AIR Moon Safari


„Moon Safari“ ist die Platte für den Weltraum, die Platte für den Mond, die Platte für fremde Planeten. Aber in Wirklichkeit ist sie genau das nicht, auch wenn wir alle das denken. „Moon Safari“ feiert die Schönheit der Erde, so sieht es AIR-Kopf Nicolas Godin. Es ist der Soundtrack seiner Sommerspaziergänge in Versailles, wo er aufwuchs. „Wir hatten einen Garten, es gab viele Bäume, in der Nähe einen See, Gebäude wie architektonische Wunderwerke“, erinnerte sich der 47-Jährige im ROLLING-STONE-Interview vor zwei Jahren. „Dort bei Sonnenuntergang zu laufen, Kopfhörer auf, das war meine ‚Moon Safari’“.

Musik, die für die Natur geschaffen ist, aber deren Grenzen überschreitet. Etwas Ähnliches hatte Godins Landsmann Jean-Michel Jarre 1976 mit „Oxygene“ im Sinn, jenem Album, auf das sich alle Bands berufen, die Keyboardfantasien als Reisen konzipierten. Auch Jarre war verwundert über die verbreitete Auffassung, seine Platte – mit dem als „Sauerstoff“ übersetzten Namen – hätte das All im Sinn: „Mir ging es immer um das Dazwischen: den Raum zwischen Erde und Weltraum.“

„Moon Safari“: Schon der Titel suggerierte, dass dort per Expedition etwas entdeckt wird, wo es das eigentlich nicht geben kann. Als 1998 das Debütalbum von AIR erschien, wurden die zehn Songs aber schnell in einen Clubmusik-Kontext gebracht. Auf Techno und Big Beat, dem Rausch der frühen 1990er-Jahre, sollten nun AIR und Lounge folgen. Flokati und Luftballons. Der Chill-Out nach dem Rave. Rezensenten verwendeten damals diese Elektro-Kategorie, einmal, weil Nicolas Godin und sein Partner Jean-Benoît Dunckel mit den Elektronikern von Daft Punk und Étienne de Crecy befreundet waren, dann natürlich, weil ein Duo, das mit Synthesizern arbeitet, keine Band sein konnte, sondern ein Duo ist, die DJs sind.

Es brauchte bis zur ersten Tournee der beiden im selben Jahr, bis auch dem Letzten klar war, dass AIR keine Disc Jockeys sind, sondern Retro-Romantiker, die auf der Bühne mit drei weiteren Musikern auf schweren, alten Instrumenten spielen (ein bisschen schuld an ihrem falschen Ruf als Wohnzimmer-Tüftler waren sie aber auch selbst: Für die Stücke ihrer Debüt-EP „Premiers Symptomes“ nutzten sie auch Drumcomputer, für Musik, die sich zu zweit herstellen lässt).

Gleich nach Erscheinen von „Moon Safari“ stand für Godin und Dunckel fest, dass sie nie wieder Samples fremder Künstler nutzen wollten. Auch das war ein Statement wider der DJ-Kultur. In Interviews sagt Godin heute, dass er über Samples überhaupt nicht mehr reden will. Leider, oder: ironischerweise waren die zwei vielleicht bekanntesten Klänge des Albums aber Samples. Der karibische Rhythmus von „La femme d’argent“ stammte aus Edwin Starrs „Runnin’“ und das kratzige Schlagzeug in „Remember“ war dem Beach-Boys-Song „Do It Again“ entnommen.

Der Drumsound übertönte das eigentliche Spektakel des Songs, der das Geschichtsbewusstsein Godins und Dunckels präsentieren sollte. Zwei Besetzungs-Coups. „Remember“ komponierten sie mit dem französischen Avantgardisten Jean-Jaques Perrey (eine weitere Kooperation, „Cosmic Bird“, erschien im Jahr zuvor auf einem „Source Lab“-Sampler). Und das Streicher-Arrangement richtete David Whitaker ein; er verantwortete einst die  Orchester-Fassung des Stones-Songs „The Last Time“, berühmt geworden durch das Sample im Verve-Hit „Bittersweet Symphony“. Noch im selben Jahr huldigten AIR ihm mit einem „Remember“-Remix, in dem die dominierenden Beach-Boys-Drums herausgefiltert waren. Nun gab es nur noch die schönen Cascading Strings zu hören. Perrey, die 1960er, Whitaker: Das waren die Meilensteine, die für AIR wichtig waren.

Sex und Agenten

Das Video von „All I Need“ hatte mit Space-Eskapismus gar nichts zu tun, es zeigte Alltag. Ein junges Skater-Paar, das die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft abwägt. Irdische Dinge. Genau wie „Ce Matin La“, sanft eingebettet in Akustikgitarre und Hörnern. Man denkt an breite, lichtdurchflutete Alleen, es ist ein Lied wie aus dem Fernseh-Nachmittagsprogramm für Kinder (im besten Sinne).  Dabei ist „Moon Safari“ nicht mal ein ruhiges Album. „Sexy Boy“ wollte Sex, „Talisman“ war anschwellende, zackige Agentenmusik wie aus den Scores von Henry Mancini.

