Kritik: John Williams live in Berlin – Musik besiegt Motorrad


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In den vergangenen 18 Monaten gab John Williams in Europa fünf Konzerte – das ist eine beachtliche Zahl, gastierte der US-Filmkomponist zuvor das letzte Mal 1992 jenseits von Amerika, für einen Auftritt in London. Seine beiden Wien-Konzerte Ende Januar 2020 erscheinen wie eine Ewigkeit her: keine Masken, keine belastenden Corona-Gedanken. Wenig später würde die Welt eine andere sein.

In Wien waren mehr Fanboys, mehr kostümierte Geeks zugegen als in Berlin, wo der 89-Jährige nun an drei aufeinanderfolgenden Abenden die Berliner Philharmoniker dirigiert. Das Publikum ist diesmal weniger exotisch, weniger international, was auch mit den Konditionen des Vorverkaufs zusammengehangen haben könnte: Die (Frühbucher-)Karten für die ersten beiden Auftritte waren nur über ein Abo für sechs Konzerte innerhalb einer Spielzeit zu ergattern, was den Gesamtpreis in stattliche Höhen schraubte; viele Interessierte außerhalb Berlins dürften abgewogen haben, ob sie für nur einen Auftritt tatsächlich anreisen und für fünf andere, die sie nicht sehen würden, bezahlen sollten. Das Publikum setzte sich zwar auch aus „Star Wars“- und „Indiana Jones“-Fans der typischen Altersgruppe um die 40 bis 50 zusammen, aber auch aus Dauerkarten-affinen Klassik-Hörern in gesetzterem Alter.

Man muss John Williams als Popstar begreifen. Vereinzelt waren schon in Wien Kutten-Träger zu sehen, deren Jeansjacke vorne mit  Bildern von Boba Fett und hinten mit Bildern von Luke Skywalker bestickt waren. Menschen mit Obi-Wan-Kenobi-Bärten. Einer konnte tatsächlich ein Plastik-Lichtschwert reinschmuggeln. Japaner und Italiener machten vor dem Auftritt Selfies vor der leeren Bühne und hielten John-Williams-Puppen in die Kamera. In Berlin gibt es zwar auch mehr „Yeah!“- als leidige „Bravo!“-Rufe, insgesamt aber ist hier ein bisschen weniger Partystimmung, vielleicht auch, weil in der Philharmonie anders als in Wien keine Stehplätze zur Verfügung gestellt wurden. Ein wagemutiger, aber unaufgeregter Fan mit Stift und Memorabilia schleicht sich beim ersten Konzert an John Williams heran, als der vor der Zugabe die Bühne verlässt – ein Wachmann bekommt das zu spät mit, scheint sich deshalb ein wenig über sich selbst zu ärgern und eskortiert den Todesmutigen nicht nur weg von Williams, sondern verweist ihn allem Anschein nach des Hauses.

Der „Imperial March“ bringt die Halle zum Beben

Es ist – natürlich! – der „Imperial March“ aus „The Empire Strikes Back“, das Thema Darth Vaders, das die Philharmonie zum Beben bringt. Williams kam da schon zum dritten Mal auf die Bühne, und als der Marsch einsetzt, nicken Köpfe, wackeln Knie, dirigieren Zuschauer ungeniert mit. Die Berliner Philharmoniker interpretieren Williams‘ Stücke tatsächlich noch etwas besser als die Wiener Philharmoniker – nimmt man, wie der Autor dieser Zeilen, eine möglichst werkgetreue Darbietung als Maßstab. Die „Live in Vienna“-Albumveröffentlichung machte an einigen Stellen deutlich, dass das Orchester zur Überbetonung, fast schon Verschleppung von Einsätzen (wie in „Rebel Blockade Runner“) neigte, was wie der übertriebene Versuch wirkte, Spannung zu erzeugen. Am letzten der drei Abende hält Williams fest: Die Berliner Philharmoniker sind „the world’s greatest orchestra“.

Die – bleiben wir im Pop-Konzert-Terminus – Setlist von Berlin wich von Wien durchaus ab. „Superman“ war endlich dabei, „Yoda’s Theme“ auch, sogar die „Olympic Fanfare“ der besten Olympischen Spiele aller Zeiten, Los Angeles 1984. Dafür fehlte auch hier das „Jaws“-Titelmotiv, immerhin Williams‘ nach „Star Wars“ zweibekanntestes, und anstelle der epischen „Adventures On Earth“ von „E.T.“ gab es in Berlin die kürzere Single-Version („Flying Theme“). Auch Berlin war ein Auftritt ohne Chor, leider, so dass Fan-Favoriten wie „Duel Of The Fates“ nicht dargeboten werden konnten (gönnen Sie mir an dieser Stelle bitte die Bemerkung, dass ich mir außerdem „Desert Chase“ und „The Map Room: Dawn“ gewünscht hätte, wenngleich ersterer ohne Chor auskommt). Nun ist John Williams der wohl größte Soundtrack-Komponist aller Zeiten, er hat hunderte Stücke geschrieben und die Rekordzahl von fünf Oscars gewonnen. Ein Programm aus sieben Jahrzehnten Arbeit zu gestalten, ist eine Herausforderung.

