Buch-Kritik: Stephen King und Richard Chizmar – „Gwendys letzte Aufgabe“



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Dass Richard Farris dieselben Initialen trägt wie Randall Flagg alias Der Mann in Schwarz, ist natürlich kein Zufall. Die Frage ist, ob es sich Stephen King für den Abschluss seiner in Co-Autorenschaft verfassten Gwendy-Trilogie (Band zwei schrieb Richard Chizmar allein) nicht etwas zu leicht macht, die Magie des Wunschkastens mit der Mythologie des Schwarzen Turms, den Niederen Männer in gelben Mänteln und dem klassischen Mantra „Es gibt andere als diese Welten“ zu verbinden, also der Welt eben dieses Schurken Randall Flagg.

King sagt selbst, dass es in seinem Leben „immer nur um den Dunklen Turm“ geht. Er arbeitet sich periodisch daran ab. Nur gibt es inzwischen sehr viele King-Romane mit Antagonisten, die die Balken des Turms und damit den Turm selbst zum Einstürzen, die Welt aus den Fugen geraten und damit das Chaos regieren lassen wollen. Farris will das ausnahmsweise verhindern und trifft sich ein drittes Mal mit Gwendy Peterson, die wir im ersten Roman als Zwölfjährige kennenlernten und nun 64 ist. Liest sich konfus, auch als Einstieg in eine Rezension? Das liegt vielleicht auch daran, dass sich dieses Gwendy-Finale schwerer verstehen lässt, wenn man mit den sieben, eigentlich acht, streng genommen neun „Dunkler Turm“-Büchern (wenn man „Insomnia“ dazuzählen möchte) nicht vertraut ist.

Der Wunschkasten ist die freundliche Umschreibung eins Höllenwerkzeugs: Dessen Tasten lösen per Einmaldruck globale Katastrophen aus, menschengemacht oder durch die Natur, und erfüllen gleichzeitig die unmöglichsten Wünsche dessen Besitzers. Etwas zu dick aufgetragen und um Aktualität bemüht ist die Verknüpfung zu Corona, der Virus entstand hier ebenfalls per Knopfdruck; indem die „Schuld“ für das Aufkommen des Virus einer einzigen Person angelastet wird (die den Kasten nach Gwendy besaß und der Verlockung nicht standhalten konnte) und nicht etwa den Urwüchsen der Zivilisation und ihrem Umgang mit den Tieren, wird auch die ganze Menschheit freigesprochen.

Das Potenzial des Wunschkastens ist derart epochal, dass King ihm nur die Wucht der härtesten Gegner entgegenzustellen weiß. Also der Charakter-Brigade aus dem „Dunklen Turm“. Aber nicht nur „Der Dunkle Turm“, auch die Stadt Derry und der Außerirdische Pennywise kommen in der „letzten Aufgabe“ vor. Bisschen viel von allem also. Vielleicht wollte King seinem Schriftsteller-Freund Richard Chizmar auch einen Fan-Service-Traum erfüllen. Ihn an einem Buch mitschreiben lassen, das die zwei populärsten King-Universen vereint, „It“ und „The Dark Tower“. Und, mit Verlaub, das Sinnbild „finsterer als im Arschloch eines Waschbären“ bringt King jetzt auch schon zum dritten Mal.

Dabei hätte „Gwendys letzte Aufgabe“ auch ohne den Turm und einem menschenfressenden, aus der Abwasserleitung sprechendem Clown funktioniert. King und Chizmar präsentieren einen in seiner Atemlosigkeit für sie selten gewordenen Start-to-Finish-Roman über den Versuch, den Wunschkasten aus – zumindest unserer – Welt zu schaffen, indem er zunächst mit bemannter Mission zu einer Raumstation und von dort in die Tiefen des Alls geschossen werden soll, damit er kein Unheil mehr auf der Erde anrichtet (dass eine Alien-Zivilisation, die das Behältnis empfängt, Schaden erleiden könnte, wird stillschweigend in Kauf genommen).

Gwendy Peterson hat den teuflischen Quader gut verpackt und will sie per Minirakete ins Deep Space befördern, ohne dass ihre Mit-Astronauten davon erfahren. Sie trägt schon lange an dem diabolischen Wunderding. Mittlerweile ist sie eine Demokratische Senatorin, also ein Sprachrohr Kings, der über diese Figur ein weiteres Mal seine – berechtigte – Kritik an Tea-Party-Republikanern äußern kann: gegen Abtreibungsgegner, religiöse Fundamentalisten, NRA-Fanatiker und Trump-Anhänger.

Mit an Bord ist ein Multimilliardär, wie Gwendy offiziell ein Raumtourist, aber ebenfalls in Geheim-Mission unterwegs: beauftragt von den Niederen Männern in Gelb, die den Dunklen Turm zum Einstürzen bringen wollen, indem sie sich des Wunschkastens bemächtigen. Gareth Winston verkörpert den Sillicon-Valley-Unsympathen, der die Zauberbox den Balkenbrechern übergeben soll. Winston wird als Konkurrent der Musk- und Bezos-Konzerne SpaceX und Blue Origin vorgestellt, außerdem arbeitet er mit einem Team sich ebenso in der All-Station befindlicher chinesischer Raumfahrer zusammen, die sich vom Magnaten haben bestechen lassen. Hier werden also linke (Musk, Bezos) wie rechte (China) amerikanische Feindbilder bedient. In den vergangenen 20 Jahren ist Stephen King mit seiner Kritik immer direkter geworden; er muss halt aufpassen, dass sie nicht seine Storys diktiert.

Die Pointe besteht darin, dass eben dieser Superreiche Gareth Winston sich von den Niederen Männern in gelben Mänteln mit dem Versprechen des zukünftigen Besitzes einer absurden Märchenland-Welt ködern lässt, in der tausende Jungfrauen auf ihn warten, er Sklaven und Goldminen besitzt und ein Alleinherrscher über eine riesige Metropole sein darf. Unrealistisch? Aber wer weiß schon, wovon Leute wie Musk, die alles besitzen, noch träumen können? Vielleicht genau davon. Auch Gwendy gibt sich in gewisser Weise einem Betrug hin. Sie lässt ihre Mitreisenden über die wahre Mission im Unklaren; sie weiß, dass sie als Politikerin geübt darin ist, die eine oder andere Lüge aufzutischen.

Der Wunschkasten ist die Allegorie auf das Suchtmittel. Wer den Kasten bedient, wird belohnt, kann aber auch an (materieller) Habgier und Allgewaltfantasie zugrunde gehen; Gwendys Strafe war, dass sie an Alzheimer erkrankt. Der Teufelskreislauf zeigt sich in der kurzzeitigen Verbesserung ihres Erinnerungsvermögens, gesteuert durch die Schokolade, die die Maschine ausspuckt, die aber gleichzeitig eine größere Abhängigkeit vom Bösen erzeugt.

Vor allem ist „Gwendys letzte Aufgabe“ eine Geschichte über den Glauben an eine höhere Macht, der – davon können auch die Apollo-Astronauten berichten – mit jedem weiteren Schritt in den Weltraum wächst. Gwendys Verbündete, die CIA-Chefin, glaubt ihr; ein Physiker an Bord der Raumstation glaubt ihr nicht, und dafür gelingt es ihm nicht, den Kasten zu bedienen. „Wie kann irgendjemand auf dieses Lichtermeer schauen“, sagt Gwendy, „und das Leben für etwas Anderes als einen Palast voller Rätsel und Wunder halten?“. Gwendy glaubt an ein Leben nach dem Tod, das wird ihr im Rahmen ihrer letzten Aufgabe noch helfen.


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