Autobahn zu verbringen, gütig von den beiden letztgenannten Sendern umdudelt. Bald fand ich mich in einer musikalischen Welt wieder, in der anstelle drolliger Eintagsfliegen wie den Beatles, Bob Dylan oder Depeche Mode vielmehr die Steve Miller Band, Harpo und Camouflage das Zepter schwangen. Zwischendurch erhielt der gebannte Hörer Grill-Tipps; auch wurde unentwegt Erlösung durch das bevorstehende „Wochenende“ angekündigt. Dieser Anhäufung von Vergessenheiten zu lauschen war einen Tag lang mal ganz schön (allerdings wegen der Musik, nicht wegen der Grill-Tipps). Wie es auf Dauer wäre, weiß ich nicht. Was ist schon auf Dauer schön?

Vor allem war ich glücklich, im Laufe meines Oldies-Radio-Tages gleich zweimal einem Lied wiederbegegnen zu dürfen, das ich immer sehr gemocht habe: „No Milk Today“ von Herman’s Hermits. 1966 veröffentlicht, war es ein großer Hit für die Band aus Manchester. Geschrieben wurde es von Graham Gouldman, damals ein junger Auftragssongschreiber, der es im Folgejahrzehnt als Mitglied der Band 10cc selbst auf die Bühnenbretter schaffen sollte. Was mich schon als Kind faszinierte, war, dass hier scheinbar mal nicht über irgendwelche Liebeleien gesungen, sondern, so dachte ich, Engpässe in der Milchversorgung thematisiert wurden. Doch weit gefehlt! Wie ich gerade lese, ist der Song das Lamento einer verlassenen Person, die mit dem Anbringen eines Schildes mit der Aufschrift „No milk today“ dem Milchmann kundtut, dass dieser keine Flasche vor die Tür stellen muss, da das offenbar milchvernarrte Gspusi ausgezogen ist.

„No milk today, my love has gone away/ The bottle stands forlorn, a symbol of the dawn/ No milk today, it seems a common sight/ But people passing by don’t know the reason why“, dichtet Gouldman und beschreibt damit das Zerbröseln eines Glücks.

Es gibt (natürlich!) eine deutsche Version: Sie stammt von der Beat-Gruppe The Four Kings aus Oldenburg, trägt den Titel „Brötchen und Milch“ und fokussiert offenbar stärker auf den ernährungstheoretischen Hintergrund. Was mich für den Song in seiner Originalfassung so einnimmt, sind wohl zwei Dinge: Zum einen der Zusammenklang von Streichern, Glocken und Background-Chor in der Bridge. Zum anderen der Wechsel von a-Moll im einleitenden Teil des Stücks zu A-Dur in besagtem Glockenteil. Dieser Moll-auf-Dur-Wechsel, so darf ich eben lesen, war eine Trademark von Graham Gouldman.

Auch in dem kurz zuvor veröffentlichten Song „Bus Stop“, den der Mann aus Lancashire für die Hollies verfasste, kommt dieser simple, aber effektive Trick zum Tragen. Und auch im Fall von Gouldmans „For Your Love“, einem Hit für die Yardbirds, darf sich die aufmerksame Hörerin über einen Moll-Dur-Wechsel freuen.

Wenn man besonders gut in etwas ist, treten nicht selten dunkle Mächte auf, die an dessen Ausbeutung interessiert sind. In Graham Gouldmans Fall war es die auf Bubblegum-Pop spezialisierte New Yorker Produktionsfirma Super K Productions. Nachdem er einige Jahre in Akkordarbeit Song um Song für die Firma verfasst hatte, fand sich Gouldman 1972 depressiv im Behandlungszimmer seines Arztes wieder. Immerhin darf die Studioband aus Gouldman, den Kollegen Godley und Creme sowie Eric Stewart, die auf den meisten dieser Songs spielte, als Keimzelle von 10cc gesehen werden. Trotzen wir nun allen etwaigen Unverträglichkeiten und erheben wir alle unser Milchglas auf Graham Gouldman, diesen wackeren Arbeiter im Melkbetrieb des Pop! Und auf das Oldies-Radio gleich mit.