„Elegy für Violoncello und Orchester“

In Wien war Anne-Sophie Mutter eine prominent eingebundene Geigerin, was Williams-Fanatiker an den Nägeln kauen ließ. Mutter intonierte Stücke, die wichtigere Beiträge des Meisters aus der zu erwartenden Konzerttitel-Liste verdrängten, damit sie selbst mit Solo-Einsätzen glänzen konnte. Sie spielte gerade solche aus dem schwächeren Spätwerk, das Williams‘ europäische Anhänger, die ihn nach Jahrzehnten endlich zu Gesicht bekamen, wohl nicht am Sehnlichsten erwartet haben: „Tintin“, „War Horse“ – dafür immerhin das unterschätzte „Sabrina“. Die Berliner Philharmoniker treffen eine richtige Entscheidung und stellen Williams für eine „Elegy für Violoncello und Orchester“ den hauseigenen Solocellisten Bruno Delepelaire zur Seite. Williams komponierte es 1997 für die verstorbenen Kinder eines Freundes, bekannt wurde die Einspielung mit Yo-Yo Ma.

Es gibt natürlich John-Williams-Apologeten, die alles an ihm lieben. Aber eine gewisse Ziellosigkeit, fast schon Danny-Elfman-artige Hastigkeit sind ein Merkmal aller seiner jüngeren Scores. Manche Melodien verlieren sich schnell im Kreuzfeuer aller Instrumente. Luke Skywalker hatte noch ein großes „Theme“, Darth Vader natürlich, Yoda, Leia, der Imperator – aber ausgerechnet Han Solos Motiv aus dem Jahr 2018 („The Adventures of Han“) wirkt fahrig, das stellt auch die Darbietung mit den Berliner Philharmonikern heraus.

Höhepunkt der Aufführung ist ein Zusammenschnitt aus „Close Encounters of the Third Kind“. Darin verbeugt Williams sich vor Györgi Ligetis irritierenden Geigenschlieren, liefert also eine direkte Hommage an Kubricks „2001“ ab, und vermengt dies mit der eigenen Symphonie für ein Raumschiff, das als bunt leuchtendes Karussell, wie ein Kindertraum, in das All entschwebt. Williams machte sich 1977 damit selbst Konkurrenz, denn der Oscar ging nicht an diesen Triumph, sondern an seine andere Musik, an „Star Wars“. Es macht unendlich traurig, aber es ist auch unendlich schön: ein romantisches Motiv für den Neu-Astronauten Neary, aber nicht für seine Liebe zu einer Frau, sondern für seine Liebe zu Aliens. Es ist die Musik, die man auf einer Beerdigung hören möchte, weil sie eine Feier des Lebens ist.

Williams greift häufig zum Mikrofon, berichtet von seiner Zusammenarbeit mit Hollywood-Regisseuren. Wie in Wien bringt er am ersten Abend die Anekdote vom Gespräch mit „Star Wars“-Regisseur George Lucas. Williams ging 1976 davon aus, dass es nur ein „Krieg der Sterne“-Werk geben würde – und weil er Luke Skywalker und Prinzessin Leia als Liebespaar sah, komponierte er mit „Luke and Leia“ ein Liebesmotiv; erst zur Fortsetzung „The Empire Strikes Back“ erklärte ihm George Lucas, dass das rebellische Duo aus Geschwistern besteht. „Luke and Leia“ hat Williams seit ein paar Jahren, seit dem Tod von Leia-Darstellerin Carrie Fisher, häufiger im Programm. Er lässt es an den Abenden zwei und drei weg.

„Aber das Motorrad war zu laut“

Es ist Williams‘ Anliegen, dass wir seine Musik unabhängig von den Bildern sehen und hören können. Sie soll auch ohne Leinwandgeschehen funktionieren (was sich jeder Komponist wünscht). Epigonen wie Hans Zimmer, die sich selten von Welt-Orchestern einladen lassen, sondern einfach die größten Mehrzweckhallen buchen, begleiten ihre Werke – so wenig Vertrauen in die Vorstellungskraft seiner Zuhörer muss man erstmal haben – auch mal mit Filmausschnitten. In Wien erzählte Williams die Anekdote von Spielbergs „E.T“, und wie der fahrradfahrende Junge Elliott gemeinsam mit dem Außerirdischen mit „35.000 Meilen die Stunde“ davonbraust, um dessen Raumschiff pünktlich zu erreichen. „Dies ist nun die Möglichkeit“, sagte er damals ironisch, „meine Musik ohne die störenden Filme zu genießen.“

Auch in Berlin spricht Williams von seinen Aufnahmen, die aktuellen wie alten. Nach den drei Konzerten wird er nach Los Angeles zurückkehren um den fünften „Indiana Jones“ zu orchestrieren. Er erinnert sich an „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ von 1989, Teil drei. Er habe sich gefreut, eine lustige Verfolgungsjagd zu untermalen, Nazi-Soldaten auf Motorrädern verfolgen Indy und dessen Vater. Er nannte das Stück „Scherzo for Motorcycle and Orchestra“.

„Die Komposition hat Spaß gemacht“, erzählt er dem Berliner Publikum. „Bis ich den Film bei der Premiere gesehen habe. Das Motorrad war so laut, dass ich meine eigene Musik nicht mehr hören konnte.“ Das habe ihn, sagt er mit gespieltem Ernst, in seiner Eitelkeit gekränkt. Lachen im Saal. Man muss sich John Williams als Komponisten vorstellen, der seine Lieder aufführt, damit er Ruhe vor den Filmen hat. Nicht er braucht die Filme, die Filme brauchen ihn.