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Quentin Tarantino The Hateful Eight – Runter mit den Knarren, Männer!

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Nicht der vorzeitige Leak des „The Hateful Eight“-Scripts hatte Tarantino-Fans und -Kritiker zuletzt beschäftigt, sondern die Teilnahme des Regisseurs an einem Protestmarsch im Oktober in New York. Quentin Tarantino stellte sich als Sprecher an die Seite von Afroamerikanern, im vergangenen Jahr mussten sie wieder einmal die meisten Todesopfer durch Schüsse von Polizisten beklagen. Der Filmemacher bezeichnete die Tötung als Ermordung, die NYP rief daraufhin zum Boykott von Tarantino-Werken auf. Die Fronten in den USA sind mehr denn je verhärtet.

„The Hateful Eight“ ist der politischste Film des 53-Jährigen Tarantino geworden. Einige Jahre nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg im Wyoming der 1860er: Neun Menschen verbarrikadieren sich in einer Hütte, draußen tobt ein Blizzard, in der Zwangsgemeinschaft der Eingeschlossenen befinden sich ein Nachwuchs-Sheriff, ein Kopfgeldjäger, dessen Gefangene, dazu ein pensionierter General der ehemaligen Konföderierten sowie ein afroamerikanischer Ex-Major der Nordstaaten. Also, sieht man über die konfuse staatliche Ordnung der 1860er Jahre etwas großzügiger hinweg, eben auch ein aktiver Beamter sowie zwei ehemalige.

Was die Staatsdiener und Kriminellen sich wutentbrannt entgegen schleudern, klingt wie ein Kommentar zur aktuellen Lage. „Amerika greift nur an, nachdem der Feind bereits kapituliert hat“, „wenn Neger Angst haben, fühlen die Weißen sich sicher“. Und der deutlichste Verweis: „Schwarze fühlen sich nur dann in Sicherheit, wenn Weiße entwaffnet sind.“

Gewalt nur ohne Rachegedanken

Es liegt derart viel Hass in der Luft, dass man sich unentwegt fragt, welche acht der neun Hüttengäste eigentlich die „Hateful Eight“ sein sollen. Ganz so eindeutig wie auf dem Filmplakat markiert, stellt es sich später nicht mehr dar.

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Filmplakat

Wegen der Dringlichkeit politischer Kommentare vergisst der Film manchmal, die nötige Luft zu holen. Dem Regisseur fällt es schwer, diese Schwäche kannten wir von Tarantino bislang nicht, die Dinge einfach mal laufen zu lassen. Dabei ist „The Hateful Eight“ mit einer Spieldauer von 187 Minuten inklusive zwölfminütiger Pause sowie Morricone-Ouvertüre bislang Tarantinos längstes Werk. Da steht doch eigentlich viel Zeit zur Verfügung.

Zumindest die wichtigste Frage hält einen am Ball: Was tun mit der Gefangenen Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh). Auf sie wartet in Red Rock die Hinrichtung durch den Galgen. Die Todesstrafe erhält eine Rechtfertigung, nur weil sie ohne Rachegedanken vollzogen werden würde: „Der Mann, der jenen Hebel umkippt, der Deinen Nacken bricht, wird das ohne Leidenschaft tun. Und genau diese Leidenschaftslosigkeit ist die Essenz von Gerechtigkeit. Jede Gerechtigkeit, die ohne Leidenschaftslosigkeit vollzogen wird, läuft immer Gefahr keine Gerechtigkeit mehr herzustellen.“ (Anm.: Übersetzung des Originaltexts, nicht der Synchronfassung entnommen)

Behörden hätten sich das nicht besser ausdenken können, diese komplizierten Formulierungen voller Verneinungen: „Without Dispassion“ – „ohne Leidenschaftslosigkeit“.

Nordstaaten vs. Südstaaten

Nun ist ausgerechnet der Sheriff in spe, der Mann mit dem Larifari-Namen Chris Mannix (Walton Goggins), zwar der heimliche Held, aber auch ein ziemlicher Idiot. Ein Spielball der anderen, die mehr in ihrem Leben mitmachen mussten als er und wissen, dass man Lösungen am ehesten erzielt, wenn man sich nicht an Regeln hält. Mannix proklamiert für sich die Militär-Erfolge seines Vaters, ein Nordstaatler, während die eigentlichen Veteranen, der Yankee Warren (Samuel L. Jackson) sowie der Südstaatler General Smithers (Bruce Dern) die interessanteren Fragen unter sich klären.

