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Blackout Tuesday

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Mysterien des Alltags

Folge 205

Manchmal kehrt man von einer Tournee verändert zurück. Das liegt weniger daran, dass tourende Musiker – wie gern angenommen wird – Unmengen von Drogen nähmen oder anderen Formen der Ausschweifung nachgingen. Es sind eher kurze, unverhoffte Gespräche mit wildfremden Menschen nach einem Auftritt oder kleine Eindrücke am Wegesrand, die einem neue Perspektiven jenseits des heimischen Alltags eröffnen – oder einen im schlimmsten Fall nie wieder in diesen zurückfinden lassen.

Neulich unterhielt ich mich in Hannover nach einem Konzert mit einer Frau, die mir ausgiebig von ihrer Leidenschaft für das Nasenflötenspiel berichtete. Ihr Partner, ein Türsteher, habe ihr das Instrument zum Geburtstag geschenkt, und seither sei sie entflammt. „Nasenflöte? Was spielt man denn da so zum Einstieg?“, fragte ich. Sie habe mit Vangelis’ „Chariots Of Fire“ angefangen, antwortete die Frau. Im Moment übe sie „The Lion Sleeps Tonight“, das sei aber nicht ganz einfach. „Die macht das super!“, sagte der Türsteherfreund, grinste zu mir herab und drückte mir einen Mexikaner in die Hand.

Eine Nguru (Nasenflöte)

„Ich könnte mir das Titelthema von ‚Mein Name ist Nobody‘ ganz gut in einer Nasenflötenversion vorstellen“, sagte ich, nachdem ich das Getränk hinunter gekippt hatte. Interessanter Vorschlag, sie werde sich das Lied mal vorknöpfen, versprach die Frau. „Das Entscheidende ist die Atmung“, informierte der Türsteher und machte sich daran, eine weitere Runde Mexikaner aufzutreiben. Zurück von der Tour recherchierte ich, welche Stücke in der Nasenflötenszene besonders beliebt sind. Auf YouTube stieß ich auf eine Dame, die, ganz in Lila gekleidet, auf einem Baumstamm hockt und „Greensleeves“ auf dem streitbaren Instrument zum Besten gibt. Ich kann nicht behaupten, der Funke wäre sogleich auf mich übergesprungen. Das liegt auch daran, dass die Dame beim Nasenflötenspiel ausschaut, als wäre mit dem morgendlichen Löwenzahnsalat etwas nicht in Ordnung gewesen.

Tatsächlich weisen alle Nasenflötenvideos dasselbe Phänomen auf: Der mögliche Genuss der Musik wird durch den Ausdruck bei der Darbietung verunmöglicht. Hier scheint eine Subkultur am Werk, der es nicht um Coolness, ja noch nicht einmal mehr um Würde zu gehen scheint. In einem Video sitzt ein Mann im Schneidersitz vor einer Tanne und bietet ein Weihnachtsmedley dar; ein anderer Herr steht graubärtig und im Anzug in einer Art Blackbox und lässt mit seiner Aufführung erahnen, wie Ende der Siebziger eine Nasenflöten­-Sonderausgabe des Telekolleg ausgesehen haben könnte. Das hat alles einen gänzlich unironischen Charme, kann aber auch dazu führen, dass man nach dem Genuss von drei oder vier solcher Videos unter unkontrolliertem Zucken in die Tischkante beißt. Ob es auch prominente Popsongs mit Nasenflötenbeteiligung gibt, mochte ich jedenfalls nicht mehr recherchieren.

DAVID HANCOCK AFP via Getty Images


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Lieblingsalben aus 1001 Nacht, Vol. II

Folge 206 Souled American – Fe (1988) https://www.youtube.com/watch?v=3DWzx79x8IE&list=PL66F33126F56910F9 Diesen grandiosen Schlurfhippies wird gebetsmühlenartig in die Schuhe geschoben, für den Anfang der 90er einsetzenden Alt-Country-Boom verantwortlich zu sein. Das ist sicher richtig, lenkt aber davon ab, dass diese Band auch Alt-Country-Verdrossenen immer noch ordentlich den Teppich unter den Füßen wegziehen kann. Auch wenn der Verschlurfungsaspekt ihrer Musik in späteren Jahren deutlich in den Vordergrund rücken sollte, ist auf diesem Debütalbum schon alles da, was die Band aus Chicago ausmachte: Joe Adduccis sondersam krötiges Bassspiel zwischen Dub und Country, Chris Grigoroffs herzergreifender Leier-Gesang und natürlich diese gleichermaßen melancholischen wie übergeschnappten Supersongs. Souled…
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