Neu im Plattenregal – die Alben vom 18. Februar 2011


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Hier eine Auswahl der VÖs vom letzten Freitag in unserem Simfy Player:

 

Amplifier – „The Octopus“ (AmpCorp/Cadiz/Soulfood)
Manchester kann nicht nur tanzbar, kühl und elektronisch – Manchester kann auch Brett. Dieses Trio aus Joy Division City jedenfalls hat schwere Riffs im Schrank, lässt aber beim oft verfremdeten Gesang und den elektronischen Störgeräuschen im Hintergrund auch ein wenig die Sound-Atmosphäre ihrer Heimat durchscheinen. Das ganze Album gibt es momentan im Stream. Hier noch der Clip zu „The Wave“:

 

Asobi Seksu- „Fluorescence“ (Polyvinyl/Cargo)
Vor Jahren wurde ich in einem Plattenladen in Hannover mal schräg angeschmunzelt, als ich mir das Debüt der New Yorker Band bestellt hatte. Der Plattendealer des Vertrauens hatte nämlich herausgefunden, dass die japanischen Worte Asobi Seksu so viel wie „verspielter Sex“ bedeuteten. Verbunden mit der Fotografie der recht niedlichen Sängerin Yuki Chikudate auf dem Cover, dachte man wohl, man hätte ein anzügliches japanischen Lolita-Pop-Album in der Hand. Mitnichten. Die New Yorker stehen eher mit allen Füßen und Füßchen im Shoegaze, so auch wieder auf dem neuen Album. Hier die Single „Trails“:

 

The Bellrays – „Black Lightning“ (Fargo/Indigo)
Drei Sterne vergeben Birgit Fuß und Jörn Schlüter in ihren Rezensions-„Quickies“ für Lisa Kekaula und ihre Männer. Ihr Fazit: „Altgediente Soul-Punk-Garagerock-Band aus Kalifornien um das Ehepaar Lisa Kekaula und Bob Vennum. Wie sich der harte, irre kraftvolle Detroit-Punk mit Motown abwechselt und manchmal vermischt, ist abenteuerlich. Blues is the teacher, Punk is the preacher, sagt die Band.“ Ein schönes Motto. Das Album läuft in unserem simfy-Player.

Anna Calvi – s/t (Domino/GoodToGo)
„Nicht übel für eine erste Single“, konstatierte Wolfgang Doebeling, als er kürzlich Calvis Debütsingle „Jezebel“ besprach. Und auch wir denken: Die britische Sängerin, Songwriterin und Gitarristin Anna Calvi wird 2011 zu den wichtigsten Newcomern gehören. Davon ist nicht nur ihr Mentor Brian Eno überzeugt. Das zusammen mit der Keyboarderin Mally Harpaz und dem Schlagzeuger Daniel Maiden-Wood entstandene unbetitelte Debüt ist atemberaubend in seiner fiebrigen Leidenschaft und sehnsuchtsvollen Romantik. Ein eigenwilliger Liederzyklus, durchdrungen von der Dramatik des Flamenco, dem Pathos Scott Walkers und der kämpferischen Verletzlichkeit einer PJ Harvey. Wer’s nicht glaubt, der höre das Album in unserem simfy-Player.

Cowboy Junkies – „Demons – The Nomad Series Vol. 2“ (Proper/Rough Trade)
Das neue Album der Cowboy Junkies aus ihren „Nomad Series“ wurde schon in unserem Videoblog „Willanders Wochentipps“ wärmstens empfohlen. Zudem gab es satte vier Sterne von unserer Rezensentin Birgit Fuß. „Eine ‚Liebesarbeit‘ ist dieses Album für Michael und Margo Timmins, und das hört man in jedem Moment. Die Cowboy Junkies covern auf ‚Demons‘ Lieder von Vic Chesnutt, der an Weihnachten 2009 viel zu früh starb. Chesnutts Songs waren immer von Todesahnungen durchzogen, sie erzählten vom kaputten Leben und wie man es vielleicht trotzdem schaffen kann, noch ein bisschen durchzuhalten. Nun singt Margo in ‚Flirted With You All My Life‘ die Zeilen ‚Oh death/ Really, I’m not ready‘ so grausam sanft, dass man es kaum aushalten kann. Wie vieles hier.“ Wie grausam sanft das klingt, hört man hier im Song „Supernatural“:

