Oscars: Alle „Beste Hauptdarsteller“ von 1990 bis 2019 im Ranking

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29. Russell Crowe in „Gladiator“ (2000)

Der Zeitpunkt stimmte einfach, da der Australier seit „L.A. Confidential“ (1996) auf der Hot List aller Awards stand. Crowe ist einer der besten lebenden Schauspieler. Der gefallene General und als Gladiator wieder auferstandene Maximus ist aber ganz eindeutig nicht Crowes beste Rolle. Hier ist er ein wortkarger Kämpfer, der seine getötete Familie rächen will und es deshalb mit dem römischen Kaiser aufnimmt.

Viel läuft über seine Augen, dieser Bär kriegt das auch gut hin, vor allem die Genugtuung, am Ende den Dolch immer tiefer in Commodus‘ Brust zu rammen. Maximus, Commodus: lateinische Namen, die jeder (Amerikaner, sorry) leicht verstehen würde.

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Aber war er in jenem Oscar-Jahr wirklich der Überzeugendste? Crowe profitierte von schwacher Konkurrenz (Ed Harris, Geoffrey Rush, Javier Bardem) aus Flop-Filmen. Einzig Tom Hanks, der für „Cast Away“ mehr Kilos verlor als Robert de Niro sich anfuttern könnte, wäre ein Gegner gewesen. Aber Hanks hatte in den sechs Jahren zuvor bereits zwei Oscars erhalten.

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28. Jean Dujardin in „The Artist“ (2011)

Eigentlich wurde ja der kleine Hund ausgezeichnet, oder? Nie wieder wird Dujardin auch nur in die Nähe eines Oscars kommen, die Academy beweihräucherte sich selbst, indem sie den Preis an einen Stummfilmdarsteller in einem Schwarzweiß-Film gab: Es lebe die goldene Ära, es lebe das alte Hollywood.

Wer nicht spricht, muss mit Mimik und Gestik überzeugen, auch hier war die Jury anscheinend überwältigt. Solche Darstellungen drohen aber naturgemäß ins Pantomimische oder gar Parodistische abzurutschen.

Dementsprechend konnte der Franzose danach nicht mehr reüssieren, in Martin Scorseses „Wolf of Wall Street“ wirkte er, auch wenn die Rolle so nicht angelegt war, wie ein Komiker.

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27. Al Pacino in „Scent of a Woman“ (1992)

Manche nennen ihn den „größten Schauspieler aller Zeiten“, auf jeden Fall war Pacino, damals 52, „jetzt dran“. Zu viele verpasste Gelegenheiten: Corleone, „Dog Day Afternoon“. Einen ungerechtfertigten Oscar zu bekommen ist natürlich besser, als nie einen. Gäbe es Al nicht, Clint Eastwood hätte in jenem Jahr wohl seinen ersten Darsteller-Award (für „Unforgiven“) empfangen dürfen.

Rollen, in denen Menschen mit Behinderung gezeigt werden, haben immer einen Oscar-Bonus, und den blinden Lieutenant Colonel spielt Pacino, oder Pac, wie ihn keiner nennt, zwar mit dem nötigen Einsatz. Aber es ist einfach zu viel von allem – dies sollte auch die Darstellung sein, die den „Ich fange leise an zu reden und WERDE DANN EINFACH IMMER LAUTER!“-Pacino begründete.

Die Ironie ist natürlich, dass Pacino am besten war in Darstellungen, in denen sich seine Figuren („Cruising“, „Serpico“, „Carlito’s Way“) verzweifelt um Durchblick in einer ihr überlegenen Umwelt bemühen. Doch sollte es gerade dieser Mann ohne Augenlicht sein, der sich am besten in seiner Umgebung zurechtfindet.

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26. Jeff Bridges in „Crazy Heart“ (2009)

Bridges ist immer ein Leading Man, umso überraschender, dass bis heute vier seiner sieben Nominierungen nur in die Kategorie „Bester Nebendarsteller“ fielen. Für viele seiner besten Rollen (z.B. „The Fisher King“, „Fearless“) wurde er gar nicht mal nominiert.

Dieser Oscar war, wie bei Pac Pacino, ein klarer Fall von „jetzt ist auch er mal dran“: Der Film war bedeutungslos, aber Bridges wurde 60, sah aus wie das Monument Valley und spielte einen alkoholkranken Countrysänger, der sich in eine Journalistin verliebt. Das sieht allein auf dem Papier schon nach Oscar-Material aus. Es reichte schon, überhaupt sein Gesicht im Bild zu sehen.

Bridges singt und spielt die Gitarre, das gab Pluspunkte. Am Ende wollte man ihn einfach endlich auf der Bühne haben, wo er dann eine der souveränsten, beiläufigsten Dankesreden überhaupt hielt. Als hätte er nur beim Bingo gewonnen. Falls er in die ersten fünf am prominentesten besetzten Reihen geblickt hat, sah Bridges da fast nur Leute, die ihm nichts mehr hätten erzählen können.

Nur Morgan Freeman in der Rolle des Nelson Mandela war 2009 theoretisch eine Konkurrenz, aber Clint Eastwoods Biopic „Invictus“ war einfach nicht gut.

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25. Colin Firth in „The King’s Speech“ (2010)

Hollywood liebt „Gentleman-Briten“, aber der Gentleman-Brite ist im Film eine vom Aussterben bedrohte Gattung. Hugh Grant? Zu schlecht. Pierce Brosnan? Bleibt auf ewig unterschätzt. Und bei Liam Neeson kommt das raue Irische durch. Als George VI ist Firth solide und freundlich, dazu kommt, dass der König stotterte – schauspielerische Herausforderungen wie diese werden oft gewürdigt.

