Mumford & Sons: Zurück zur Freiheit – und zu sich selbst

ROLLING STONE hat mit Frontmann Marcus Mumford und Bassist Ted Dwane von Mumford & Sons über fast zwanzig Jahre Bandgeschichte gesprochen – und wie ihr neustes Album „Prizefighter“ sie zurück zu ihren musikalischen Wurzeln brachte.

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Es ist 15:20 Uhr, als Marcus Mumford und Ted Dwane in einer schicken Hotelbar in Berlin auf roten Lounge-Sesseln aus Samt Platz nehmen. Der Namensträger und einer der „Söhne“ sind an einem eisigen Februarnachmittag in Plauderlaune und zu Späßen aufgelegt – typisch britisch eben.

„Das ist der ROLLING STONE, wir haben es endlich geschafft!“, sagt Mumford mit breitem Grinsen, halb verdeckt von einer Sonnenbrille. Der Sänger, Gitarrist und Schlagzeuger der Folk-Rock-Gruppe schlägt die Beine übereinander und macht es sich bequem. Neben ihm dreht sich Ted Dwane auf seinem Stuhl leicht hin und her. Beide wirken gelöst. Fast so, als hätten sie gerade erst angefangen. Dabei liegen annähernd 20 Jahre Bandgeschichte hinter ihnen, die 2007 in Westlondon ihren Anfang nahm. Wo reiht sich da das neue Album „Prizefighter“ ein?

„Prizefighter“ – das ungeplante Album

Zwischen „Delta“ und „Rushmere“ liegen sechs Jahre, eine Pandemie, der Ausstieg eines Mitglieds nach politischen Äußerungen und ein Soloalbum von Marcus Mumford. Zwischen „Rushmere“ und der neuen Platte „Prizefighter“ (soeben erschienen) liegen dagegen nur elf Monate. Geplant war das nicht, zumindest nicht in diesem Tempo. Und doch ist das Album bereits fertig und hat einen hohen emotionalen Wert für die Musiker.

Für Dwane fühlt sich die Platte wie eine Rückkehr zu den Anfängen an. Vor allem erinnere sie ihn an „das Gefühl von Freiheit und Gemeinschaft“. Mumford nennt „Prizefighter“ sein „Lieblingsalbum“ – und „das beste, das wir je gemacht haben“.

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Die Euphorie hat viel mit dem Entstehungsprozess zu tun. Auch der Dritte im Bunde, Keyboarder und Akkordeonist Ben Lovett, fand darüber zurück zu altbekannten Impulsen. Tradition traf auf Spontaneität. Alte Weggefährten öffneten neue Türen. Tatsächlich nahm „Prizefighter“ bereits während der Arbeiten an „Rushmere“ Gestalt an. Eine zufällige Begegnung mit einem alten Bekannten löste eine kreative Phase aus, wie sie das Trio in knapp zwanzig Jahren noch nicht erlebt hatte.

Alte Bekannte, neue Wege

„Rushmere“ entstand in den Electric Lady Studios in New York. Aaron Dessner von The National, der bereits 2015 an „Wilder Mind“ mitgearbeitet hatte, schaute damals nur kurz vorbei, um „Hallo zu sagen“, wie Dwane anmerkt. Aus dem kurzen Besuch wurde ein intensiver Austausch. Daraus entstanden der Titeltrack und die dritte Single „The Banjo Song“ – die das Instrument in dosierter Form zurückbrachte.

Es folgte eine Session in Paris, bei der gemeinsam mit Hozier „Rubber Band Man“ entstand. In Biarritz arbeiteten sie an „Run Together“, in Devon an „Here“.

Mumford & Sons mit Hozier
Mumford & Sons mit Hozier

Anschließend zog sich die Band für zehn Tage in Dessners Studio Long Pond im Bundesstaat New York zurück. Spätestens seit Taylor Swift dort während der Pandemie ihre Schwesteralben „Folklore“ und „Evermore“ aufnahm, ist der Ort weltbekannt.