 

Bob Geldof – „How To Compose Popular Songs That Sell“ (Mercury/UMIS/Universal Strategic Marketing/Universal)
Boomtown Rats, Live Aid, Live 8 – you know the story. Nun gibt es mal wieder ein neues Album des Iren. Wie es klingt, kann man in unserem simfy-Player hören. Schönstes Kritikfazit: „Bonkers but brilliant.“ Das meinte der Evening Standard. Hier der Clip zu „Blow“:

 

Long Distance Calling – s/t (Superball/Century Media/EMI)
Wer sich über unser Progrock-Special Anfang des Jahres freute, der wird sicher auch diese Dortmund-Münster-Berlin-Connection im Auge haben. Natürlich muss man rein instrumentale Gitarrenmusik mögen – diese Spielart klingt dabei zudem aber erfreulicht staubfrei. Das Album gibt es in unserem simfy-Player.

David Lowery – „The Palace Guards“ (Blue Rose/Soulfood)
Bekannt aus Camper Van Beethoven und Cracker legt Lowery hier ein recht spätes Solodebüt vor, das ebenfalls in „Willanders Wochentipps“ gut wegkommt. Auch „The Palace Guards“ gibt’s oben im simfy-Player.

Ina Müller – „Das wär dein Lied gewesen“
„Immer wenn ich Brit popp, hören wir Oasis“, singt Ina Müller, der joviale Schreihals aus „Inas Nacht“ hier in der an „Wonderwall“ angelehnten Jux-Ballade „Britpop“. Wenn sie das mal nicht auf die Schwarze Liste der Oasis Ultras bringt. Auch ein Song wie das reggae-poppige „Podkarsten“ über einen perfekt vernetzten Smartphone-Junkie schmerzt im Ohr aufgrund seiner lyrischen und musikalischen Blödheit. Dennoch: Glatt produziert, munter verkratzt gesungen, wird „Das wär dein Lied gewesen“ sicher seine Hörer und Hörerinnen finden. Wir haben das Album im simfy-Stream. Wer denn will und so.

Carl Norén – „Owls“ (EMI/Capitol/EMI)
Der kleine Bruder des Mando Diao-Sängers ist sonst mit seiner Band Sugarplum Fairy auf Mädchenherzen-Fang. Geht es in Band-Diensten noch annähernd rockig zu, versucht er hier ungefähr das, was Halbnamensvetter Carl Barât von den Libertines mit seinem Solo-Album versuchte: den ganz großen, smarten Pop britischer Prägung zu kopieren. Gibt nur leider den Unterschied, dass Barât mit Neil Hannon an der Seite jemanden hatte, der sich damit auskennt. Hatte der süße Carl aus Schweden nicht. Das hört man auch. In unserem simfy-Player oder hier im aktuellen Clip:

 

Sean Rowe – „Magic“ (Anti/Indigo)
Merle Haggard, Tom Waits, Elliot Smith, Joe Strummer – der Songwriter aus Albany befindet sich auf seinem Label Anti in bester Songwriter-Gesellschaft. Sean Rowes düsteres, ergreifendes Album „Magic“ erscheint am 22. Februar. In unserer kommenden Märzausgabe konstatiert Jörn Schlüter unter den Rezensions-„Quickies“: „Sehr gutes Debüt des Songwriters aus Albany, NY. Rowe wird wegen seines ekstatischen Baritons derzeit oft mit Van Morrison und Leonard Cohen verglichen. Nicht zu Unrecht: In den ruhigen Momenten haben diese Lieder eine beschwörende, fast literarische Qualität.“ Das Album gibt es momentan auf Rowes Facebook-Seite komplett im Stream.

