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Review: Twin Peaks, Staffel 3, Folge 7: Das Gipfeltreffen zwischen Cooper und Diane

Budgetstreitigkeiten zwischen David Lynch und den Produzenten von „Showtime“ hätten fast zum Absprung des Regisseurs geführt – jetzt sehen wir wieder einmal, wofür der Regisseur sein Geld unbedingt ausgeben wollte. Fast schon wie bei James Bond erleben wir eine „prepare for conflict“-Situation, eingeleitet durch die Außenansicht eines Privatjets über den Bergen Colorados. Darin, bei einem heiklen Briefing: FBI-Agent Gordon Cole (Lynch), sein Gehilfe Albert Rosenfield (Miguel Ferrer) sowie Diane (Laura Dern). Ihre Mission: Dale Cooper (Kyle McLachlan) bei einem Verhör auf Leib und Nieren prüfen. Der Special Agent der Bundesbehörde sitzt im Gefängnis, und seine Vorgesetzten glauben, dass er nicht mehr er selbst ist.

Die Sequenz im Flugzeug ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr „Twin Peaks“ sich von der Wald-und-Wiese-Soap aus den Neunzigern, von all dem Holz, dem satten Braun und Rot, entfernt hat – und wie gut Lynchs Vision auch im „Inland Empire“-Modus, dem Verwaschenen, Undeutlichen funktioniert. Nicht zufällig wurde auch das berühmte „Laura Palmer Theme“ von Angelo Badalamenti in der dritten Staffel bislang erst ein einziges Mal ausgespielt – wir hören in der Regel nur den bedrohlich anmutenden ersten Teil, und der wie eine Erlösung anmutende zweite Teil (Lynch erklärte seine Vorstellung von der Kompostionen seinem Maestro einst so: „Spiele es, als würde sich für Laura ein Himmel auftun“) fiel damit in den sieben Episoden fast immer unter den Tisch. Das Leben in dieser Season ist eben keine Seifenoper mehr.

Diane (Laura Dern) trifft auf Cooper (Kyle McLachlan)

Der Regisseur zeigt sein FBI im Aktionsmodus, John Grisham und Michael Mann lassen grüßen, aber Lynchs Investigativ-Story hat die großen Dialoge, nämlich die zwischen Cole, Rosenfield und Diane. Die Top-Beamtin hat eigentlich keine Lust auf den schwerhörigen Cole und den verbitterten Rosenfield. Als der bei einer Deeskalation ausgerechnet mit gut gemeinten Gemeinplätzen kommt („Judge Not, That Ye Be Not Judged“), hat sie die bessere Antwort parat: „Fuck You, Albert.“

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Die „Mission Command“-Atmosphäre mündet in einer Beratung a lá „Apocalypse Now“, als ein Dossier herumgereicht wird. Das einzige Foto, das nach Coopers Verschwinden vor 25 Jahren aufgetaucht war, zeigt ihn bereits mit langen Haaren und Don-Johnson-Blazer. Unter Palmen vor einer Villa, die einem „Girl From Ipanema“ gehört haben soll. Jetsetter-Abenteuer als großartige Parodie.

Ihr zerfließendes Gesicht

Dianes Gegenüberstellung mit Cooper im Gefängnis, beide nur durch eine Glasscheibe getrennt, hat in seiner erschütternden Sprachlosigkeit eine ähnliche Qualität wie die von Bill Dayton (Gary Busey) mit dessen Sohn Pete (Balthazar Getty) in Lynchs „Lost Highway“ (1996). Der Vater soll seinem Sohn erklären, was mit ihm nicht stimmt. Pete ist da, er sieht aus wie Pete, aber es ist nicht Pete.

„Das ist nicht er“, sagt Diane nach ihrem Treffen mit Coop weinend, ihr fehlen weitere Worte. Laura Dern mit ihrem wie immer großen, zerfließenden Gesicht. Wunderschön setzt Lynch seine Lieblingsschauspielerin in Szene. „Passen Sie auf diesen Mann auf“, sagt Cole, jetzt ganz Wichtigtuer, bei seinem Abschied zum Gefängnis-Chef Warden Murphy (James Morrison). „So lange, bis Sie wieder von uns hören!“. Natürlich, was soll der Mann denn sonst machen – aufpassen ist ja sein Job.

Das Besondere an der Figur der Diane ist ihr unerwarteter Zynismus. Den Schutzschild lässt sie erst im Angesicht von Cooper fallen. Zwei Staffeln lang wurde gerätselt, ob Diane überhaupt existiert – Dale Cooper hat den Status seiner Ermittlungen in „Twin Peaks“ immer nur in sein Diktiergerät gesprochen, jede Schilderung mit der Anrede „Diane“ begonnen. Für Fans war die Vorstellung fast schon Kult, dass „Diane“ vielleicht gar kein Mensch, sondern das Diktiergerät an sich ist.

