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David Bowie Low


Im Dezember 1975 lugte in Großbritannien bereits Punk um die Ecke, das folgende Jahr würde eines der großen politischen Statements werden, mit „Anarchy In The UK“ der Sex Pistols, sowie der Gründung der Clash und dem Debütalbum der amerikanischen Ramones. David Bowie aber hatte keine Politik, keine Statements im Sinn. Sondern: „care-line / care-line / care-line / care-line riding me / Shirley, Shirley, Shirley, own / Share bride failing star“.

Was der 30-Jährige damit zum Ausdruck bringen wollte? Wollte er damit überhaupt etwas zum Ausdruck bringen? „Unbeschreiblich angeödet“ sei er von konventionellen Texten gewesen, sagte Bowie über die Aufnahme. Er habe in „Subterraneans“ deshalb diese Wörter gesungen, die phonetisch interessanter waren als inhaltlich, begleitet nur von einem gedämpften Saxofon, und über dunkel dräuenden Keyboardklängen.

Punk hatte Bowie nicht interessiert, er war weiterhin fasziniert von Krautrock, wie er ihn wenig später in „Station To Station“ darlegen würde. Außerdem grämte er sich wohl noch, weil es ihm nicht gelungen war, Kraftwerk als seine Backingband zu engagieren.

Wer hat das denn wie und womit produziert?

Rein und raus: In kein Album seiner Karriere investierte Bowie weniger Zeit als in „Low“. Mit Ausnahme von „Subterraneans“, aufgenommen 1975, spielte er die restlichen zehn Stücke innerhalb nur eines Monats ein, September bis Oktober 1976, im französischen Château d’Hérouville sowie in den Hansa-Studios von Berlin. Und doch zeigte „Low“ mit seinen flächigen Sounds, allein den verwendeten Apparaten, den von Brian Eno angeschleppten Synthesizern und Tony Viscontis Harmonizern, eine Vielfalt, aus der sich heute noch Klänge ziehen ließen, von denen man sich fragt: Wer hat das denn wie und womit produziert?

David Bowie 1976
David Bowie 1976

Dem klar strukturierten Rock von „Station To Station“ setzte Team Bowie neue Musik entgegen: piffende, paffende, zischende Töne, die mehr nach einer Wundermaschine von Jules Verne klangen. Stets am Dampfen und doch nie am Abheben und Verschwinden, eher nach: ewig am Aufladen. „Don’t You Wonder Sometimes / About Sound And Vision“? fragte der Sänger zwischen all den Luftpumpen, angefeuert durch Dennis Davis’ verfremdetes, krachendes Schlagzeug, „Blue, blue, electric blue / That’s the colour of my room“.

Viel mehr als diese Wörter führten die neuen Lieder nicht vor – eine geradezu irre Verknappung gegenüber den Textmengen, die Bowie in die Sechs-Minuten-und-mehr-Stücke des Vorgänger-Albums hineinwuchtete, um damals allein schon die Paranoia und Drogen-Exzesse seiner kalifornischen Phase zu verarbeiten. Der Titelsong „Station To Station“ beschrieb die Räusche mit seiner „Once There Were Mountains“-Euphorie; der Opener von „Low“, „Speed Of Life“, war halsbrecherischer, trug die Geschwindigkeit ja schon im Namen, und kam eben doch ohne Wörter aus.

14 Minuten Gesang

Von den elf „Low“-Stücken waren die mit Gesang, sieht man von Einsätzen wie in „Subterraneans“ ab, in dem Stimme eher Atmosphäre ist, in der Minderzahl. Nur fünf waren echte Songs. Und die waren ziemlich kurz: Das Album dauerte knapp 38 Minuten, die Gesangsstücke waren schon nach 14 aufeinander folgenden Minuten abgeschlossen. Große Freiheiten genossen sie nicht: Obwohl auf Seite A platziert, wurden sie doch von Instrumentals eingerahmt, und zwar auf den begehrtesten Positionen, der Eröffnung und dem Seitenabschluss. Botschaft an Gesang: Wagt euch nicht zu weit raus, die Stars sind wir, die Lieder ohne Gesang.

Wer die Platte zum ersten Mal hörte, drehte die A-Seite nach ihrem Durchgang um, hoffte dann vielleicht auf die Rückkehr des guten alten Songs mit Strophe-Refrain-Struktur – und wurde auf der B-Seite doch wieder von vier Instrumental-Stücken empfangen. Und was für welchen: In ihrer Schönheit, Dunkelheit, Langsamkeit und Unergründlichkeit machten sie einen einfach nur fertig.

Sicher Bowies wagemutigste B-Seite, denn in den Herrschaftszeiten der LP riskierte er damit, dass Fans, die mit dieser vielleicht als Ambient zu bezeichnenden Musik gar nichts anfangen konnten, fortan die Finger davon lassen und nur noch die A-Seite anhören würden. Das pechschwarze „Warszawa“ vermittelte Bowies westlichen Fans 1977 ein Bild Polens, nach dem dort doch überall nur Schornsteine in vergifteten, toten Wäldern stehen könnten. Würden Sie das bitte aufklären, David? Natürlich, denn er sang dazu: „Mmmm-mm-mm-ommm / Helibo seyoman Cheli venco raero“.

