Neue Podcast-Folge: „Die Streifenpolizei“ über die Favoriten der Oscar-Verleihung

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Wirf mit mir ein Saxophon ins Meer!

Folge 172

Ich hab’s!

Wenn’s mal gar nicht mehr läuft, wenn ich endgültig leer geschrieben und müde musiziert bin, die Zahlungsaufforderungen aber trotzdem weiter verlässlich den Briefkasten fluten, dann wüsste ich etwas, womit ich mir weiterhin ein paar Groschen verdienen könnte. Ich würde eine Tour durch die evangelischen Buchhandlungen, katholischen Weinhandlungen und konfessionslosen Bierkeller des Landes buchen und deutsche Übersetzungen von Liedtexten Paolo Contes vortragen. Yesss!!

Unlängst nämlich fiel mir ein Album Contes entgegen, dem ein Blatt mit den Übersetzungen der Texte ins Deutsche beigefügt war. Und, Donnerwetter: Diesen deutschen Übersetzungen wohnt – mal ganz ungeachtet des italienischen Originals – eine poetische Strahlkraft inne, nach der man in der deutschen Gegenwartslyrik lange suchen muss. Zugegebenermaßen suche ich selten in der deutschen Gegenwartslyrik nach irgendwas, aber lesen Sie doch bitte einfach mal die folgende Übersetzung des Stücks „Aquaplano“:

Kooperation

Wasserflugzeug

Ein Flugzeug

In der blonden und warmen Luft

Es fliegt langsam

Und lässt eine schöne braune Welt hinter sich

In der der Januar-Fluß fließt

Flieg tiefer, Pilot

Laß mich sehen, tiefer

In geringer Höhe

Damit ich besser sehen kann

Und erzählen kann

Was es ist, das dort auf dem Meer so glitzert …

Ich bin sicher:

Es ist wirklich ein Konzertklavier

Das seinen Klang dem Geheimnis verdankt

Ein schwarzer Konzertflügel

Sicher hat es dort gegeben

Dort unten, eine ganz komplizierte Geschichte …

Man braucht sehr viel Kraft, um zu werfen

Einen Konzertflügel ins offene Meer …

Und dort, wo ein Klavier steht

Gibt es rundherum auch Leute, die Krach machen

Es gibt Augen, die sich suchen

Es gibt Lippen, die sich ansehen …

Ich habe kein Vertrauen

Manchmal ist ein Klavier ein Schrei

Dort gibt es Beine, die sich berühren

Und Versuchungen, die miteinander reden

Dreh um Pilot

Laß uns wieder ganz nach oben in den Himmel streben

Kehr zurück zu der Welt mit der schönen braunen Farbe

Finde mir den Januar-Fluß …

Ich kann nicht anders: Seit ich den Text entdeckt habe, muss ich ihn ständig überall unaufgefordert vortragen. In Kneipen, auf Geburtstagen, daheim am Küchentisch. Mit dem „Wasserflugzeug“ wird mir schlagartig jeder Ort zur Lesebühne. Manchmal lese ich ihn auch einfach nur, wie zur Vergewisserung, mir selbst vor.

***

Eben ging ich an einem Plakat vorbei, das den Auftritt der Dave Matthews Band in meiner Heimatstadt bewarb. Noch bevor sich Verwunderung über die unverlangte Dave-Matthews-Band-Rückkehr und alte Ablehnungsreflexe gegenüber der Gruppe um die Gefühlsvorherrschaft in dieser Angelegenheit zu balgen beginnen konnten, stellte sich Amüsement ein. Denn: Auf das Plakat, so sah ich beim Nähertreten, hatte jemand mit einem Edding das Wort „Tierquälerei“ geschrieben.

Nun mag man der Dave Matthews Band ja so einiges vorwerfen – aber „Tierquälerei“ scheint mir eine einigermaßen originelle Beschuldigung zu sein. Oder weiß ich von irgendetwas nicht? Sind die Mitglieder allesamt notorische Pelzträger? Wird auf offener Bühne geschächtet oder Erdmännchen der Kopf abgebissen? Verlangen die Musiker auf dem Tour-Rider nach Streichel-Gnus im Backstage-Bereich? Hat sich der Bassist der unter dem etwas ekligen Banner „Jam-Rock“ geführten Band des Herumreitens auf Hühnern schuldig gemacht? Ist irgendein Band-Mitglied gar selbst ein Tier?