Zur Entscheidungsfindung beigetragen hat sicherlich auch, dass „The King’s Speech“ ein Biopic ist und Firth im damaligen Jahr in der „Hauptdarsteller“-Kategorie freie Fahrt hatte. Jesse Eisenberg den Oscar für seine Darstellung des Mark Zuckerberg („The Social Network“) zu geben wäre so gewesen, als hätte man Zuckerberg selbst den Oscar gegeben. Und der beste, Jeff Bridges („True Grit“), erhielt die Auszeichnung schon im Jahr zuvor.

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24.  Daniel Day-Lewis in „Lincoln“ (2012)

Es gibt wenige Politiker, deren Erscheinungsbild, vielleicht sogar schon die Silhouette, derart bekannt sind wie das von Abraham Lincoln. Dennoch musste Daniel Day-Lewis sich ein wenig auf Idee und Intuition verlassen, denn vom 1863 verstorbenen US-Präsidenten gibt es natürlich kein Video. Immerhin viele Fotos und natürlich Schriften.

Was soll man sagen? Natürlich holte der Brite sich den Oscar, seine Statur war dafür wie geschaffen, Bart und Hut saßen wie angegossen. „Steven Spielberg engagiert Daniel Day-Lewis“ lautete vor Drehbeginn die Schlagzeile, und die Sache war geritzt.

Generell stellt sich bei Biopic-Oscars die Frage nach dem Wert einer Darstellung, für die die Nachempfindung einer echten Figur statt die Erfindung einer neuen Figur verlangt wird. Andererseits hätte man sich nicht sicher sein können, dass auch Liam Neeson in derselben Rolle gewonnen hätte (das Projekt wurde über Jahre geschoben, Neeson galt anfangs als gebucht, sagte später ab). Spielberg immerhin durfte sich, 38 Jahre nach seinem Hollywood-Debüt (1974 mit „Sugarland Express“) über den ersten Oscar für einen seiner Schauspieler freuen.

Day-Lewis war nun Allzeit-Spitzenreiter mit drei Statuetten für die „Beste Hauptrolle“, und natürlich gab es vor der Verleihung leise Zweifel, ob die konservative bis ängstliche Academy wirklich bereit war, diesen Rekord zuzulassen.

Womöglich hätte 2012 Joaquin Phoenix für „The Master“ den Sieg verdient.

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23. Gary Oldman in „The Darkest Hour“ (2017)

Joe Wright ist der Regisseur für stromlinienförmige Geschichtsbetrachtungen, und auch in seinem Biopic über Winston Churchill bietet er seinem Hauptdarsteller Gary Oldman alle Möglichkeiten, exakt so aufzutreten, wie man es von ihm erwartet, so, wie man es auch schon von Brian Cox, John Lithgow oder Brendan Gleeson als Churchill gesehen hat.

Seinen ersten Auftritt hat der Feldherr natürlich im Bett, vor ihm ein Frühstückstablett. Es herrscht Krieg, aber Churchill kämpft dazu auch seinen eigenen Krieg, gegen die Laster, das Rauchen, das Trinken, das Essen. Erst das eine, dann das andere. Genuss, dann Krieg. Am Ende aber vor allem die Nazis schaffen.

Gary Oldman ist ein großer Schauspieler, aber Winston Churchill ist nicht unbedingt eine Herausforderung für große Schauspieler, die unter extremen Schichten von Make-Up auftreten wollen. Gerne hätte man etwas von Oldmans 60-jährigem Gesicht gesehen, aber das ist stärker geschminkt als es einst sein „Dracula“ war, und stärker als jeder Churchill im Film zuvor. Es gab ihn gar nicht zu sehen.

Natürlich endet „The Darkest Hour“ mit der berühmten „We Shall Fight On The Beaches“-Rede, das ist aber nicht Oldmans Schuld. Er macht halt genau das, was von ihm gefordert wird.

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22. Jeremy Irons in „Reversal of Fortune“ (1990)

The Reversal of what? Selbst den deutschen Titel, „Die Affäre der Sunny von B.“, kennt keiner mehr. Dies ist der in dieser Liste seltene Fall einer Auszeichnung für eine Darstellung, unabhängig vom Wirbel, den der Film kreierte. In Barbet Schroeders Drama spielt Jeremy Irons Claus von Bülow, den, puh, Briten deutsch-dänischer Herkunft, der Anfang der 1980er gleich zwei Mordversuche an seiner Ehefrau verantwortet haben soll. Zuerst schuldig gesprochen und zu 30 Jahren Haft verurteilt, erzielte der heute 93-Jährige nach dem Gerichtsprozess eine Neuaufnahme des Falls und einen Freispruch.

Zum Adelsgeschlecht von Bülow zählte auch Vicco, alias Loriot, aber hier gibt es keinen Humor: Irons, von dem man sich wundert, warum er nie ausschließlich Edelmänner verkörpert, legte seine britische Steifheit, eine buchstäbliche stiff upper lip, in die Rolle. Er nutzte damit seine einzige echte Chance auf einen Oscar. Es ist erstaunlich, dass viele seiner bekanntesten Rollen bis heute nur im Horror- oder Actiongenre angelegt sind.

Einziger echter Konkurrent bei der Verleihung war Kevin Costner als John Dunbar in „Der mit dem Wolf tanzt“. Aber, wie schon im Falle „Braveheart“ und Mel Gibson: Wenn schon ein erfolgreicher Schauspieler ohne Ansage einen Regie-Oscar erhält, dann muss er nicht noch in seinem eigentlichen Hauptgebiet einen Preis erhalten, oder?