David Bowie live im Winterland Ballroom in 1977 in San Francisco

Das wie ein Pfau spazierende „Art Decade“ ließ einen nicht weniger sprachlos zurück. Heute könnten wir in Bowie-Archiven googeln, auf welche Kunst-Epoche, wenn überhaupt, und auf welches Land er sich bezogen haben will. Für damalige Hörer muss „Art Decade“ wie ein Königreich in der Fantasie geklungen haben.

Bowie hatte einfach keine Lust mehr über sich selbst zu singen, selbst das Covermotiv war keine eigens für „Low“ gemachte Aufnahme, sondern ein Bild aus seinem Kinofilm „Der Mann, vom Himmel fiel“. Vielleicht spielte „Breaking Glass“ noch am deutlichsten auf seine inneren Dämonen an. „Don’t Look At The Carpet / I Drew Something Awful On It“ wird als Verweis auf Bowies Interesse an Mystizismus, gar am Satanismus des Aleister Crowley gedeutet. „You’re Such A Wonderful Person / But You Got Problems / I’ll Never Touch You“ ruft Bowie am Ende, es kommt ein abrupter Fade-Out, 1:52 Minuten, dann ist das Lied grandios vorbei. Schade und unnötig, dass Bowie „Breaking Glass“ in seinen Live-Fassungen um das Doppelte streckt.

„Low“ Live

Dafür entdeckte er auf der Bühne die Farben wieder. Dem Schwarz-Weiß-Stil der Weimarer Republik, 1976 auf Tournee dargeboten, setzte er nun Seemanskostüme und Kanarienvogel-Gelb entgegen, dazu trug er einen Seitenscheitel, Pluderhose und Kettchen. Bowie war einfach unberechenbar, vielleicht entsprach die Optik aber auch nur seiner Interpretation der Instrumental-Stücke und ließ damit mehr zu, als der Hörer allein aufdeckte.

Bowie im Madison Square Garden. NYC, Low/Heroes 1978 World Tour

Das Album lässt sich viel schlechter kategorisieren als die anderen großen Bowie-Werke, der Künstler war da ja nicht mehr Ziggy, nicht mehr der Thin White Duke und noch nicht der voll eingebürgerte Berlin-Bowie von „Heroes“. Aber die Exzellenz dieses Schnellschusses namens „Low“ hatte er über all seine Jahre hervorgehoben. Bei seiner „Heathen“-Tournee 2002 spielte Bowie das „Alben in voller Länge“-Spiel mit und inszenierte das Epos im Mittelteil mancher seiner Gigs. Wer beim falschen seiner Konzerte war, einem ohne „Low“, konnte einem richtig leid tun.

„Wir machen jetzt eine Pause“, sagte Bowie etwa. „Dann kommen wir zurück. Und spielen das ‚Low’-Album für euch.“ Die Tracklist hatte er dafür meist verschoben, platzierte mit „Warszawa“ den B-Seiten-Opener gleich am Anfang des Exkurses, „Weeping Wall“ fehlte meist, obwohl es in den Setlisten stand. Womöglich hatte Bowie doch Angst, zu viele Instrumentals hintereinander könnten das Publikum  … langweilen? Überfordern?

Wer die Stücke, zum Teil spielte die Band sie mit den alten Geräten nach, dann live hörte, merkte erst, warum „Low“ auf elektronischen Rock so starken Einfluss hatte. Und warum es dennoch bis heute keinem gelungen ist, exakt so zu klingen wie dieser Künstler vor 40 Jahren.

Die Berlin-Trilogie

Für den Herbst dieses Jahres wird Teil drei der großen Bowie-Retrospektive erwartet, nach „Five Years (1969-1973)“ und „Who Can I Be Now? (1974-1976)“ die „Berlin-Trilogie“, vielleicht um „Scary Monsters (and Super Creeps)“ erweitert. Bislang fielen die Auftstockungen um Outtakes und Alternativfassungen eher dürftig aus, aber mit „Some Are“ gibt es mindestens einen weiteren tollen „Low“-Song (auf dem Rykodisc-Reissue von 1991 bereits enthalten), und mit „All Saints“ ein Instrumental, dessen Original hoffentlich (und nicht das von Eno 1991 nachträglich aufgemotzte) auch der Box beigefügt wird.

Bis dahin hören wir den letzten Track seines finalen Albums „Blackstar“ von 2016, das den schönen Titel „I Can’t Give Everything Away“ trägt. Die Mundharmonika-Melodie ist dieselbe wie im „Low“-Stück „A New Career In A New Town“.

Kurz vor seinem Tod verwies Bowie noch einmal darauf, dass sein Weg weitergeht, für ihn – und in uns.

Michael Ochs Archives
Richard McCaffrey Getty Images
Richard E. Aaron Redferns

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