Jedenfalls ist nun auch klar, dass Diane nicht der Typ „gefällige Sekretärin“ ist,  so wie die Empfangsgehilfin Lucy Brennan. Im Gegenteil, sie scheint gleichgestellt gewesen zu sein mit Coop. Das ständige Diane-dies-Diane-das aus den ersten zwei „Twin Peaks“-Staffeln, jedes Vorgehen wird auf Band festgehalten, hatte damit nur den Zweck, die Augenhöhe aufrecht zu erhalten und zu reporten. Hätte es in den frühen 1990er-Jahren überall Handys gegeben, die Kommunikation wäre ganz anders verlaufen als mit Diktiergerät (in dieser siebten Folge plaudern auch Ben und Jerry Horne, die früher schon aneinander vorbei redeten, per Mobiltelefon miteinander, mit kuriosen Ergebnissen: „Jemand hat mein Auto gestohlen“ –„Jemand hat mein Auto gestohlen?“ – „Du sagst dasselbe wie ich“).

Gordon Cole (David Lynch)

Lediglich bei der Flucht Coopers aus dem Hochsicherheitsgefängnis zeigt Co-Drehbuchautor Lynch, dass er auch zu schrägen erzählerischen Mitteln greifen würde, wenn er keinen Ausweg parat hat. Hier wird das Mysterium zum Zweck, da der Inhaftierte den Knast-Manager allein mit dem Stichwort „Erdbeere“ erpressen kann, nur damit der auch noch beim Ausbruch hilft. Ein Brimborium. Es würde ja zu Lynch passen, wenn er die „Erdbeere“ nicht aufklärt. Er musste eben einen Weg aus der Sackgasse präsentieren, denn irgendwie soll Cooper ja sein Gefängnis verlassen können.

Wohin der Böse ging

Die Folge „The Return Part 7“ ist auch deshalb so bemerkenswert, weil hier, eben in Folge sieben, erstmals auf die Zeit zwischen Staffel zwei und der aktuellen eingegangen wird – also auf den spektakulären Cliffhanger, mit dem „Twin Peaks“ einst endete. Und der wichtigsten Frage: Wenn Cooper nun von BOB besessen ist, wie konnte der früher so edelmütige FBI-Mann sich vom Acker machen, ohne als Teufel aufzufallen? Wie viele Badezimmerspiegel können dabei zu Bruch gegangen sein? Es ist schon fast rührend, welche Hebel David Lynch in Bewegung setzt, um diese Geschichte der vergangenen 25 Jahre zu erzählen.

Zuerst setzt er die Polizisten Hawk (Michael Horse) und Frank Truman (Robert Forster) an einen Tisch. Ganz klassisch, vor ihnen aufgereiht: Papierdokumente als Beweisstücke. Detektiv-Arbeit anno „Twin Peaks“ von 1991, Dechiffrieren von Blättern mit verzweifelt-krakeliger Handschrift der BOB-Opfer. Ganz langsam erklären die beiden in die Jahre gekommenen Männer dem Zuschauer, was passiert war, und was auf den Zettelchen festgehalten wurde: Der „gute“ Dale blieb in der Lodge gefangen, der „böse“ kam mit Annie heraus.

Hawk und Truman haben das anscheinend nicht gewusst, der Stamm-Zuschauer natürlich schon. Die Infos waren also an die neuen „Twin Peaks“-Fans gerichtet. Was tapfer ist, da David Lynch nicht ernsthaft geglaubt haben konnte, dass die mit der Saga nicht vertrauten Zuschauer in Folge sieben dieser komplett verrätselten Season noch dabei sein würden.

Nach der Analyse dieser Notizen leitet Frank Truman die nächsten Schritte ein. Es wirkt etwas altmodisch, dass dessen Bruder Harry (Michael Ontkean spielte 1991 den Kleinstadt-Sheriff in einer Hauptrolle, wollte für die neuen Folgen jedoch nicht aus dem Ruhestand zurück) auf Biegen und Brechen immer wieder Erwähnung findet, als sei er weiterhin essentiell. Aber auch diesmal scheitert der Bruder mit dem Kontaktversuch per Telefon.

Frank Truman (Robert Forster)

Von Doc Hayward, dem guten alten Doc Hayward, erhält Truman die Begründung, warum der Sohn einfach nicht zu erreichen sei: „Harry is a little under the weather these days.“ Die Episode ist Hayward-Darsteller Warren Frost gewidmet, der, wie „Log Lady“ Catherine Coulson, nach den Dreharbeiten verstarb.

Der Arzt erhält eine denkwürdige, skurrile Szene, er wird zugeschaltet per Skype. Truman und Hayward führen über Bildtelefon Small Talk, es geht auch um die negativen Begeiterscheinungen des Alters. Auf der Schirmmütze des Rentners steht „Got Trout?“, und freundlich, aber fast nebensächlich, eben wie ein Privatier, von dem man ein letztes Mal dienstlich Auskunft haben will, erzählt der Arzt von seinen Eindrücken des besessenen Cooper. „Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was ich heute zum Frühstück hatte. Aber an ihn erinnere ich mich.“

Beide schmunzeln. „Wir waren im Krankenhaus. Dann sah ich wieder dieses seltsame Gesicht von ihm.“ Und Cooper verschwand in die Nacht, für die nächsten 25 Jahre.

Review: „Twin Peaks“, Staffel 3, Folge 6: Die allergrößte Überraschung ist perfekt

Showtime
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