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21. Eddie Redmayne in „The Theory Of Everything“ (2014)

Es kam alles zusammen, was Hollywood vergöttert. Erstens, die Darstellung eines Genies, Stephen Hawking, durch ein Nicht-Genie. Denn wenn ein Nicht-Genie ein Genie verkörpern kann, befriedigt das die Sehnsucht des normalen Menschen nach Größe. Zweitens die Tatsache, dass ein Schauspieler eine körperliche Behinderung, hier Lähmung durch ALS, rekonstruiert. Wichtig zu wissen ist, dass die Academy solche Oscar-Würdigungen aus tiefstem Herzen vergibt – jener von Kritikern ins Spiel gebrachte „Behinderten-Bonus“ ist ein unfairer Einwurf.

Die meisten Menschen kennen Stephen Hawking als älteren Mann im Rollstuhl, Redmayne zeigt vor allem den jüngeren Forscher und die Zeitspanne, nachdem die ersten Krankheitssymptome einsetzen. Das gibt ihm Spielraum.

In einem hochklassig besetzten Jahrgang hießen Redmaynes größte Konkurrenten Michael Keaton und Bradley Cooper. Keaton durfte als „Birdman“ nicht gewinnen, weil er sich mehr oder weniger selbst verkörperte, einen Has-Been, der nicht schauspielern kann – da hätte die Jury sich, gäbe sie ihm den Oscar, selbst bloßgestellt.

Und Coopers Darstellung des „American Sniper“ Chris Kyle war nicht ohne Brisanz, da der echte Soldat, wie berichtet wurde, seinen todbringenden Job nicht ohne Menschenhass ausgeübt haben könnte.

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20. Philip Seymour Hoffman in „Capote“ (2005)

Man muss Hoffman den Ehrgeiz einer perfekten Anverwandlung unterstellen. Truman Capote bietet sich dafür auch an wie kaum ein anderer. Das Aussehen, der Gang, die Stimme, der Spott. Und das Leben des brillanten Autoren ist säuberlich dokumentiert.

Wie schon bei Day-Lewis als Lincoln oder Sean Penn als Harvey Milk sollte dann überlegt werden, ob diese Art Adoption nicht nur eine große Leistung, sondern wirklich auch eine große kreative Leistung ist.

Hoffman war größer als Capote und nicht ganz so feist, was aber für die Oscars kein Problem darstellte, da im selben Jahr auch der eher kleine Joaquin Phoenix in der Rolle des Hünen Johnny Cash nominiert werden konnte („Walk The Line“).

Das Problem lag darin, dass Hoffman 2005 einfach nicht der Beste war. Heath Ledger erwies sich in „Brokeback Mountain“ als der König von allen. Er verlieh einer literarischen Figur echte Eisberg-Qualität: Heavy ist, was unter der sichtbaren Oberfläche liegt. „Brokeback Mountain“-Autorin Annie Proulx hatte nach den Oscars ein Plädoyer für Ledger verfasst, in dem sie auch die Entscheidung für Hoffman kritisiert. Sie sagt völlig richtig: Hollywood liebt leider die Mimikry.

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19. Geoffrey Rush in „Shine“ (1996)

Im wahrscheinlich schwächsten Hauptdarsteller-Feld des Jahrzehnts gewann der Außenseiter. Aber dennoch: Irgendwie sprach alles für den relativ unbekannten Rush, damals 45. Tom Cruise, „Jerry Maguire“? Zu leichtfüßig. Ralph Fiennes, „The English Patient“? Würden doch eh schon neun Statuetten für die Schmonzette abfallen, der Hauptdarsteller braucht keine. Woody Harrelson als Larry Flynt? Tolle Leistung, aber die Vorlage, der Porno-Mogul, zu zwielichtig. Billy Bob Thornton in „Sling Blade“ – wer hat diesen Film überhaupt gesehen?

Die Rolle des Pianisten David Helfgott bot alles, was die Academy liebt. Genie und Krankheit, am Ende das Comeback am Flügel.

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18. Rami Malek in „Bohemian Rhapsody“ (2018)

Er sieht nicht wirklich aus wie Freddie Mercury, aber das tut auch kein anderer Schauspieler. Und Malek machte das Beste draus. Muskeln, künstliches Gebiss, die Posen.

Das Queen-Biopic erhielt vor Drehbeginn schon einen Shitstorm, weil keiner ihm die Rolle zugetraut hatte, und nach Veröffentlichung gab’s noch einen, weil viele fanden, die Darstellung des Sängers verbreite Klischees über Homosexuelle.

Aber unabhängig davon, dass Malek den einzigartigen Mercury nicht nachsang (das übernahmen andere), verinnerlichte er die Rolle. Er war ein Popanz, wenn es drauf ankam und ein verzweifelnder Außenseiter, sobald es dazu kommen sollte.

Womöglich war Christian Bale in „Vice“ besser, okay. Aber auch der ging durch die Biopic-Maske und spielte ein gut dokumentiertes Vorbild, Dick Cheney, lediglich nach, statt eine originäre Figur zu kreieren. Beide haben also den Oscar verdient, Malek wie Bale.

17. Denzel Washington in „Training Day“ (2001)

Wer glaubt, die Zeiten für schwarze Schauspieler seien heute gut, muss nur 18 Jahre zurückreisen, um noch gerade in das Ende einer düsteren Ära Hollywoods einzutauchen. Der „Bester Hauptdarsteller“-Triumph Denzel Washingtons war der erste eines Afroamerikaners seit 38 Jahren, seit Sidney Poitier mit „Lilien auf dem Felde“ (1963). So wie Jeff Bridges oder Philip Seymour Hoffman war Washington hier nicht in seiner besten Rolle zu sehen, aber auch er „war jetzt dran“.