Gil Scott-Heron & Jamie XX – „We’re New Here“ (XL/Beggars Group/Indigo)
Eine der wohl spannendsten Kollaborationen des Jahres: Jamie XX, der Wunderjunge von The XX nimmt sich die Originalsessions zum Comeback des HipHop-Urvaters Scott-Heron vor. Die Review dazu gibt es bereits online, das Album in unserem simfy-Player. Hier noch der tolle audiovisuelle Remix von Chris Cunningham zu „New York Is Killing Me“, der leider besser ist als die XX-Version:

 

La Sera – s/t (Hardly Art/Cargo)
Katy Goodman spielt sonst als Kickball Katy den Bass der Vivian Girls, teilt in ihrer Freizeit aber augenscheinlich das Hobby von „Dexter“. Im ersten Clip ihres Shoegaze-Pop-Projekts La Sera lächelt sie sich charmant durch eine Riot-Grrl-Splatterorgie und singt am Ende mit zerlegten Kerlen den letzten Refrain, während deren amputierte Gliedmaßen munter im Takt wippen. Das schicke genderpolitisch-korrekte Schlachtervideo gab’s schon in unserem Blog. Hier ist es nochmal:

 

Stateless – „Matilda“ (Ninja Tune/Rough Trade)
Mal britische, mal afrikanische Gitarren, wuchtige Dubstep-inspirierte Bass-Einbrüche und Chris James samtene Stimme sind die Zutaten, die vom Björk- und Prodigy-Produzenten Damian Taylor souverän zusammengeführt werden. Ein Sound, der vorzüglich in das Label-Oeuvre von Ninja Tunes passt. Hier der Opener des Albums samt Video:

 

The Streets – Computers And Blues (Locked On/679/Warner)
Wie der Titel schon vermuten lässt, befasst sich „Computer And Blues“ mit der Frage, wie sich die Technik auf zwischenmenschliche Beziehungen auswirkt. Das ist natürlich in Post-Myspace- oder Facebook-Zeiten keine wirklich neue Idee, andererseits ist Skinner ein guter Kandidat, wenn es darum geht, Alltagsthemen dieser Art in glaubwürde Songs zu packen. Das ist ihm auch auf seinem letzten Album unter dem Namen The Streets wieder sehr gut gelungen. Hier der amüsante interaktive Entdeckungs-Clip-Trip durch das Album:

 

Treefight For Sunlight – „s/t“ (Bella Union / Cooperative Music)
Wo diese Dänen all die Sonne abgekriegt haben, die in ihrem Debüt zu hören ist, wird wohl ein Rätsel bleiben. Mein Großvater würde jedenfalls sagen, diesen fünf jungen Herren scheint die Sonne aus dem A… pardon Hintern. Vielleicht ist das der Trick hinter diesen (manchmal zu) zuckersüßen Popsongs zwischen den Flaming Lips in der Yoshimi-Phase und den frühen MGMT. Das Album gibt’s komplett im simfy-Player.

 

The Twilight Singers – „Dynamite Steps“ (Sub Pop/Cargo)
Torsten Groß ist in unserer Februarausgabe voll des Lobes, vergibt satte vier Sterne und schwärmt: „Der sogenannte Radio-Rock des Ex-Afghan-Whigs-Sängers ist ein herrliches, mit Unterstützung von Ani DiFranco und Mark Lanegan angezetteltes Bombast-Theater ohne Pathos. Eine so geheimnisvolle wie vitale, eine ausgezeichnete, eine wahrhaftige Musik.“ Das Album ist übrigens genauso melancholisch wie dieser Clip zu „On The Corner“:

 

Zoey Van Goey – „Propeller Versus Wings“ (Chemikal Underground/Rough Trade)
Die kanadisch-englisch-irische Band musiziert in Glasgow und verortet sich damit auch, äh, örtlich in die Nähe der Delgados. Die Debüt-Single „Foxtrot Vandals“ wurde einst von Belle And Sebastian-Chef Stuart Murdoch produziert. Auch das passt. Auf Album Nummer zwei gibt es nun wieder verspielten Twee-Pop mit charmanten Texten, die gerne im Boy-Girl-Wechselspiel vorgetragen werden. Besonders gut klappt das in diesem Song, den man sich am besten bei einem gepflegten Gehbier-Spaziergang mit Freund oder Freundin anhören sollte:

Hier ein kurzes Making Of des neuen Albums:

Also dann: Viel Spaß beim Albendealer des Vertrauens!