Gibt man im Internet „Dave Matthews Band Tierquälerei“ ein, kommt nichts. Selbst die Suchanfrage „Dave Matthews Band Tiere“ fördert nichts zutage.

Vielleicht wollte jemand ja nur seinen Edding ausprobieren. Möglicherweise wollte er aber eigentlich das Plakat einer anderen, tatsächlich der Tierquälerei überführten Band bekritzeln, hatte aber stark getrunken und aus Versehen das falsche Plakat getroffen. Oder das Ganze ist Teil einer großen Destabilisierungskampagne dunkler Kräfte, die auf subtile Verwirrung im Alltag setzen. Ich halte da alles für möglich.

Ich fürchte, ich muss mir das Konzert leider angucken.

***

Es ist übrigens Jahr des Saxophons. Super, ein ganzes Jahr voller Saxophone! Viele langweilige Menschen schmähen das Instrument ja allzu gerne, und billige Saxophonistenwitze können sich einfach abgeholter Lacher gewiss sein.

Mein Lieblings-Saxophonsolo jenseits des Jazz – Sie hatten gefragt – wird von Gato Barbieri (der Vorlage für „Zoot“, den Saxophonisten der Muppets-Band) geblasen und findet sich am Ende von Antonello Vendittis Lied „Modena“. Zur Warnung: Antonello Venditti zählt zu jener Sorte italienischer Sänger, die sich mit Tauben auf der Schulter fotografieren lassen. Sein Gesangsstil gemahnt ein wenig an Cat Stevens mit starken Zahnschmerzen. Auch trägt er gerne alberne Sonnenbrillen und Strohhüte. Kurzum: Ich liebe den Mann.

Das besagte Solo hört sich gelegentlich an, als sei es von Helge Schneider gespielt worden, am Ende werden gar Erinnerungen an die Anfangsszene von „Der Partyschreck“ wach, wo Peter Sellers als tödlich verwundeter Armeetrompeter einfach nicht aufhören will zu tröten. Für diese kostbaren Momente wurde das Instrument erfunden.

Auch Antonello Vendittis Platten liegen bisweilen deutsche Textübersetzungen bei. Und auch aus diesen sollte ich wohl dringend öffentlich vortragen. Anbei die deutsche Übersetzung des Lieds „Eleonora“:

Schau wie groß die Sterne sind am Himmel

Und wie schön es ist, zu spüren

Wie die Nacht übers Herz gleitet

Diese Nacht auf dem Dach – und wir warten

Auf das Lied, das uns das Weltall singt

Halte jetzt meine Hand noch stärker

… dieses Schweigen macht mir etwas Angst.

 

Eleonora, nackt auf dem Sofa – sie snifft

Und dieses Zimmer dreht sich immer mehr

Ein verbotenes Fest, wie es im Buche steht

Dort sitzt sogar müde ein Stadtrat

Alles feine und gebildete Leute

Die sich vor dem Leben nie fürchten

Eleonora … komm wir gehen

 

Wo Venus ein Traum ist und gut Sax spielt

Diese stille Liebe genügt uns, du wirst sehen

Wie auch immer: weg von diesem Fest

Weg von dieser Stadt

Weg von diesem Schnee der Peripherie

Komm, wir gehen

Sichern Sie sich jetzt schon Ihr Ticket für die große Kurmuschel-Tournee „Wirf mit mir ein Saxophon ins Meer – Eric Pfeil liest Perlen des Italo-Pop. Ganz ohne Tierquälerei“!

Eric Pfeil

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Momente des Glücks

Folge 171 In dieser Ausgabe der Kolumne dem siechenden Jahr nicht ein paar Zeilen hinterherzuschicken fällt schwer. Doch soll es an dieser Stelle nicht um die erhabensten Platten und die großartigsten Konzertmomente gehen, sondern um ein paar Versäumnisse, Kollateralitäten und Nebenschauplätze. Während sich also im Rampenlicht der Jahresabrechnungen die Poll-Sieger und Everbody’s Darlings auf der Center Stage zum großen Gruppenfoto der Pop-Platzhirsche versammeln, soll an dieser Stelle ein zartes Schreibtischlämplein auf die kleinen tollen Ereignisse des Pop-Jahres gerichtet werden. Hier muss das Konzert der Band The Goon Sax genannt werden, dem Ihr Chronist beizuwohnen die große Freude hatte. Mit dem…
Weiterlesen
Zur Startseite