Bemerkenswert ist, dass Washington einen Oscar für die Darstellung eines „Bösewichts“ erhielt, den korrupten Detective Alonzo Harris. In jüngerer Zeit fiele da einem sonst nur Forest Whitakers Idi Amin (2006, „The King Of Scotland“) ein.

Das macht die Preisvergabe zumindest zu einer mutigen Entscheidung, auch wenn die Konkurrenz trotz Biopic-Faktor (Will Smith als Muhammad Ali, Russell Crowe als John Nash) nicht ebenbürtig war.

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16. Forest Whitaker in „The Last King Of Scotland“ (2006)

Vielleicht das schwächste „Bester Hauptdarsteller“-Feld des bisherigen Jahrtausends. Ryan Gosling („Half Nelson“) war ein Newcomer, Leonardo DiCaprio ein Aufschneider in billigem Abenteuer („Blood Diamond“), Will Smith aus irgendeinem Grund dabei („The Pursuit Of Happyness“) … und dem ehrwürdigen Peter O‘ Toole („Venus“) wollte man den Academy Award einfach nicht geben. Blieb Whitaker, der als Idi Amin dennoch eine gute Figur machte.

Die Literaturverfilmung war käse, weil sie die Brutalität des ugandischen Diktators durch fiktive Annäherungen zu verstehen versucht. Ein Mann aus dem Westen, der schottische Doktor Garrigan (James McAvoy) wird in dieser Mär 1970 zum Leibarzt Amins. Vor allem aus seinen Augen erleben wir das Militär-Regime. Einem Afrikaner trauten die Filmemacher das wohl nicht zu.

Whitaker hat eine Lidmuskelschwäche am linken Auge, sie unterstützt seine vielsagenden Gesichtsausdrücke. Er kann verletzbar wirken, schelmenhaft, ängstlich, nachdenklich oder aggressiv. Er ist bullig und groß; er bestieg die Oscar-Bühne wie ein Boxer.

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15. Sean Penn in „Milk“ (2008)

Wäre nach Sympathie – vielleicht auch Mitleid – entschieden worden, den Academy Award hätte Mickey Rourke als „The Wrestler“ bekommen, es war die erste Nominierung für den damals 56-Jährigen und dürfte es auch bleiben.

Aber „Milk“ hatte den Biopic-Faktor und eine Agenda. Sean Penn spielte Harvey Milk, den ersten US-Politiker, der als offen schwuler Mann in ein Amt gewählt – und von einem Stadtrat 1978 erschossen wurde. Es war keine zynisch-kalkulierte Entscheidung der Jury, durch die Auszeichnung Penns (sein zweiter Oscar, fünf Jahre nach „Mystic River“) die LGBTQ-Community zu ehren, der Film war auch so einfach zu wichtig.

Gus van Sants Biografie bot Penn die Möglichkeit, trotz des traurigen Endes für Milk, endlich mal wieder ohne Grimm und Pathos aufzutreten. Es ist erstaunlich, wie oft der Mann, Sean Penn wie der echte Milk, trotz seines Kampfs um Anerkennung gelacht hat.

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14. Tom Hanks in „Forrest Gump“ (1994)

Travolta oder Hanks? Vincent Vega oder Forrest? Travolta hatte bei der Academy in „Pulp Fiction“ keine echte Chance, aber was wäre das für ein Auftritt auf der Bühne geworden, allein mit den Haaren!

Obwohl mit Hanks erstmals seit Spencer Tracy 1938 und 1939 ein Schauspieler in zwei aufeinanderfolgenden Jahren gewinnen würde (Hanks davor in „Philadelphia“, 1993), so etwas also extrem selten zugelassen wird, war der 38-jährige Ex-Komiker haushoher Favorit.

Wie spielt man einen geistig zurückgebliebenen Menschen in einer Tragikomödie, ohne dabei zu rührig oder gar, schlimm genug, niedlich zu wirken? Schwer, selbst wenn es eine Romanvorlage gab. Vielleicht ist Forrest Gump immer nur zufällig bei den wichtigen Ereignissen der Weltgeschichte vor Ort, aber er ist kein Spielball, er nimmt sein Schicksal selbst in die Hand.

Und für den Spruch mit der Pralinenschachtel, damals schon nicht zum Aushalten, kann Hanks ja auch nichts.

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13. Jamie Foxx in „Ray“ (2004)

Don Cheadle für „Hotel Rwanda“ wäre vielleicht noch einen Tick verdienter gewesen, er hatte aber keine Lobby. Nach Academy-Maßstäben führte eigentlich kein Weg an Foxx‘ Darstellung der Jazz-Größe vorbei, die den Erfolg nicht mehr miterleben konnte – Ray Charles verstarb acht Monate vor der Oscar-Verleihung.

Es ist eine hohe Kunst, Blinde gut darzustellen. Eddie Murphy („Die Glücksritter“) machte daraus eine Groteske, das sah eben das Genre vor, aber bereits Al Pacino wirkte im Drama „Der Duft der Frauen“ wie ein Mann, der an einer Schnur gezogen wird. Im Horrorfilm „The Village“ diente die Blindheit von Bryce Dallas Howards Figur dazu, Hilflosigkeit aufzuzeigen.

Foxx interpretiert den im Alter von sieben Jahren erblindeten Pianisten wie jemand, der gar nicht sein Augenlicht verloren hat – weil er seine Umwelt einzuschätzen gelernt hat, den Sehenden ebenbürtig ist.

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12. Roberto Benigni in „Life is Beautiful“ (1998)

Der Film war der einzige echte Erfolg des Italieners, zumindest in Hollywood, er hatte schon hier eigentlich keine Chance, nutzte sie aber, danach jedoch war er in Amerika chancenlos („Inspektor Clouseau“!). In Erinnerung bleibt sein befremdlicher Gang auf die Oscar-Bühne, nicht auf dem Teppich, sondern über die Stuhllehnen der freundlich bis aufmunternd lachenden US-Kollegen. Über Schuhschmutz auf Sakkos jedenfalls hat sich hinterher keiner beschwert.