Dessners schnelle, intuitive Arbeitsweise prägte auch Mumford & Sons. Schreiben und Aufnehmen gingen Hand in Hand. Durch seine Hilfe konnte „die Essenz der Songs direkt einfangen werden“, sagt Dwane. Er beschreibt den Prozess als „Staubwolke“, in der plötzlich alle damit beschäftigt gewesen seien, ein Album aufzunehmen. Mumford ergänzt: „So schnell waren wir noch nie.“

Vertrauen führt zu Ehrlichkeit

Auch beim Songwriting wagte die Band Neues. Marcus Mumford erzählt von einem Schlüsselmoment: Ben Lovett und Ted Dwane baten ihn zu Beginn von „Prizefighter“, sich stärker an den Texten zu beteiligen.

Dieses Vertrauen – und die über 15-jährige Freundschaft zu Aaron Dessner – habe ihn ermutigt, „instinktiver, fantasievoller und mehr aus dem Herzen heraus“ zu schreiben. Bilder von „Banditen und Engeln“ in „Conversation With My Son (Gangsters & Angels)“, von Supermännern und Bankräubern in „I’ll Tell You Everything“ oder von einer Straßenkatze, die aus einer Pfütze trinkt („Alleycat“). All das hätte einstmals kaum seinen Weg auf ein Mumford-&-Sons-Album gefunden. „Das hätten wir uns früher nicht erlaubt“, sagt er.

Von der Bühne ins Studio

Die Stage mit anderen Musikerinnen und Musikern zu teilen, war für die Band schon immer selbstverständlich – ein Teil ihrer DNA. Im Studio galt das lange nicht. Erst Dessner brachte sie auf die Idee, die Energie der Bühne ins Tonstudio zu holen. So luden Mumford & Sons mehrere Gäste ein, Teil der Aufnahmen zu werden: den Country-Sänger Chris Stapleton für „Here“, Singer & Songwriter Hozier für „The Rubberband Man“, die ebenfalls Singer & Songwriterin des Indie-Folks Gigi Perez für „Icarus“ und die Bedroom-Pop-Poetin Gracie Abrams für „Badlands“. Alle davon sind enge Freunde der Gruppe bis auf den Country-Star. Dieser war Teil der imaginären Wunschliste der Band – zu ihrer Überraschung und Freude erklärte sich der 47-Jährige per Telefon „mehr als bereit“.

Gerade „Badlands“ ragt heraus. Mumford bleibt hier konsequent in der unteren Oktave. Er schreit nicht – was er sonst gern tut, wie er lachend zugibt. Seine Frau, Carey Mulligan, werfe ihm regelmäßig vor, beim Singen zu viel zu schreien. Hinzu kommt ein dynamischer 5/4-Takt, den die Gruppe erstmals in ihrer musikalischen Laufbahn verwendet. Die tiefen, kraftvollen Vocals von Mumford treffen auf die zerbrechlichen Höhen von Abrams. Einer der stärksten Momente des Albums.

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Ernsthaftigkeit versus Leichtigkeit

„Prizefighter“ sei aus „Liebe zur Musik“ entstanden, sagt Dwane. Es habe das Trio zurück zu seinen Wurzeln geführt: Freude statt Druck, Selbstvertrauen statt Zweifel. Dieses Gefühl zieht sich durch die gesamte Platte.

Resilienz, Ehrgeiz und Dringlichkeit sind wiederkehrende Themen. Das Album ist introspektiv und reflektiert, ehrlich und mutig. Streckenweise wirkt es wie eine Abrechnung mit früheren Versionen ihrer selbst. Gleichzeitig lockern verspielte Bilder und imaginative Szenarien die Ernsthaftigkeit auf.

Mumford & Sons stehen an einem Wendepunkt. Sie „genießen es mehr denn je, Künstler zu sein und ihre damit gewonnene Freiheit ausleben zu können“, sagt Mumford. Gleichzeitig nähmen sie ihre Arbeit ernster als früher. Es gehe darum, eine Balance zwischen dem Leben und dem Künstler-Dasein zu finden, das laut dem 39-Jährigen „im Grunde ein sehr unseriöser Job ist“. Sein Fazit: „Vielleicht heißt es einfach, die Arbeit ernst zu nehmen – und sich selbst weniger.“

Jay Sansone Jay Sansone