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Nick Cave live in Berlin: Blut, Schweiß und Tränen des Schmerzensmanns


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Nick Cave ist natürlich immer noch ein Geisterbeschwörer. Das war er schon, als er mit The Birthday Party aus den Niederungen der Punk-Musik erschreckende Geschichten aus dem Reich der Angst und des Schmutzes erzählte. Und er ist es auch noch als Nachfahre von William Blake und Edgar Allan Poe, mehr noch als Prediger letzter und erster Worte, die ihm auch mit 60 Jahren noch wie selbstverständlich über die Lippen kommen.

Man muss sich nichts vormachen: Die Berliner Max-Schmeling-Halle ist eigentlich das denkbar unwürdigste Gebäude für einen solchen Gottesdienst der salbungsvollen Rockmusik. Auch wenn hier schon Bowie und Dylan aufgetreten sein mögen – die meiste Zeit ist es eben ein hässlicher Hallentempel für Handball-Partien. Doch derartige Petitessen der Architekturpsychologie scheinen den australischen Sänger nicht zu interessieren.

Nick Caves Stimme hat an Kraft gewonnen

Schon mit den ersten geflüsterten Sätzen aus dem Off zum Opener „Anthrocene“ und erst recht mit seinem Halleneinzug zum großartigen „Jesus Alone“, dem vielleicht besten Song seiner neuen Platte mit den Bad Seeds, ist Cave präsent und hat diesen Ort eingenommen. Seine herbe, dunkle Stimme strahlt live, trotz der Drogenexzesse der Vergangenheit, trotz der persönlichen Tragödie, mit der er leben muss, inzwischen noch weitaus mehr Kraft aus, als sie dies zu Zeiten tat, als der Musiker unablässig schrie und zeterte.

In fast zwei Stunden nimmt sich Cave viel Zeit, um den zurückhaltenden, komplexen Trauergesängen von „Skeleton Tree“ ihren notwendigen Platz in einer ausgesprochen durchdachten Konzert-Dramaturgie zu geben. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist in seinem Œuvre nicht neu, sie bekommt nur eine andere Bedeutung, nachdem bekannt wurde, dass sein 15-jähriger Sohn von einer Klippe gestürzt ist. Die Bad Seeds geben vielleicht auch deswegen den niedergedrückten Chor der Verlassenen und Verlorenen.

Den ersten Höhepunkt liefert dann aber erst einmal der „Higgs Boson Blues“, in dem sich Nick Cave zum ersten Mal an diesem Abend in Rage singt. Hier spricht nicht mehr der ehemalige Junkie. Auch nicht der Mordballadist. Sätze wie „Hannah Montana does the African Savannah/As the simulated rainy season begins/She curses the queue at the Zulus/And moves on to Amazonia/And cries with the dolphins“ sind eigentlich komisch, aber sie verbieten auch gleichzeitig ein Lachen. Und wenn Cave mit seinem Finger ins Publikum zeigt und verbal mit „Boom, Boom“ abdrückt, als wäre er ein Zen-Cowboy, der seine Opfer vom Leid erlöst, dann entfaltet sich hier die ganze Ambivalenz dieses wirkmächtigen Performance-Künstlers, der auf der Bühne in unzählige Rollen schlüpft, um seine Zuhörer von seiner einsamen Mission zu überzeugen.

Cave schwitzt, ächzt, spuckt, leidet

Das anschließende „From Her To Eternity“ ist dann wieder der ungehobelte Cave: ein Wüstling, der in den Eingeweiden der Schauerromantik wühlt. „Tupelo“ setzt die Reise in die Vergangenheit des Sängers fort und bekommt einen ausgesprochen zeitgemäßen Groove verpasst. Die Bad Seeds sind in Höchstform, nicht nur in dieser Herbstnacht. „Jubilee Street“ geht dann schon fast etwas über das Ziel hinaus, als es zum Schlussteil hin fast ähnlich wie „Tupelo“ scheppert und kracht. Dabei zeigt doch gerade dieses Lied, mit welchem Feingefühl der Songwriter Cave inzwischen subtile Melodien zu bauen vermag.

Der Sänger rennt fast bei jedem seiner Lieder auf den Bühnenbrettern von links nach rechts, greift ins Publikum, lässt sich umarmen, springt wieder zurück ans Klavier, schwitzt, ächzt, spuckt aufs Holz und schmeißt in seiner wohldosierten Wut sogar das Mikrophon ins Nichts. Mick Jagger macht das auch nicht besser, ist seinem Publikum bestimmt nicht einen Zentimeter näher als dieser Zimmermann der Klangkunst, der zu „Into My Arms“ auch inwendig seinen Schlagzeuger Jim Sclavunos umarmt (er hatte am Vortag Geburtstag) und später noch Warren Ellis herzt, seinen Kompagnon und Seelenbruder.

Ein wenig Kitsch muss sein, spätestens mit den Tracks „Girl In Amber und „Skeleton Tree“ nimmt er auch etwas Überhand. Geschenkt. Sentiment gehört zur Kunst des 60-Jährigen dazu wie der Rückgriff auf die großen Melancholiker der Literatur, Kunst und Musik.

Mit ausgebreiteten Armen

Zur Zugabe mit dem „Weeping Song“, „Stagger Lee“ und schließlich „Push The Sky Away“ entblößt sich dann doch so etwas wie kalkulierter Bühnenzauber, wenn Cave sich ins Publikum kniet, seine Anhängerschaft abwechselnd zum Schweigen und zum Klatschen animiert, weil er es eben kann. Weil er der Priester ist, dessen Worte und Gesten zählen. Macht sich Cave hier über seine Schar lustig, wenn er ihren Applaus imitiert? Oder will er, dass seine Zuhörer im Gleichschritt trauern, jubeln, juchzen, kreischen, Handyfotos schießen? Zu „Stagger Lee“ dürfen Hunderte Fans auf die Bühne stürmen. Sie suchen den Kontakt des Musikers. Er verweigert ihn nicht. Im Gegenteil. Ein junger Mann wird symbolisch mit einer Frau vermählt und mehrfach umarmt. Es sind die Momente, die Cave seit Jahren live sucht, nur dass die Intimität längst auch massenwirksamer, anschlussfähiger geworden ist. Faszinierend ist es zu beobachten, wie einer nach dem nächsten neben dem Musiker zum Smartphone greift, als würde der feierliche Moment sonst zerfallen, wenn er nicht festgehalten wird.

Mit „Push The Sky Away“ versichert Cave zum Schluss, dass nichts davon auch nur ein Quantum Ironie war: „And some people say it’s just rock n‘ roll/Oh, but it gets you right down to your soul“. Und die Trauerarbeit hat ihr Ziel erreicht.


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