Benignis Vorbild war sicher Charlie Chaplin, er ist ein Ganzkörperschauspieler. Allen Kinogängern ist jene Szene in Erinnerung geblieben, als Benignis Figur des Guido seinen letzten (Slapstick)-Gang antritt. Geradezu beschämend intim ist der Moment, als ihm – viel, viel später als uns – klar wird, dass der KZ-Arzt und vermeintliche Freund Doktor Lessing (Horst Buchholz) keinerlei Hebel in Bewegung setzen wird um ihn zu retten.

Bei den Oscars profitierte Benigni auch von einem Bewerberfeld ohne klaren Mitfavoriten. Als Captain John Miller lieferte Tom Hanks in „Saving Private Ryan“ womöglich seine beste Karriereleistung ab, erhielt aber in den voran gegangenen fünf Jahren schon zwei Academy Awards. Und Edward Norton befand sich mit Produzenten und dem Regisseur von „American History X“ im mehr oder weniger kreativen Konflikt; er hatte den Schnitt des Neonazi-Dramas an sich gerissen.

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11. Nicolas Cage in „Leaving Las Vegas“ (1995)

Die letzte Gelegenheit, Nicolas Cage mit echtem spärlichen Haarwuchs zu sehen, die letzte Rolle, bevor er sich zum Pumper von „The Rock“ und „Con Air“ mit Mähne entwickelte: Nach dem Überraschungs-Oscar „klopfte Hollywood wieder häufiger an seine Tür“ und der damals erst 31 Jahre junge Mann, der schon seit einer halben Ewigkeit schauspielerte, wurde zum Top-Star der Neunziger.

Die Unvorhersehbarkeit dieses Oscar-Erfolgs macht den Sieg so sympathisch; hätte Cage, der seinen Stil mal als „Mega-Acting“ bezeichnete, den von Todessehnsucht befallenen Trinker heute gespielt, würden alle seine Darstellungen als Manierismen umdeuten. Er gilt ja inzwischen als „der Durchgeknallte“.

Cage hatte nur zwei Konkurrenten bei den Awards 1995: Richard Dreyfuss, dem man nach seiner Rückkehr gerne den Oscar gegeben hätte, aber „Mr. Holland’s Opus“ war einfach uninteressant. Sean Penn in „Dead Man Walking“, der Film über einen Todeskandidaten, hatte eigentlich alles, was das liberale Hollywood ansprach. Es muss eine sehr knappe Entscheidung gewesen sein.

Der „Vanity Fair“ war übrigens aufgefallen, dass gerade das Jahr 1995 sehr ungnädig mit der Spieler-Metropole umgegangen war: „Leaving Las Vegas“, aber auch „Showgirls“ und „Casino“ vernichteten in jenem Jahr alle Träume von dieser Stadt.

Was war da los? So oder so: Das war wohl überfällig.

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10. Jack Nicholson in „As Good As It Gets“ (1997)

Selten genug, dass jemand für seine Darstellung in einer Komödie, geschweige denn Rom-Com ausgezeichnet wird, Nicholson selbst hat wohl am wenigsten mit seinem dritten Oscar gerechnet. In meiner Erinnerung trug er auf der Bühne eine Sonnenbrille, leider hielt das einer Überprüfung nicht stand; aber er trug die lockerste Dankesrede der Academy-Geschichte vor.

Seine Figur des Melvin Udall ist ein Misanthrop und Neurotiker, aber so, wie Melvin im Film den Gehweg-Fugen ausweichen kann, so tänzelte Nicholson dieser Auszeichnung entgegen. Was für eine Darstellung. Als er dann von der Kellnerin Holly Hunt wegen seiner Taktlosigkeit zusammengepfiffen wird, hat er einen betreteneren Hundeblick als jeder Hund. Und die eigentlich peinliche „Jeden Morgen nahm ich diese Pille, und nun brauche ich sie nicht mehr“-Rede konnte nur jemand wie er verkaufen.

Nicht James Cameron war in diesem Jahr, dank seiner elf „Titanic“-Oscars, der „King Of The World“, zumindest für einen Abend, sondern Jack. Bis Daniel Day-Lewis (drei Hauptdarsteller-Oscars) kam, würde er das Feld anführen (2x Hauptdarsteller, 1x Nebendarsteller).

Vielleicht war Matt Damon („Good Will Hunting“) 1997 sogar besser, aber irgendwie störte der Youngster auch in diesem Tableau. Neben Nicholson waren außerdem nominiert: Robert Duvall („The Apostle“), Peter Fonda („Ulee’s Gold“) und Dustin Hoffman („Wag The Dog“). Als wären wir noch immer in den goldenen 1970er-Jahren.

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09. Sean Penn in „Mystic River“ (2003)

Ein schwieriger Charakter, weder Held noch Antiheld, kein Schurke, aber auch kein aufrechter Bürger: In Selbstjustiz tötet Jimmy Markum (Penn) den vermeintlichen Mörder seiner Tochter, seinen Freund Dave (Tim Robbins). Er weiß, dass das vielleicht ein Fehler war, er weiß, dass Dave als Kind sexuell missbraucht wurde. Aber seine Ehefrau sagt ganz am Ende zu Jimmy, dem kleinen Ladenbesitzer: Du bist ein König, und Könige treffen immer die richtigen Entscheidungen.