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Regisseur Tarantino (li.) im Gespräch mit den Schauspielern

Den tollsten Erzählstrang aller seiner tollen Erzählstränge hat Tarantino sich deshalb für jene Episode aufgehoben, in der der afroamerikanische Warren dem alten konföderierten General nach und nach offenbart, dass dessen gefangen genommener Sohn ihm einst einen Blowjob geben musste, bevor er ihn getötet hat (das hört sich komisch an und ist hier verkürzt wiedergegeben, aber Samuel L. Jackson erzählt das wirklich großartig). Der General-Vater flippt daraufhin natürlich aus, und an die Eskalation schließt sich die politische Diskussion darüber an, ab wann Notwehr beginnt, was unter Selbstjustiz fällt, und was an Provokation ertragen werden sollte.

Wie Hohn, aber sehr lustig erscheint die Szene, in der Sheriff Mannix endlich jenen Brief vorliest, mit dessen Besitz sich der schwarze Soldat Warren seit fast 180 Filmminuten gebrüstet hat: geschriebene Worte seines „Brieffreundes“ Abraham Lincoln, dem US-Präsidenten. Walton Goggins hätte jeden Filmpreis dafür verdient, für den Schmelz, mit dem er das in Wahrheit nur formelle, unpersönliche Schreiben rezitiert, das alle Schlachtfeld-Helden erhalten. Es wirkt wie eine Parodie auf Spielberg-Kriegsdramen, in denen im Off die weihevollen Worte gesprochen werden, während Soldatenmütter aus dem Küchenfenster nach ihren Jungs Ausschau halten. Nur dass hier eine Leiche am Galgen gezeigt wird, dazu ein Sheriff, der sich über die Vollstreckung diebisch freut. Eben ohne „Leidenschaftslosigkeit“.

Der ehemalige Sklave tötet den Rassisten

Tarantinos Sympathie liegt, das macht seine Kritiker immer wieder wütend, seit jeher bei den Afroamerikanern, obwohl er selbst Weißer ist. Sein Engagement begründet er mit Kindheitserfahrungen, er wuchs in Kalifornien arm auf und hatte fast ausschließlich schwarze Freunde. Tarantinos letzter Film, „Django Unchained“ (20012) schilderte bereits die Emanzipation eines Sklaven, und sein Marquis Warren ist nun auch die einzige prinzipientreue Figur im „Hateful Eight“-Ensemble. Der ehemalige Sklave tötet einen weißen Rassisten, und dem Akt geht eine große Erzählung voran, die der ehemalige Leibeigene über Minuten mit triumphalen Lachen ausstattet.

Tarantino lieferte im zeitgenössischen Kino bislang einige der großartigsten Hommagen. Und auch, wenn er sich hier so selten wie nie Film-Referenzen hingibt, sind einige Wesensverwandschaften durchgedrungen. Vor Drehbeginn soll er seiner Crew John Carpenters „The Thing“ von 1982 zur Ansicht gegeben haben – ein Horrorfilm-Remake über einen außerirdischen Gestaltwandler in der Antarktis, in Wirklichkeit aber eine Geschichte über Paranoia im Kalten Krieg.

Wer ist Freund, wer ist Feind? Sowohl „The Hateful Eight“ als auch „The Thing“ eint diese Situation der Eingeschlossenen im Schneegestöber, mit ihren verzweifelten Tests und Fragespielchen, die Abtrünnige identifizieren sollen. Zusätzlich hat Tarantino seinen Komponisten Ennio Morricone überzeugen können, Stücke aus dessen „Thing“-Score, darunter einst unverwendete, in „The Hateful Eight“ einzubringen.

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Zum damaligen „The Thing“-Team gehörte neben Morricone natürlich auch Kurt Russell. Der hatte einst den Piloten McReady verkörpert. In „The Hateful Eight“ hat er neben Samuel L. Jackson die zweite Hauptrolle, als Kopfgeldjäger John Ruth. Unter all den über die Jahre von Tarantino ins Rampenlicht zurückgeschobenen Darstellern ist Russell der wahrscheinlich am schlimmsten unterschätzte. Keiner spielt unter diesem Regisseur so leichtfüßig und unabhängig wie der heute 64-Jährige, ob hier oder als Stuntman Mike in „Death Proof“ (2007). Für eine Oscar-Nominierung hat es natürlich wieder nicht gereicht.

