Locas in Love Studiotagebuch VIII: Cod Liver Oil & The Orange Juice*


von

Björn Sonnenberg (Gesang, Gitarre), Stefanie Schrank (Bass, Gesang, Keyboards), Jan Niklas Jansen (Gitarre) und Christian Schneider (Drums, Glockenspiel, Percussion) sind zusammen Locas In Love. Die Kölner fuhren Anfang 2010 nach Glasgow, um mit Paul Savage den Nachfolger ihres letzten Studioalbums „Saurus“ aufzunehmen. Dafür befanden sie sich in den Studios des Labels Chemikal Underground, dem wir neben den Delgados z. B. auch Mogwai und Aereogramme verdanken. Björn Sonnenberg hat exklusiv für uns Tagebuch geführt. Ein wunderbarer, unterhaltsamer Textwust, der auf tragikkomische Weise die Ereignisse erzählt, die zur Entstehung des Albums „Lemming“ führten. (Alle Teile finden Sie in der Spalte „Artikel“ rechts neben dem Text.)

8. Cod Liver Oil & The Orange Juice*

Das Wochenende war gut. Wir gingen im Schnee spazieren oder auch Platten kaufen und parallel essen bei Mono, einem Klub und Restaurant mit integriertem Plattenladen, einer der Betreiber ist Steven von den Pastels. Außerdem waren wir am Samstag in der Concert Hall bei Scottish Songbook, dabei werden Songs mit grobem Schottland-Bezug von schottischen Künstlern gesungen, die meisten sagen uns eher wenig, B.A. Roberts zB oder Deacon Blue. Aber auch Emma und King Creosote singen je zwei Lieder. Das Programm ist seltsam zusammengestellt, zwei singen immer auf Gaelic ganz lange Lieder, Folk-Balladen von epischer Breite, die dauernd tun, als seien sie vorbei, um dann nochmal mit einer Extraschippe Pathos eine weitere Strophe zu bringen. So stelle ich mir die Blockbuster von James Cameron vor. Kunst, die ihr eigenes Ende nicht wahrhaben will und es daher immer weiter verzögert.

Am Montag haben wir uns direktemang Future Of The Left angesehen, in dem Klub, wo Oasis das Konzert gespielt haben, das sie mit Creation zusammenbrachte – behauptet Niklas. Dazwischen, am Sonntag, sind wir zu Gast bei der Familie Delgado. Uns wird vegetarischer Haggis gekocht bzw. das ganze traditonelle Robert Burns Dinner: Haggis, Neebs (Rübenmus) & Tatties (Kartoffelmus). Danach spielen wir Rockband, ein sehr guter Zeitvertreib. Es gibt alle Instrumente, aber eigentlich ist nur das Schlagzeug so zu spielen wie ein echtes, Gitarre und Baß sind eher normale Joypad-Geschicklichkeit. Singen und Schlagzeug machen am meisten Spaß. Wir wechseln bald zu den Beatles, ich möchte unbedingt auch für zuhause die ganze Band haben und mit Gästen I Am The Walrus spielen. Ist doch für alle Beteiligten lustiger als übers Studium zu reden, selbst für die Inaktiven, weil die Animationen sehr gut gemacht sind.

Ach so, das echte Schlagzeug ist auch fertig geworden. Am Ende haben wir uns noch gegönnt, diverse Krautrock-Phantasien auszuleben, Instrumentals zu spielen und Songs aufzunehmen, von denen wir zwar schon jetzt wissen, daß sie nicht aufs Album kommen, aber man weiß nie, wann man wieder Gelegenheit hat, in einem so gut klingenden Raum Aufnahmen zu machen. Der Snee bucht sich daher einen Flug bzw. aus Versehen und Zerstreutheit sogar zwei, er reist schon jetzt ab, was aber auch in Ordnung ist, er sitzt immer nur vorm Chat, weil er starkes Heimweh hat.

Übrigens wird Michael Schumacher hier nicht Schumi genannt wie in Deutschland sondern Schuey, das dürften die wenigsten wissen. Quelle: Titelseite einer Zeitschrift. Frage: was macht eigentlich Schumis Bruder? Noch immer rennfahren? Es wäre so leicht, es bei wikipedia einzusehen, aber mein Interesse an Deutschlands schnellsten Brüdern (witzige Bezeichnung, erfunden soeben von mir selber) ist bereits nach dem nächsten Satzzeichen erloschen. (jetzt)

Unter den alten Musikerzeitschriften, die wir von Jimmy Moon mitnehmen konnten ist eine, wo Teenage Fanclub auf der Titelseite sind (von 1997), darin reden sie über ihr Equipment, u.a. über das Wurlitzer E-Piano, das nun hier im Studio steht und das Norman Blake laut Interview für 150 Pfund einem Lehrer abgekauft hat. So ein schöner Zufall. Und gerade eben haben wir es benutzt, um für ‚Die Zehn Gebote‘ und ‚Nimm mich als Bett‘ darauf zu spielen. Diese Arbeitstitel werden vermutlich verworfen werden, nur falls sich eines Tages jemand die Mühe macht, diese Aufzeichnungen mit dem Album abzugleichen, wenn es dann fertig und erschienen ist.

Wir sind schon in den letzten Tagen und wollen noch so viel machen. Im Studio wie in Glasgow. Außer Stefanies und meiner kurzen Fahrt zum Loch Lomond haben wir auch noch gar keinen Ausflug gemacht, schade. Mal sehen ob es noch reicht, zu den Vivian Girls und Laura Veirs zu gehen.

Für den Moment aber weiter Gitarre spielen. Bei ‚Alte Katze‘ spielte ich entlang am verzerrten Baß eine KISS-mäßige zweite Stimme (bzw. Wishbone Ash, aber ich kann nicht einschätzen, wie viele Hardrock-Nerds sich hierhin verirren, die Wishbone Ash gut kennen. Sie gelten als Erfinder der twin lead guitar, einem zweifelhaften Ruhm, aber dann wiederum: was haben Sie schon erfunden, was ich? Eben.). Paul fand, daß es mehr klingen müsse, als sei der Gitarrist erst 5% bonkers und kurz darauf completely bonkers. Ah, er versteht uns sehr gut. Produzenten, die Musiker zum Wahnsinn anstacheln anstatt sie mit Krakeelen nach tighten Performances einzuschüchtern, sind gut. In den nächsten Tagen sollte auch der Hamilton Advertiser mit unserem Artikel erscheinen.

Wir werden uns noch ein bis drei mal melden, vermutlich zwei. Viele Grüße und bis später,
Björn & Locas

*Titel eines schottischen Klassikers von Hamish Imlach, der von King Creosote in einer ganz tollen Version gesungen wurde.