Clint Eastwoods Verfilmung des Dennis-Lehane-Romans ist voller dieser Entscheidungen, die Männer treffen, deren Weltbild nicht mehr intakt ist. Sean Penn wirkt wie eine Idealbesetzung als jemand, der erst Entscheidungen trifft, um sich danach bis an sein Lebensende den Kopf zu zermartern.

Den Oscar hat er verdient, aber der beliebteste Anwärter des Jahres war Penn nicht. Die meisten hätten sicher lieber Bill Murray für „Lost in Translation“ als Gewinner gesehen. Vielleicht konnte die Academy das nicht zulassen, weil Murray zuvor ausschließlich als Komiker galt. Gleiches Problem wie beim zweimal nominierten Jim Carrey.

Das Absurde war ja, dass der 53-Jährige Murray in Sofia Coppolas Film genauso auftrat wie in seinen bisherigen Komödien. Nur, dass diesmal alle lachten. Erst Jahrzehnte nach Beginn seiner Karriere wurde den Leuten also gewahr, dass seine Darstellungen auch hervorragend zum Drama passen. Das hätte die Oscar-Jury sich nicht eingestehen wollen. Hätte man weissagen können, dass Penn, dessen Comeback man in diesem Jahr ehren wollte, bereits fünf Jahre später noch eine Auszeichnung erhält, Murray wäre hier vielleicht bedacht worden.

Als nicht sein Name, sondern der Penns vom Gewinner-Kärtchen abgelesen wurde, bestrafte Murray die Academy auf seine Weise: Er blieb Murray, blickte geradeaus. Je nach Lesart nichts- oder vielsagend.

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08. Tom Hanks in „Philadelphia“ (1993)

Tom Hanks kann genauso lustig sein wie tragikomisch und traurig, das wissen wir. Aber das wussten wir vor 1993 noch nicht. Da galt Tom Hanks nur als lustig.

Nach seinem unerwarteten Riesenhit „The Silence of the Lambs“ ging Regisseur Jonathan Demme zwei Risiken ein: Er besetzte Tim „Big“ Hanks in seinem Drama, und das in der Hauptrolle als HIV-Infizierter. Aids war 1993, als vor gerade mal 26 Jahren, noch immer ein Thema, über das in Hollywood weitestgehend geschwiegen wurde.

Berühmt wurde die Szene, in der Hanks‘ Andrew Beckett sich zu den Gesängen Maria Callas‘ in ein anderes Leben hineinträumt, das ihm nur die Musik bieten kann. Aber das ist einer der wenigen Momente, in denen er ausbricht. Beckett ging es nicht um Mitleid; er verstand sich als Vorkämpfer stigmatisierter Menschen.

Ralph Fiennes hätte auch den Oscar verdient gehabt, für „Schindler’s Liste“ – aber der war als Nebendarsteller im Feld. Der nominierte Hauptdarsteller Liam Neeson hatte gegen Hanks keine Chance, zu Recht.

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07. Kevin Spacey in „American Beauty“ (1999)

Nicht der Killer John Doe („Seven“) oder der Präsident Frank Underwood („House of Cards“) war die Rolle, für die Spacey wie geschaffen schien – es war die des Durchschnittsamerikaners Lester Burham, der seinen zweiten Frühling erlebt, dem das Happy End aber versagt bleibt, mehr noch, der sterben muss, obwohl er kein Verbrechen begangen hat.

Spacey zählt zu jenen Schauspielern, die nur mit den Augen spielen können, er beherrscht also das, was man mit „reduzierter Mimik“ beschreibt. Gier, Wollust, Freude und Scham in geringen, effektiven Dosen – kein Vergleich zum „Mega-Acting“ eines Cage oder den Gefühlsausbrüchen Pacinos.

Er war Favorit gegenüber Russell Crowe, der in „The Insider“ wohl auch so überzeugend wie selten danach auftrat. Insgeheim hatte man dennoch für Richard Farnsworth und „The Straight Story“ die Daumen gedrückt.

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06. Leonardo DiCaprio in „The Revenant“ (2015)

Wäre das Filmgeschäft eine Schule, Leo wäre der Streber, der sich immer fingerschnipsend meldet. Kein Mann seines Jahrgangs hat derart hart um einen Oscar gebettelt. „Niemals werde ich diese Auszeichnung als Selbstverständlichkeit annehmen“, sagte der 40-Jährige auf der Bühne, nachdem er im fünften Anlauf, und seit Teenageralter als Wunderdarsteller gefeiert, den Academy Award erhielt. Er atmete lange aus. Und sah sehr, sehr glücklich aus. Er würde also nicht der Unvollendete bleiben.

DiCaprios jahrelange Bemühungen waren auch deshalb so unangenehm anzusehen, weil er den Oscar stets durch extreme körperliche Darstellungen erzwingen wollte. „Abonniert auf …“ heißt es, und DiCaprio war irgendwann, vor allem in Filmen von Martin Scorsese, auf den dauernervösen, schwitzenden Mann in der Krise abonniert: „Shutter Island“, „Aviator“, „The Departed“, „The Wolf of Wall Street“, aber auch bei Christopher Nolan („Inception“). Für die Hälfte dieser Filme wurde er nicht mal nominiert.

Nicht mal für die des Sklavenhalters Calvin Candie in Tarantinos „Django Unchained“. Andererseits macht er den Psycho einfach extrem gut. So wie in Alejandro González Iñárritus „The Revenant“. Darin balgt er sich mit Indianern, unterkühlt sich im Fluß, isst Büffelgedärm, wird von einem Bären durch die Gegend geworfen (gut, einem digitalen Bären) und blutet von Anfang an aus allen Löchern.

