Kritik: Gorillaz live in Berlin – Hier tanzen auch zynische Hipster


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Zwei der Markenzeichen der Gorillaz sind Individualität und die Entwicklung: Die Kreation der Kunst-Charaktere 1998 irgendwo in einer WG in London entsprang bereits der Motivation, nicht zum Pop-Einheitsbrei zu gehören. Die virtuellen Bandmitglieder Murdoc Faust Niccals, Stuart Harold „2D“ Pot, Russel Hobbs und Noodle dienten dem Spiel mit Stereotypen, um genau diese zu brechen – und so Neues zu erschaffen.

Seit den Anfängen haben die Gorillaz sieben Studioalben veröffentlicht und mehr als 8,5 Millionen Platten verkauft. Sie erfinden sich seit jeher immer wieder neu und legen sich auf kein Genre fest. Die Gorillaz stehen für ein audiovisuelles Cartoon-Spektakel und genau diese Verschmelzung von Musik, Visuals, Effekten und dem Einsatz von Licht macht sie auch zu einem faszinierenden Live-Act.

Für jung und alt

So vielseitig wie die Musik war auch das Publikum an diesem Juniabend in der Parkbühne Wuhlheide. Auf den Rängen der Location, die Amphitheater-Vibes versprühte, sammelten sich Familien, Fans des älteren Semesters und Millennials. 

Weiter vorne – direkt vor der Bühne – standen die besonders feierwütigen Fans. Sie konnten zeigen, ob sie die nötige Ausdauer für ein Gorillaz-Konzert haben. Auf den Einlass um 17:00 Uhr folgte eine zweistündige Aufwärmphase. Bis jedoch Damon Albarn mit seiner Live-Band unter großem Jubel die Bühne betrat, sollte es noch dauern. Zuvor heizten die beiden Vorbands Moonchild Sanelly und Lous and the yakuza das Publikum ein. 

Wenig Nostalgie und Verträumtheit

Um 21 Uhr war es dann endlich so weit. Im pinken T-Shirt, rosa Shorts und mit Truckerkappe stand Damon Albarn gemeinsam mit der zwölfköpfigen Live-Band auf der Bühne. Den Anfang machte der Song „M1A1 aus dem Debüt-Album „Gorillaz“. Laute Gitarren, ein kräftiges Schlagzeug und leichter Mitsing-Text sollen das Publikum aufwecken – musikalisch ist man weit entfernt von der so typischen Nostalgie und Verträumtheit der Band. Aber Frontmann Damon Albarn konnte immer schon mit einer unvergleichbaren Leichtigkeit von Genre zu Genre springen.

Ein weiteres Markenzeichen der Gorillaz darf beim Auftritt in der Wuhlheide natürlich nicht fehlen: Die Musikvideos. Aus den anfangs noch handgezeichnete Kurzgeschichten sind mittlerweile dreidimensionale Kurzfilme geworden. Während Albarn den nächsten Song „Strange Timez“ anspielte, wurde das Musikvideo auf einer riesigen Leinwand hinter der Band abgespielt. Zu sehen sind: animierte Reisen durchs All, der Sternenhimmel und Robert Smith als Mond, der den fast therapeutischen Refrain singt. Wir leben tatsächlich in eigenartigen Zeiten.

Neue und alte Werke

Der Großteil der Songs, die Albarn spielte, waren entweder aus den ersten drei Gorillaz-Alben oder Teil des letzten Werkes „Song Machine“, das 2020 veröffentlicht wurde. Aber Albarn lieferte auch Neues. Die erst vor kurzem offiziell veröffentlichte Zusammenarbeit mit Bass-Spezialist Thundercat durfte beim Auftritt in Berlin nicht fehlen. „Cracker Island“ wurde erstmals im Zuge der Live-Tour in Uruguay aufgeführt und lädt auch zynische Hipster zum Tanzen ein. 

Generell verbreitete das Konzert eine gute Mischung. Albarn trat nicht als ewig leidender Künstler auf, er hatte einfach Spaß. Der 54-Jährige ließ sich vom Publikum bejubeln, spielte seine Harmonika mit dem Enthusiasmus eines Kindes und tanzte mit ironischen Zwinkern. Albarn nimmt sich nicht ernst und überlässt die Bühne auch gerne mal anderen. Kein Wunder: Die Gorillaz blieben über die Jahre relevant, da Albarn stets bereit war, mit neuen Künstler*innen zu arbeiten. Live ist das nicht anders. Albarn holte eine Background-Sängerin in den Vordergrund, ließ Moonchild Sanelly noch einen Song singen und hatte noch Überraschungsgäste mit im Gepäck.

Größter Hit zum Schluss

Nach „Plastic Beach“ wurde die Bühne dunkel, aber es war natürlich noch nicht vorbei. Die Fans riefen Zugabe und die gab es auch in Form von „Stylo“. Der Song aus dem Album „Plastic Beach“ ist elektronischer Funk vom Feinsten, mit guest vocals von der mittlerweile verstorbenen Soul-Legende Bobby Womack. Stattdessen gab es Unterstützung von Rapper Bootie Brown. 

Als Abschluss feuerte Albarn noch die beiden größten Hits der Gorillaz raus. „Clint Eastwood“ aus dem Debüt-Album und „Feel Good Inc“ aus „Demon Days“. Das Publikum sang laut mit, tanzte und ja…fühlte sich gut. „Clint Eastwood“ wurde ein weiteres Mal wiederholt und verwandelte sich zum chaotischen Mix in doppelter Geschwindigkeit. Das Publikum kam ins Schwitzen, Albarn gab ein letztes Gitarrensolo und dann war es nach zwei Stunden vorbei.

Von Lukas Rein und Yannick Levante

Setlist:

  • M1 A1
  • Strange Timez
  • Last Living Souls
  • Tranz
  • Aries
  • Tomorrow Comes Today
  • Rhinestone Eyes
  • 19-2000
  • Cracker Island
  • O Green World
  • Pirate Jet
  • On Melancholy Hill
  • El Mañana
  • With Love to an Ex
  • Kids With Guns
  • Interlude: Elevator Going Up
  • Andromeda

    Dirty Harry
  • Momentary Bliss
  • Plastic Beach

Zusatz

  • The Pink Phantom
  • Stylo
  • Feel Good Inc.
  • Clint Eastwood