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The Fall Sub-Lingual Tablet


Dem „NME“ hat Mark E. Smith erklärt, Tony Blair sei schuld daran, dass Leute aus der Arbeiterklasse nicht den Hauch einer Chance hätten, sich heutzutage im Musikgeschäft durchzusetzen. Schnieke Eltern würden ihren Sprösslingen angesichts des Erfolgs von U2 jetzt raten, Mitglied einer Band zu werden, um schnell das große Geld zu machen. Eine derart steile These ist natürlich nur im noch immer vom Klassendenken beherrschten Vereinten Königreich denkbar. Als ehemaliger Dockarbeiter, aufgewachsen im Reihenhausmief von Prestwich, weiß Smith immerhin, wovon er redet. Nicht nur die Wut der Arbeiterklasse hat er sich erhalten, sondern auch ihr Arbeitsethos: „Sub-Lingual Tablet“ ist das 31. Studio-album von The Fall; hinzu kommen etliche Neben- und Soloprojekte,Gastauftritte, Live-Aufnahmen, auch eine launige Autobiografie.

Unangepasst und verschroben

Der Mann, der seit fast 40 Jahren The Fall ist, hat augenscheinlich immer was zu sagen, auch wenn das nicht jedem gefällt, geschweige denn für jeden nachvollziehbar sein muss. Denn leicht zu verstehen ist bis heute nicht, was er da knurrt, bellt, zischt und nuschelt. Und die Musik? „Very tight rock with a lot of experimental stuff from Elena“, hat Mad Mark der BBC verraten – und dass man einen zweiten Schlagzeuger engagiert habe. Tatsächlich spielt sich Elena Poulou, Ehefrau und Keyboarderin, hier und da famos schlingernd und fiepsend in den Vordergrund, etwa in „Dedication Not Medication“ oder auch in „Pledge“, während die Rhythmussektion unbeirrbar voranschreitet.

Der furiose Auftakt, „Venice With The Girls“, widmet sich indes der geradlinigen Rockmusik, bevor The Fall all das in ihre Songs einfließen lassen, wofür sie geschätzt werden: kaputten Rockabilly, ins Straucheln geratenden Krautrock, an Garstigkeit und Zielstrebigkeit kaum zu überbietenden Post-Punk. Mittendrin: „Auto Chip 14-15“, zehnminütiger Höhepunkt der Platte, halb Tirade, halb Hymne. So gut wie auf „Sub-Lingual Tablet“ waren The Fall zuletzt nur auf „Your Future Our Clutter“ (2010).


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