So viele Fehlbesetzungen wie nie

Bei gleich vier anderen Ensemble-Mitgliedern bewies Tarantino kein Händchen, so viele Fehlbesetzungen auf einen Schlag hat er sich noch nie geleistet. Bislang war eine einzige Enttäuschung pro Film normal, de Niro etwa in „Jackie Brown“ oder Diane Krüger, sorry, Diane KRUGER, career in america please, in „Inglorious Basterds“.

Channing Tatum als Überraschungsgast ist ein Fehl-Griff, er wirkt eben wie immer wie das Channing Tatum, viel Muskeln, null Kopf, ein Kauderwelsch-Cowboy aus dem Cowboy-Touristendorf, oder wie ein Zeitreisender aus Venice Beach. Bruce Dern wiederum ist unterbeschäftigt, was umso tragischer erscheint, da ihm in „Django Unchained“ ganze zehn Sekunden Auftritt gereicht hatten, um fast den ganzen Film zu stehlen, mit der Hoffnung, er taucht irgendwann noch mal auf. Und nun, ein Mann seiner Statur, der die ganze Zeit sitzend, mit weichgespülter „Nebraska“-Birne, in einem Sessel verbringt?

Michael Madsen (in der Rolle des Geheimniskrämers Joe Gage) mimt wieder den trägen, dauernd Spucke schluckenden Schwermüter, wie wir ihn zuletzt in „Kill Bill Vol. 2“ (2004) gesehen hatten. Nur dass die Schmalzlocke damals, wenn es wirklich drauf ankam, Cleverness und Tempo zeigen konnte. In „The Hateful Eight“ aber kann Madsen sich zu keiner Zeit entfalten, er hängt rum wie einer der gemütlichen Alten in den Dschungelcamp-Hängematten.

Geradezu traurig ist der Auftritt von Tim Roth. Auf Roth hatte man sich gefreut, weil er lange nicht mehr dabei war, zuletzt 1997 in „Four Rooms“. Hier wirkt er, als wäre er in letzter Minute für jemanden eingesprungen. Wie eine Christoph-Waltz-Hommage: der gut gekleidete, joviale und höfliche Miniatur-Mann, der innerhalb nur eines Satzes seine gute Kinderstube vergisst. Er schauspielert.

Da sich „The Hateful Eight“ überwiegend innerhalb eines Orts abspielt, in einer Hütte, zahlt sich der Einsatz des hochauflösenden, detailfreudigen 70mm-Formats (Ultra-Breitbild) voll aus. Jeder Topf, jede Kerze, jede Knarre ist so deutlich zu erkennen, dass man bald überall Verdächtiges zu sehen meint. Deshalb ist es grandios, wie Tarantino mit Erwartungen und neu gewonnenen Sehgewohnheiten spielt und eine ganz bestimmte, das Geschehen verändernde Aktion eben nicht zeigt: wie jemand im Bild-Hintergrund einen Kaffee vergiftet.

70mm for Life

Tarantino lag das 70mm-Projekt am Herzen wie sonst selten was, in Amerika tingelte er im Dezember zwei Wochen lang diejenigen 96 Kinos des Landes ab, die die Bildgröße zeigen konnten. In Deutschland gibt es laut Verleiher-Angaben nur vier Lichtspielhäuser, die den Film so abspielen können.

In Tarantinos Gesamtwerk könnte „The Hateful Eight“ nun als eines eingehen, das zugunsten einer dringlichen Botschaft auf Märchenelemente verzichtet. In „Inglorious Basterds“ von 2009 wird Hitler von den Alliierten während einer Filmvorstellung zur Strecke gebracht; „Django Unchained“ legt nahe, dass der Blaxploitation-Cop Shaft der 1970er Jahre ein Nachkomme von Django und Broomhilda von Schaft ist. „The Hateful Eight“ könnte aber leider auch der einzige Tarantino-Film sein, der außerhalb des aktuellen Zeitgeschehens keine Relevanz haben wird. Zeitlos bedeutsam zu sein ist wichtig, deshalb strahlt „Pulp Fiction“ auch nach mehr als 20 Jahren noch wie eine Sonne. „The Hateful Eight“ wird diese Langlebigkeit unter Beweis stellen müssen.

Tarantino jedenfalls meint es bierernst, dafür verzichtet er erstmals auf fetischisierende Nahaufnahmen. In „The Hateful Eight“ gibt es ausnahmsweise mal keine Füße zu sehen. Nicht eine einzige Zehe.

 

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