Das sind dann eben doch die Dinge gewesen, die Klaus Kinski aus Angst um den Körper niemals zugelassen hätte. Over-Acting ist das dennoch nicht: Der Revenant weint nicht, als der Sohn ermordet wird, und als der Indianer ihm am Ende den tödlichen Job abnimmt, nickt er dem Häuptling auch nicht stumm zu (Bruce Willis hätte das getan).

Pointe dennoch: Seine Figur des Fährtensuchers wäre schon beim allerersten Feindkontakt gestorben, also nach fünf Filmminuten, stünde im Kampfgetümmel nicht ein Mistreiter neben ihm, der dem Gegner in letzter Sekunde den Garaus macht. Er ist ein Survivalist, aber Überleben in der Wildnis ist eine Sache von Glück plus Timing.

In der echten Welt stimmte das Timing auch. Gebt ihm endlich den Oscar, dann haben wir unsere Ruhe, so lautete damals ein Spott in Hollywood. Jetzt hat er ihn.

Aber warum sollte DiCaprio von nun an normale Filme drehen?

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05. Matthew McConaughey in „Dallas Buyers Club“ (2013)

Wer 2013 über Matthew McConaughey gesagt hätte, er bekäme den Oscar, weil sein Körper zu sehen ist, der hätte abgewunken. Im Gegenteil, er verbaute sich ja in den vergangenen 15 Jahren jede Chance auf einen Academy Award, gerade weil er stets seinen Sixpack für billige Komödien in die Kamera hielt. Aus dem „Contact“-Star war ein Hallodri geworden, ein Mittvierziger mit einer Filmografie, die sich wie ein einziger Spring Break las.

Die Verleihung 2014 verzeichnete in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“ den bislang allerhärtesten Wettbewerb des Oscar-Jahrtausends. Neben Matthew McConaughey noch Christian Bale („American Hustle“), Bruce Dern („Nebraska“), Leo („The Wolf of Wall Street“) und Chiwitel Ejiofor („12 Years a Slave“). Kein 100%-Favorit darunter, denn alle fünf erhielten für ihre Darstellungen in diesen Werken in der Kritiker-Strecke zuvor vermeintlich richtungsweisende Awards.

Dieses Jahr war derart gut, dass die vielleicht beste Rolle (Tom Hanks in „Captain Philips“) übergangen werden konnte, und die obligatorischste Nominierung (Robert Redford, 78, in „All is Lost“) offensiv übergangen wurde – Die Hollywood-Legende schob die Nicht-Berücksichtigung darauf, dass er für das Seglerdrama keine Oscar-Kampagne machen wollte und dafür abgestraft wurde.

Hollywood liebt Gewichtsveränderungen, aber es wäre höhnisch gegenüber Betroffenen, McConaughey in der Rolle des abgemagerten Aidskranken Oscar-Baiting vorzuwerfen. Er spielt, nach einer wahren Geschichte, den Texaner Ron Woodruff, der 1985 die HIV-Diagnose erhält und das nicht glauben kann, weil er ein heterosexueller Macho ist.

Aber er gibt sich seinem Schicksal nicht hin, sondern betätigt sich als Schmuggler für Medikamente, die ihm und anderen helfen könnten, aber in den USA keine Zulassung haben. Sieben Jahre würde Woodroof gegen die Krankheit kämpfen, bis er ihr erliegt. Für damalige Verhältnisse war das lang.

Elisabeth Kübler-Ross hat einst die fünf Sterbephasen definiert, und McConaugheys Figur, so scheint es, hat eigene Phasen entwickelt, sehr viele, und aus allen spricht Lebensmut. Wut, Verblüffung, Kampfgeist … zu keiner Zeit ein Gedanke daran, aufzugeben. Es ist eine Darstellung voller Körperlichkeit und Spiritualität.

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04. Adrien Brody in „The Pianist“ (2002)

Einer der erfreulichen Academy Awards, weil er, so wie für Sean Penn in „Mystic River“ und anders als für Daniel Day-Lewis in „Lincoln“, ohne Ansage kam. Brody war völlig überfordert, stemmte auf der Oscar-Bühne eine lange und herausfordernde Rede, in der das Publikum zuerst jubelte, dann aber auch vereinzelt Buhrufe zu hören waren. Der Amerikaner verknüpfte Gedenken an den Holocaust mit dem gerade begonnenen Irak-Krieg (die Academy hat die implizite Maßgabe an Gewinner, sich möglichst nicht zu Politik zu äußern), was natürlich over the top wirkte.

Adrien Brody spielt den polnischen Juden Władysław Szpilman, der den Holocaust als Pianist überlebt, mit einer stillen Würde, die man nicht mehr vergessen wird. Ein Mann, der das Grauen überlebt, in erster Linie durch Glück, in zweiter Linie, weil die Nazis seine Musik mochten.

Der 29-Jährige war jüngster im hochklassig besetzten Feld. Daniel Day-Lewis als „Bill The Butcher“ („Gangs Of New York“) hätte gewinnen können, Nicholas Cage („Adaptation“) war letztmals in Top-Form, Michael Caine („The Quiet American“) wartet seit Ewigkeiten darauf, einen „Hauptdarsteller“-Oscar zu bekommen. Und selbst Jack Nicholson durfte sich mit der Jack-Nicholson-Show von „About Schmidt“ Chancen ausrechnen.

Brody war nie wieder so erfolgreich wie in Polankis „Pianisten“, schon kurz darauf wurde er in Shyamalans „The Village“ zum Nebendarsteller. An seine Hauptrolle in Peter Jacksons „King Kong“ (2005) kann sich kaum einer erinnern – alle denken nur an den Affen und Naomi Watts.

Heute fristet Brody ein Dasein in den unerträglichen Kostümfilmen Wes Andersons.

