Rammstein und „Zeit“: Kalkulierte Tabubrüche und überraschungsfreie Sounds



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Natürlich ist es Zufall, dass Rammstein auf dem Cover ihres neuen Albums – fotografiert von keinem Geringeren als Bryan Adams – einer überdimensionalen Matrjoschka aus Beton entsteigen. (Tatsächlich handelt es sich um einen sogenannten Trudelturm, der in den 30er-Jahren im Berliner Ortsteil Adlershof gebaut wurde.) Aber ist es Zufall, dass die E‑Gitarren im ersten Song so klingen wie das Stiefelknallen postsowjetischer Truppen? „Komm, wir schließen unsere Reihen/ Marschieren im Gleichschritt gegen Glück“, singt Till Lindemann. „Armee der Tristen“ geht locker als Kommentar zum Schulterschluss von Verschwörungs-theoretikern, Rechtsradikalen, Putin-Verstehern und Esoterikern durch, könnte aber auch als Hohnlied auf den moralischen Mainstream interpretiert werden. Doppelbödigkeit und Tabubrüche machen seit ehedem das Erfolgsrezept dieser Band aus. Die Masche mag inzwischen so abgenutzt sein wie die Höllenrequisite ihrer Live-Shows. Rammsteins Lust an der Maßlosigkeit aber bleibt im Land der Bedenkenträger eine Wohltat.

Im Vergleich zum musikalisch besten und textlich reifsten Rammstein-Album aus dem Jahr 2019 lässt einen „Zeit“ jedoch ratlos zurück. Der Sound ist überraschungsfrei, die kleine Auto-Tune-Orgie in „Lügen“ immerhin vergnüglich. „Dicke Titten“ schöpft zu trötender Blaskapelle aus dem Abgrund der Volksfestdummheit: „Sie muss nicht schön sein, sie muss nicht klug sein/ Sie muss nur reich sein an Fettgewebe.“ Anderswo ringen die Herren Berufsprovokateure um einen Rest Originalität. „Schwarz“ verrauscht als Gruft-Hymne irgendwo zwischen Joachim Witt und Unheilig, „Giftig“ schrammt nur knapp an der Metal-Pop-Bedeutungslosigkeit vorbei. „Zick Zack“ suhlt sich in den Niederungen der Schönheitschirurgie, und „OK“ preist ungeschützten Geschlechtsverkehr.

„Zeit“ ist zum Glück keine Altersreflexion im Neoklassik-Nebel, wie der vorab veröffentlichte Titelsong befürchten ließ. Doch ein paar graue Haare hat sie bekommen, die Neue-Deutsche-Härte-Dauerwelle. Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Classic Rock.


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