Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Lässiger Habit

Folge 154

Vielleicht ist es ja an der Zeit, eine Kulturgeschichte der Linernotes zu schreiben. Heute werden die Linernotes zu irgend­welchen Wiederver­öffentlichungsboxen offenbar ausschließlich von Auskennerjournalisten verfasst – kundigen Autoren mithin, die auch das glatte Parkett von Politikwissenschaften, Gender Studies oder Kritischer Theorie souverän zu betänzeln wissen. Das war ­früher anders. Die Künstlerbeschreibungen, die in den 70er-Jahren in die Best-of-­Zusammenstellungen vorwiegend europäischer Chansonniers gedruckt wurden, sind eine ausgestorbene Kunstform für sich. Die Erklärung, warum überwiegend Alben französisch- oder italienischsprachiger Musiker mit solchen Texten ausgestattet wurden, könnte sein, dass man glaubte, diese nicht angloamerikanischen Interpreten erklären zu müssen.

Mal wurde ein unangebracht hoher Ton gepflegt, der den Autor der beigefügten Texte klar als hauptberuflichen Bartkratzer auswies, mal regierte holzschnittartige Charakterzeichnung, die darum bemüht war, den Künstler als dem Showgeschäft abgewandten Freigeist darzustellen. Oft gelang es, Bartkratzerei und Holzschnitzerei zu verbinden.

„Meidet Publicity, hat keine Skandale und geht ungern auf Partys. Ihm sind Abende im Kreise vertrauter Freunde lieber“: Lucio Battisti

Neulich schenkte mir ein Freund eine zerfledderte Doppel-LP des italienischen Sängers Drupi, die unter dem Titel „Seine größten Erfolge“ 20 Lieder des Musikers versammelt. Der Hauptreiz der Platte besteht weniger in der Musik (die tönt wie das musikalische Gegenstück einer zu einer zur Kerze umfunktionierten Chiantiflasche) als in dem Text, der sich im Inneren des Aufklappcovers findet. „Auf Mitteleuropäer wirkt er wie ein typischer Italiener“, heißt es dort, „von Aussehen und Gesangsstil her: ein Reibeisen mit Samtpfote.“ Es ist vom „publicityscheuen“ Drupi die Rede, der sich „nicht unfroh“ zeige, wenn Fototermine endlich vorbei seien. Die beste Stelle des Textes kommt, wenn der Autor das Typische der Drupischen Kunst mit Wucht auf den Punkt bringt: „Musik, die den Rücken runterläuft.“ Auf der Rückseite einer ­Greatest-Hits-Kompilation von Drupis Landsmann Lucio Battisti wiederum heißt es: „In seiner knapp bemessenen Freizeit malt er oder fotografiert. Er meidet Publicity, hat keine Skandale und geht ungern auf Partys. Ihm sind Abende im Kreise vertrauter Freunde lieber.“ Wieder also der putzige Versuch, die Künstler als eigentlich für das Showgeschäft untaugliche Schüchterlinge mit der Bodenhaftung von Schafhirten darzustellen.

Kooperation

Auch deutschsprachige Künstler wurden auf rührende Weise erklärt. Im Innencover einer Reinhard-Mey-Platte durfte sich Dr. Dietrich Schulz-Köhn verwirklichen. Dieser wusste zu berichten: „Reinhard Meys Image wuchs aus ihm heraus, quasi von innen. (…) Man hat den Eindruck, der junge Mann, der da vor einem im lässigen Habit, ohne Starallüren, ohne Pseudonym sitzt und die Gitarre über die Knie legt, drückt das aus, was jeder von uns empfindet. (…) Er hat Herz und Gemüt, das man ja uns Deutschen nachsagt, ohne dabei in Rührseligkeit und Selbstbemitleidung zu verfallen.“ Ein Steckbrief des Sängers ist beigefügt, als Hobbys gibt Mey „Basteln, Fernsehen, Biertrinken und Fliegen“ an.

Gilbert Bécaud hat gewiss nie eine „Gitarre über die Knie“ gelegt, auch weiß ich nicht, ob er gern gebastelt hat. Im Innern des Samplers „Seine großen deutschen Erfolge“ ist ein Bild zu sehen, das den Sänger auf der Bühne zeigt. Darunter heißt es: „Ein Abend mit Gilbert Bécaud – Stunden, in denen die Freundschaft reift.“ Daneben ein Foto von Bécaud vor zwei Bierkrügen. Bild­unterschrift: „Monsieur 100.000 Volt während einer Pause.“

Nein, es war nicht alles besser früher. Aber irgendwie kam das Image mehr von innen, die Musiker hatten süßere Hobbys, das Habit war lässiger, und die Musik lief mehr den Rücken runter.

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Noch ein Bier!

Michael Ochs Archives

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Kreuzung des Lebens

Folge 176 Als ich gestern auf der Suche nach einer Anregung für meine Kolumne durch die Stadt lief, war da erst mal wenig mit Popmusik. Erstaunlich eigentlich, ist sie doch angeblich so enervierend allgegenwärtig. Ich ging dorthin, wo Popmusik nun wirklich nie lange auf sich warten lässt: in den Plattenladen. Hier war die Hölle los. Drei ältere Herren gruben stumm in irgendwelchen Fächern nach Ware. Der Besitzer des Geschäfts war mit der Reinigung alten Vinyls beschäftigt, wofür er ein höllisch lautes Gerät betätigte, das sich anhörte wie ein Hochdruck-Laubgebläse. Musik lief keine. Da haben wir’s: Auch  in Plattenläden läuft keine Musik…
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