Rolling Stone Weekender 2011: Jogi Löw und die schwedischen Wilco-Fans


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Freitag. Highlight-Tag laut jedem, der mit dem Zeitplan vertraut ist. Einen ersten potenziellen Höhepunkt verpasst man direkt, weil man sich im Dschungel-Restaurant beim Essen drei Mal zu oft von den bizarren Varieté-Auftritten der ausgestopften Dschungelbewohner irritieren lässt. Aber The Notwist seien ohnehin eher für den Kopfhörer daheim, wie mir sogleich versichert wird. Wesentlich spannender seien da doch Portugal. The Man – der Baltic-Festsaal wird allerdings auch erst stark verspätet erreicht, da man auf dem Weg vom Dschungel-Restaurant an zu vielen Plattenständen, