Lieblingslieder über Protz-Kirchen oder Rührende Rockstars


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Es wäre wohl ganz gut, wenn ich etwas mehr Tagesaktualität in das „Pop-Tagebuch“ brächte. Das schaffe Relevanz, sagt mein Beraterstab. Vielleicht hat der Stab ja recht. Mal schauen: Ich könnte beispielsweise irgendwie den Limburger Bischof einbauen. Der ist ja derzeit in aller Munde. Allzu viele Lieder über „Protz-Bischöfe“ aber gibt es nicht. Ich hatte geglaubt, im Werk Morrisseys fündig werden zu können, aber nein, der singt nur über bizarr gewandete Vikare. „Church Of The Poisened Mind“ von Culture Club kommt mir noch in den Sinn. Ganz ulkig, wenngleich in ihrer Kirchen-Kritik etwas albern, sind diverse Solo-Songs des ehemaligen Can-Bassisten Holger Czukay. Immerhin spielt auf diesen Songs Czukays ehemaliger Can-Kollege, der große Jaki Liebezeit, Schlagzeug, und das ist eigentlich immer eine gute Sache (sogar auf Platten von Westernhagen und Gianna Nannini).

Liebezeit wohnt übrigens in meiner unmittelbaren Nähe. Ich sehe ihn manchmal beim Einkaufen und bin jedes Mal ein bisschen gerührt. Ansprechen würde ich ihn jedoch nie. Ich glaube, es wird in Musikerkreisen nicht sonderlich geschätzt, wenn man sie mit vor Rührung bebender Stimme beim Einkaufen anspricht. Manchen überkommt es ja dann auch erst völlig und eine steinerweichende Heulerei ist die Folge. Ich jedenfalls fände es, wenn ich Robert Plant oder Jaki Liebezeit oder Chris de Burgh wäre, sehr unangenehm, wenn plötzlich heulende Menschen vor mich stünden, sich vor lauter Ergriffenheit gegen meine Schulter lehnen und mir die Rockstarjacke vollknatschen würden. Mein Lieblingssong über Kirchen, falls das jemanden interessiert, stammt jedenfalls von Robyn Hitchcock und heißt „Cathedral“: „In the cathedral of the mind / All the worshippers are blind / Like a toilet from outside /A cathedral from inside“.

Vielleicht wäre ja das die Lösung für die Prunk-Protz-Bischof-Debatte: Wie wäre es, wenn alle Kirchen von außen wie Toiletten, von innen aber wie gehabt kathedral aussähen? Das könnte ein wichtiges Signal sein. Nein, Stopp, das wäre gar keine gute Idee: Sähen alle Kirchen wie Toiletten aus, wäre Rom mit einem Schlag die hässlichste Stadt der Welt. Und in Barcelona stünde ein riesiges experimentell gestaltetes Klo. Ungut, wie meine Mutter sagen würde.

Jetzt ist mir ein wenig der Popmusik-Bezug abhanden gekommen. Deshalb sei sogleich wieder ein Köpper in die Mucke unternommen. Neulich hörte ich beim Autofahren einen Radiosender, der „Rockradio Sowieso“ hieß. Da versprach ein Moderator, dass man gleich einen „Köpper in die Mucke“ unternehmen werde. Ich bin gleich rechts rangefahren und zu Fuß weitergegangen. Man hört aber auch Interessantes im Radio. Eben wusste ein Moderator beim Deutschlandfunk zu berichten, dass heute, am Tag der Niederschrift dieser Zeilen, vor genau 75 Jahren die Sängerin Nico geboren wurde. Nico sah ich zuletzt in Fellinis „La Dolce Vita“, wo sie eine Präsenz hat, die ich hier mal als „eigentümlich“ bezeichnen möchte. Geboren wurde sie in meiner Heimatstadt Köln, wo man sich jedoch bislang keine große Mühe gegeben hat, auf diesen Umstand zu verweisen. Ich lege ihre Version von „These Days“ auf. Meine Güte, ist das schön …

Dabei höre ich gerade fast nichts anderes als die Mountain Goats. Das hat unmittelbar damit zu tun, dass ich am Montag ein Konzert eben dieser, nun ja, Band besuchte und mir vom Gesang John Darnielles (der inzwischen aussieht als wären Robert Forster und Lou Barlow ein und dieselbe Person) Herz und Hirn zersägen ließ. Tolle Ansagen macht der Mann auch. Beim Köln-Konzert ging es um faule Äpfel, unsichtbare Filmcharaktere und „Berlin Alexanderplatz“. In einem besonders schönen Monolog widmete Darnielle ein Lied jenen DJs, die Ende der Neunziger zur Standardausstattung amerikanischer Pop-Rock-Bands gehörten (Sugar Ray und Konsorten). Früher habe er die Typen beneidet, da sie nur einmal pro Song kurz zu scratchen hatten und ansonsten das Rockstar-Leben in vollen Zügen genießen durften. Heute täten ihm die Typen eher leid.

Zwei Gedanken: Ich wünsche mir zwei Live-Alben der Mountain Goats. Eins bitte nur mit Ansagen. Und: Ich schreibe mal etwas über die Wiederentdeckung von Bands wie Sugar Ray oder Smash Mouth. Der DJ von Sugar Ray heißt übrigens DJ Homicide. Hm … Darüber sollte man vielleicht nicht zuviel nachdenken. Das Gleiche gilt für Kirchen und tagesaktuelle Relevanz. Der Tag wird ohnehin besser, wenn man im Wechsel Nico und die Mountain Goats hört.