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03. Casey Affleck in „Manchester By The Sea“ (2016)

Natürlich spielte Casey Affleck zuletzt immer dieselbe Figur, den verdrucksten Jungen mit hängenden Schultern, der anderen nicht in die Augen gucken kann. Womöglich entstand diese Art bei Gus van Sants „Gerry“ von 2002.

Den verdrucksten Jungen mit den hängenden Schultern, der anderen nicht in die Augen gucken kann, macht Affleck aber extrem gut. Vor allem mit Blick auf Kenneth Lonnergans Drama über einen Mann, dessen Bruder gestorben ist, und der, wie sich herausstellen wird, schuld am Unfalltod seiner beiden Kinder ist.

Man kann sich gut vorstellen, wie andere Schauspieler dieses Schicksal in die Figur des Klempners Lee gelegt hätten. Nicholas Cage hätte viel geschwiegen und seine großen Augen gezeigt, Bradley Cooper hätte wohl einige Male einen Nervenzusammenbruch erlitten, und Leonardo DiCaprio wäre zu dieser Resignation gar nicht fähig gewesen.

Affleck nimmt alle Schuld auf sich, aber er weiß auch, dass es keinen Gott gibt, bei dem er sich ausheulen könnte. Seine Strafe ist ein – langes – Leben in Depression.

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02. Daniel Day-Lewis in „There Will Be Blood“ (2007)

Der Anzug, der Bart, die hohen Schaftstiefel, das Drohpotential eines Mannes, zu dem sich keiner traut Nein zu sagen: Optisch sind sich Day-Lewis‘ „Bill The Butcher“ („Gangs Of New York“, 2002) und dieser Daniel Plainview sehr ähnlich.

Doch während der selbst ernannte König von New York an einer Stadt festzuhalten versucht, deren Veränderungen er nicht versteht, ist der Ölunternehmer ein echter Gläubiger, er glaubt an Geld und an die Schätze Kaliforniens. Er glaubt, er sei mehr wert als ein Priester.

In P.T. Andersons Historiendrama über den Ölboom des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist Day-Lewis der Amerikaner, wie die einen ihn bewundern und die anderen ihn verabscheuen. Im Oscar-Jahr 2007 absolut konkurrenzlos.

Ein anderer Großer guckte in die Röhre. Hätte Regisseur David Cronenberg seine „Eastern Promises“ nur um ein Jahr nach hinten geschoben, Viggo „I’m Just The Drrrrrriver“ Mortensen hätte den Academy Award als Russe in geheimer Mission vielleicht erhalten.

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01. Anthony Hopkins in „The Silence of the Lambs“ (1991)

Kein Fan von Thomas Harris‘ Roman könnte glaubhaft darlegen, dass er bei der Lektüre diesen Mann vor Augen gehabt hatte: Anthony Hopkins. Zwar ein Theaterbrite, aber doch zu unscheinbar für den genialen Mörder und Kannibalen Dr. Hannibal Lecter. Er zählte zu diesem Zeitpunkt in Hollywood eher zur B-Liga.

Als Hopkins‘ Name vom Gewinner-Zettel abgelesen wurde, endete auch die Ära des ebenfalls und letztmals für den „Besten Hauptdarsteller“ nominierten Robert De Niro. Der hatte sich für seinen Max Cady („Cape Fear“) extra in Rage gespielt und musste nun erkennen, dass seine Bösewichte nicht mehr glaubhaft sind. „Method Acting?“, hatte Hopkins mal gesagt. „Nichts für mich. Ich spiele meine Rolle, gehe dann nach Hause. Vom Set nehme ich nichts mit. Am nächsten Morgen beginnt einfach ein neuer Tag.“

Hopkins jedenfalls dürfte sich Brian Cox‘ eher clowneske Darstellung des Psychiaters im Vorgänger „Red Dragon“ alias „Manhunter“ (1986) als abschreckendes Beispiel vorgenommen haben. Hopkins ist das regungslose, wenn auch hungrige Krokodil, das alle Zeit der Welt hat. Nicht zu blinzeln, das übernahm er von Michael Caine. Den zugewandten, in Wirklichkeit lauernden Blick, die langsame, analytische Sprechweise erfand er selbst. Hopkins begründete einen wegweisenden, bis heute oft kopierten Kino-Bösewicht: den des implizit erotischen Kunstliebhabers und Wissenschaftlers, der zu äußerster physischer (Beißattacken) und psychischer Grausamkeit (Kindheitstraumata offenlegen) fähig ist.

Lecter tötet natürlich Menschen, die ihm im Weg stehen. Aber er tötet auch solche, die ihm nicht ebenbürtig sind, weil er nicht ertragen kann, dass sie es überhaupt mit ihm aufgenommen haben.

In einer idealen Welt wäre er wahrscheinlich allein.

Mit seiner Mutter.

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Die besten Alben aller Zeiten: „Blonde On Blonde“ von Bob Dylan

Am 16. Mai 1966 veröffentlicht, war „Blonde On Blonde“ das erste Doppelalbum eines bereits etablierten Künstlers. „Es kam dem Sound, den ich in meinem Kopf hörte, diesem fließenden, quecksilbrigen Sound, so nah wie nichts zuvor“, sagte Dylan 1978. Die manische Brillanz von „Blonde On Blonde“ lässt sich kaum besser beschreiben. Den größten Teil der 14 Songs nahm Dylan im Schnelldurchgang auf – bei einer vier- und einer dreitägigen Session in Columbias Nashville-Studios im Februar und März 1966. Das Tempo der Aufnahmen reflektierte die Amphetamin-Quirligkeit, mit der Dylan selbst zwischen ständigen Tourneen neue Songs ausspuckte. „Blonde On Blonde“ war Bob Dylans…
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