„Im Studio“, sagte Godin im Interview, „tut man, was immer man will. Auf der Bühne tut man, was man kann.“ AIR und Band eröffneten ihre Konzerte mit der Fünfton-Folge Solresol des Komponisten Zoltán Kodály, mit der man mit Aliens kommuniziert. Sie rasten durch eine Coverversion des Beatles-Songs „Tomorrow Never Knows“ und spielten Francis Lais „Melissa“ als Zeitlupen-Drama. Auch ihr eigenes gesammeltes Material war so gut, dass ein Song wie „Be a Bee“ erst elf Jahre später veröffentlicht werden brauchte, auf „Love 2“.

Für drei Jahre zählten AIR zu den aufregendsten Musikern überhaupt. Auf „Moon Safari“ folgte im Jahr 2000 der samtrote Soundtrack zu Sofia Coppolas „The Virgin Suicides“, eine Verneigung vor Fusion und Horror-Scores der 1970er. Also kein „Moon Safari II“. „The Virgin Suicides“ führten die Franzosen vor einigen Jahren in voller Länge auf; ihrem bekanntesten Album „Moon Safari“ blieb diese Ehre bis heute verwehrt.

Sie mussten sich ändern

Mit „10.000 HZ Legend“ erschufen Godin und Dunckel 2001 dann fast ein neues Genre: Progressive Rock mit Roboterstimmen, die grundsätzliche Annahme, dass Computer bösen Eigensinn entwickeln und Außerirdische eine Bedrohung sind.  Auch das war kein „Moon Safari II“. „Viele Fans waren enttäuscht“, sagte Godin. „Aber für uns war ‘1000 HZ Legend’ eine künstlerische Befreiung. Deshalb überhaupt sind wir noch hier. Die Leute hatten erkannt, dass AIR sich Herausforderungen stellen.“

Nun wird das Album, mit dem ihr Siegeszug begann, schon unglaubliche 20 Jahre alt. In irgendeinem Starbucks auf dieser Welt läuft, während Sie diesen Text lesen, vielleicht gerade einer der zehn „Moon Safari“-Songs.

Aber selbst, wenn die Platte als Hintergrundmusik genutzt wird: Wer auch nur einmal genau hingehört hat, legt sie nie wieder auf, um dabei etwas Anderes zu erledigen. Dieses detaillierte, komplexe Album erlaubt gar kein Nebenbei.

AIR im Interview: „Wir hechelten nie einem Trend hinterher“


ÄHNLICHE KRITIKEN

The Cure :: Wild Mood Swings


ÄHNLICHE ARTIKEL

Jason Falkner im Interview: „Jeder Tag im Studio mit Paul McCartney war ein einziger 'Kneif mich mal'-Moment!“

Für manche ist er ein Mann im Hintergrund, aber in Wirklichkeit ist Jason Falkner seit Anbeginn seiner Karriere umtriebig. Über Vergangenheit und Gegenwart sprach der Kalifornier mit ROLLING-STONE-Autorin Ina Simone Mautz.

20 Jahre „Face/Off“, 20 Jahre Gesichtsverlust? So irre, so phantastisch

Was geschieht mit mir, wenn ich die Identität des Feindes annehme? 1997 brachte Regisseur John Woo mit „Face/Off“ einen Rollentausch als Action-Spektakel ins Kino.

Radiohead: Versteckte Retro-App auf „OK NOT OK“

Anlässlich des 20. Jubiläums von „OK Computer“ haben Radiohead ein Reissue der Platte veröffentlicht. Darauf ist eine App versteckt, die nur auf einem britischen PC aus den 1980-er-Jahren läuft.


The Name Of This Band Is Talking Heads: Alle Alben der Talking Heads bewertet

Eine amateurhafte Aufnahm des frühen „I Feel It In My Heart“ (1976) zeigt die allerliebste Tina Weymouth mit gescheitelter Kurzfrisur an ihrer großen Bassgitarre, die sie ja bediente wie kein anderer Mensch - sie gab stets das Muster für das Bassgitarrespielen überhaupt. Der nervöse David Byrne singt dieses zarte, verzweifelte Lied über jemanden, der gern Freude an seiner Arbeit hätte und der Familie ein Sonnenschein wäre. Er müßte es halt nur noch entschiedener versuchen, glaubt er. https://www.youtube.com/watch?v=ewY34GqbRkA Damit war der Ton vorgegeben, der die Studien in Soziopathie auf „77“ (★★★★★) bestimmt. Zum trockenen Groove besingt Byrne die Nöte und Wonnen…
Weiterlesen
Zur Startseite