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Haruki Murakami zeigt uns die inneren Abgründe einsamer Melancholiker

Haruki Murakami schreibt die einfachsten Sätze und spinnt damit die komplexesten Geschichten. Seine Protagonisten ähneln sich auf den ersten Blick: männlich, melancholisch und irgendwie verloren, und auf den zweiten sind sie wandelnde Abgründe, die beim Leser Schwindelgefühle verursachen und in eine andere, jedes Mal auf eine neue Art fantastische Welt hinabführen. Diese scheint sich zunächst gar nicht so sehr von unserer Welt zu unterscheiden, ist nur leicht von der materiellen in die ideelle Dimension verschoben, sodass man Dinge sieht, die in unserer Wirklichkeit verdeckt oder unsichtbar sind.

Das neue Epos des Japaners, „Die Ermordung des Commendatore“, besteht aus zwei Teilen. Der erste, „Eine Idee erscheint“, wurde ­Ende Januar veröffentlicht. Die Konstellation gleicht der aus Murakamis epischem Meisterwerk „Mister Aufziehvogel“: Ein Mann erzählt von einer inneren Wandlung, nachdem seine Frau ihn verlassen hat. Dieses Mal ist der Mann aber kein einfacher Anwaltsgehilfe, sondern ein Künstler. Als Teenager hat er seine jüngere Schwester verloren, die an einer Herzschwäche litt. Daraufhin begann er Bilder von ihr zu malen, um ihre Erscheinung in der Welt zu halten. So brachte er es als Porträtist zu einer Meisterschaft, was ihm nach seinem Kunststudium und seiner Hochzeit mit ­Yuzu immerhin ein geregeltes Einkommen sicherte, denn viele reiche Unternehmer hängen sich gern ihre Abbilder ins Büro. Modell sitzen müssen sie ihm dabei nie – er fertigt seine Porträts nach einem Treffen mit seinen Auftraggebern aus dem Gedächtnis an.

Auf der Suche nach dem wahren Ich

Als seine Frau sich nach sechs Jahren Ehe von ihm trennen wollte, packte er das Nötigste zusammen und verließ die gemeinsame Wohnung in Tokio, um entlang der Küste Richtung Norden nach Hokkaido zu fahren, dann wieder zurück Richtung Süden. Sechs Wochen lang war er unterwegs. Frei von Verpflichtungen und ehelichen Pflichten beschloss er, den Brotjob des Porträtmalers aufzugeben und sich „mit aller Kraft auf ein eigenes Bild zu konzentrieren“, sich also auf die Suche nach seinem wahren Künstler-Ich zu machen. Sein Studienfreund Masahiko bot ihm an, in das leer stehende Haus seines dementen, in einem Pflegeheim lebenden Vaters in den Bergen zu ziehen und dort zu arbeiten. Masahikos Vater, Tomohiko Amada, war einst ein angesehener Maler und zog sich auf dem abgelegenen Anwesen vor der Welt und seiner Familie zurück.

Kooperation

Um in seinem neuen Domizil nicht ganz zu vereinsamen, so erzählt der Maler, hat er in der nahe gelegenen Stadt Odawara zweimal die Woche Malkurse für Kinder und Erwachsene gegeben. Dort lernte er zwei Frauen kennen, mit denen er Affären begann. Mit dem Malen lief es nicht ganz so gut, stattdessen hörte er sich durch Amadas Opernsammlung und beschäftigte sich mit dessen Werk, um der Frage nachzugehen, warum der nun demente Mann, der in jungen Jahren in einem westlichen Stil gemalt hatte, sich nach einem längeren Aufenthalt in Wien Ende der 30er-­Jahre dem traditionellen Nihonga-Stil zuwandte.

Als ihn eines Nachts seltsame Geräusche weckten, spürte er ihnen nach und fand auf dem Dachboden eine kleine Eule und ein mysteriöses Paket, in dem sich ein Bild befand, das Tomohiko Amada anscheinend vor der Welt verstecken wollte. Das Gemälde trug den Titel „Die Ermordung des Commenda­tore“ und zeigte eine Szene aus ­lange vergangener Zeit: einen Kampf zweier Männer, eines jungen und eines alten, dem bereits das Schwert entglitten und dessen Brust von einer Klinge durchbohrt war. Es dauerte nicht lang, so der Maler, bis er darin die Adaption einer Szene aus Mozarts „Don Giovanni“ er­kannte, doch das machte das Geheimnis dieses Bildes noch viel größer.

Magischer Realismus

Kurz nach dieser Entdeckung erhielt er ein ziemlich lukratives Angebot, ein Porträt eines geheimnisvollen Auftraggebers anzufertigen. Angesichts des beträchtlichen Honorars nahm er an. Es war ein Mann namens Wataru Menshiki, der schließlich in seinem Atelier erschien und darauf bestand, jeden Tag Modell zu sitzen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten öffnete sich der Mann mit dem wallenden grauen Haar seinem Porträtisten. Er war 54 Jahre alt ist, hatte früher ein IT-Unternehmen geleitet, lebte in einer luxuriösen Villa auf der anderen Seite des Tals und vermutete nach einem mysteriösen Brief aus dem Nachlass einer Exfreundin, Vater einer Tochter zu sein, die mit ihrem Stiefvater ebenfalls in den Bergen um Odawara wohnte.

Der Maler erzählt, wie er erneut eines Nachts von Geräuschen geweckt wurde, diesmal von einer Art Läuten, und entdeckte, dass es aus einem Steinhaufen neben einem verrotteten Schrein hinter dem Haus kam. Er weihte Menshiki in seine Entdeckung ein, der gleich einen Unternehmer beauftragte, die Steine abzutragen. Darunter befand sich eine gemauerte Kammer, die bis auf einen rituellen Schellenstab vollkommen leer war. Wieder schien das Geheimnis größer zu werden, je mehr man ihm auf den Grund ging.

Murakami umschreibt den inneren Abgrund seiner Hauptfigur in kreisenden Bewegungen und inszeniert ein äußerst cleveres, oft auch sehr komisches Spiel mit Spiegeln und Doppelgängern, Magie und Rea­lität, Mysterien und Psychologie. Es steckt also wieder alles in diesem Epos drin, was man sucht, wenn man sich diesem in seiner Berechenbarkeit doch immer wieder originellen Autor zuwendet. Nach 500 Seiten mag man diese Parallelwelt, in der das Abwesende jederzeit präsent ist, gar nicht verlassen. Es lohnt sich auch nicht, wieder mühsam in die Realität hinaufzusteigen, da doch der zweite Teil, „Eine Metapher wandelt sich“, schon im April erscheint.


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