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Lou Reed: Der Tod eines empfindsamen Grenzgängers


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Blickt man auf das Leben von Lou Reed zurück, zieht sich vor allem eines wie ein roter Faden hindurch: Reibung. Angefangen bei seiner konservativ-jüdischen Familie, in die er am 2. März 1942 in Brooklyn als Lewis Allan Reed hineingeboren wurde. Sein Vater hatte seinen Nachnamen geändert, von Rabinowitz zu Reed, nachdem Lou Reeds Großeltern vor Antisemitismus aus Russland geflohen waren. Die Familie wohnte in Freeport auf Long Island, einer Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Man fiel schnell auf, wenn man aus der Reihe tanzte, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Rock ’n‘ Roll war noch jung, ebenso wie Lou, doch sie wurden schnell unzertrennlich. Die Aussage, sein einziger Gott sei der Rock ’n‘ Roll, wirkt in der Retrospektive auf seine Kindheit und Jugend wie mehr als eine handelsübliche Auflehnung eines Teenagers gegen seine Eltern.

Lou Reed 2013

Lou Reeds konservatives Elternhaus missbilligte den Freigeist in ihren Reihen, dessen gleichzeitig aufbrausendes und fragiles Temperament ihn zu einem Fremdkörper machte. Neben der Musik fand Lou Reed Zuflucht in den Drogen. Und in der erotischen Erkundung des männlichen Geschlechts. Die Behandlung mit Elektroschocks sollte ihn dieser Neigung entledigen, doch sie bewirkte nur die vollkommene Abkapselung von seiner Familie. Die Erfahrungen der vermeintlichen Therapie verarbeitete Lou Reed Jahre später im Song „Kill Your Sons“ (1974).

Der Mentor

Auf der Syracuse University studierte Lou Reed Anfang der 60er Englisch beim Schriftsteller Delmore Schwartz. Schwartz wurde sein Mentor. Reed verfolgte fortan das Ziel, die Empfindsamkeit des Romans in die Rockmusik zu übersetzen. „European Son“ von The Velvet Undeground wurde zur musikalischen Widmung an den Lehrer, der auch privat zum Freund wurde. Ein sensibler Geist fühlte sich verstanden. In der Umgebung der Universität stieß Reed zudem auf Musik, die in seinem Elternhaus mutmaßlich nicht einmal bekannt war. Free Jazz, experimentelle Klänge aller Art. Zuvor hatte er sich für harmlosen Doo-Wop begeistert, nun öffneten sich neue Türen.

Lou Reed 1966

Dann der Umzug nach New York City. Reed schlug sich als Songwriter für Pickwick Records durch und trieb sich im Nachtleben herum. Es muss befreiend auf ihn gewirkt haben, wie eine Welt, in die nach den ersten Flecken an der Universität endlich Farbe gelangte. Eines Tages, eher zufällig als geplant, trafen Lou Reed und der walisische Musiker John Cale aufeinander. Cale hatte bereits mit Reeds Idol La Monte Young zusammengearbeitet. Man verstand sich auf Anhieb, kommunizierte in den selben Dimensionen, zwischenmenschlich und musikalisch. Schon bei einem der ersten Treffen soll eine frühe Form des Velvet-Underground-Klassikers „Heroin“ entstanden sein, also noch weit vor dem Debüt-Album mit der berühmten Warhol-Banane. Zuerst waren da noch The Primitives, die Raupe, aus der sich wenig später The Velvet Underground entpuppte.

The Velvet Underground

1965 spielten Reed und Cale das erste Mal gemeinsam mit Moe Tucker am Schlagzeug und Sterling Morrison am Bass als The Velvet Underground. Ihr ungewöhnliches Auftreten und die verschrobene Musik sprachen sich rum in den Künstlerkreisen Manhattans. Es traf sich, dass Andy Warhol ab 1966 eine Band suchte, die er protegieren konnte, und er fand sie in The Velvet Underground. Entgegen der heutigen Wahrnehmung der Zusammenarbeit war die Liaison zunächst jedoch erheblich weniger erfolgreich als es die Überlieferung der Popkultur erscheinen lässt. „Stoischer elektrischer Gleichklang, wo nicht Krach, mit dem sonoren Gesang einer blonden deutschen Walküre war das Allerletzte, was im psychedelischen Summer of Love gebraucht wurde. Heute steht das Album in jedem Kanon der Welt unter den besten zehn Rock-Platten aller Zeiten“, so ROLLING-STONE-Redakteur Arne Willander über das Debüt „The Velvet Underground & Nico“ von 1967.

The Velvet Underground

Nico, zunächst Warhols Muse, dann Lou Reeds Geliebte, war Warhols Bedingung für seine Unterstützung, doch vor allem für Moe Tucker ein „pain in the ass“. Sie erregte viel Aufsehen, war musikalisch allerdings kein Faktor. Da war sie wieder, die allgegenwärtige Reibung in Reeds Leben. Jetzt mit dem Zeitgeist, außerdem mit dem Zwiespalt zwischen seinem künstlerischen Schaffen in The Velvet Underground und seiner Beziehung zu Nico. Das Jahr 1967 überstand weder die Mitgliedschaft von Nico in der Band noch ihre Turtelei mit Reed.

Lou Reed und David Bowie

Auch John Cale stieg nach dem zweiten Album aus. Lou Reed blieb bis „Loaded“ (1970), und widmete sich danach seiner Solo-Karriere. Abermals mit mäßigem Erfolg zu Beginn. Willander über Reeds Emporkommen in den darauffolgenden Jahren: „Dann lernte er David Bowie kennen, einen Bewunderer, der auf der Höhe seines Ruhms war und ‚Transformer‘ produzierte: Die knochentrockenen Songs Reeds trafen auf den emphatischen Glam-Rock Bowies, und neben ‚Walk On The Wild Side‘, der späteren Hymne der internationalen Mode-Messen, Porno-Konvente und Provinz-Eisdielen, entstanden so rührselige, goldige Lieder wie ‚Satellite Of Love‘ und ‚Perfect Day’“.

Mit „Transformer“ (1972) hatte sich Lou Reed Gehört verschafft, und mit „Berlin“ (1973) wollte er es untermauern. Die Liebesgeschichte zweier Junkies in der deutschen Hauptstadt wurde jedoch zum entscheidenden Bruch zwischen Reed und der Musikpresse sowie seinem eigenen Publikum, auf deren kollektive Abneigung das Album traf. Erst also die eigenen Eltern, dann die Hippie-Kultur und schließlich die Kritiker. Reed zog sich in den Trotz zurück und machte jedem Journalisten das Leben schwer, der es wagte, sich ihm zu nähern, geschweige denn, ihm Fragen zu stellen. Vor allem nicht zu Drogen, dies endete für gewöhnlich in Hasstiraden.

Lou Reed, aufgenommen im November 2012 in Frankfurt

Zwischen Scheinwerferlicht und Verweigerung

Nach dem gefälligen „Sally Can‘t Dance“ (1974) dann die vollkommene Verweigerung sämtlicher Konventionen der kommerziellen Plattenindustrie. „Metal Machine Music“ (1975), ein Album, das vor allem aus Gitarren-Feedbacks besteht, und von der Neuen Musik gerne als popkulturelle Anleihe adaptiert wird, war schallgewordener Mittelfinger. Das unmittelbar folgende „Coney Island Baby“ rehabilitierte Reed im nächsten Atemzug, beinahe wie die Tarnung einer Aussage als Witz, wenn sie beim Publikum nicht recht ankommen mag.

Ab den 80ern gab sich Lou Reed gern als Künstler, der zur Disziplin gefunden hat. Der weitgehende Verzicht auf die Exzesse der vorherigen Dekaden machte ihn abermals zum Lieblingsfeind der Presse, der dadurch fast nur noch seine Musik blieb, um über ihn schreiben. Über Alben wie „The Blue Mask“, „Legendary Hearts“ und „Mistrial“ endete das Jahrzehnt schließlich in dem, was viele als Reeds Meisterwerk betrachten. „New York“ (1989) war die gefeierte Abrechnung mit den politischen Zuständen in seiner Heimatstadt. Sogar mit den Journalisten konnte es ihn zwischenzeitlich versöhnen.

Lou Reed, Amsterdam, 1972. (Photo Gijsbert Hanekroot/Redferns)

Für einen Moment fanden sich sogar die Gründungsmitglieder von The Velvet Underground wieder zusammen, nachdem John Cale und Lou Reed das Album „Songs for Drella“ anlässlich des Todes von Andy Warhol aufgenommen hatten. 1992 tourte man mit U2, doch man verlor sich schnell in Streitereien. Der Schlusspunkt einer langen Karriere war letztlich ein Album, an dem sich die Öffentlichkeit erneut die Zähne ausbiss. „Lulu“ in Kooperation mit Metallica wurde 2011 bis auf wenige Ausnahmen zerrissen. Nun hätte er endgültig keine Fans mehr, scherzte Reed.

Die Todesursache von Lou Reed

Nach Jahrzehnten des Drogenkonsums und der Sauferei litt Lou Reed an Hepatitis und Diabetes. Kurz vor seinem Tod erkrankte er an Leberkrebs, wodurch eine Transplantation eines neuen Organs unumgänglich wurde. Nach der Operation äußerte er sich zuversichtlich, doch am 27. Oktober 2013 starb der berüchtigtste Grantler der Popgeschichte an Leberversagen. Er wurde 71 Jahre alt. Sein ganzes Leben lang hatte er Grenzen ausgelotet, hatte sie definiert und überschritten. Die letzte überquerte er im Beisein seiner dritten Ehefrau Laurie Anderson.

Lou Reed im November 2012

Als Reaktion auf seinen Tod erwiesen ihm zahlreiche Weggefährten und Bewunderer die letzte Ehre, darunter Patti Smith, David Byrne, David Bowie, Morrissey und Iggy Pop. Am Abend des 27. Oktober widmeten ihm Peal Jam „Man of the Hour“ bei ihrer Show in Baltimore und auf der anderen Seite des Atlantiks spielten die Arctic Monkeys „Walk on the Wild Side“ in Liverpool.

mjw
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Clemens Mitscher/ www.stage-photography.com
Gijsbert Hanekroot Redferns
Clemens Mitscher/ www.stage-photography.com

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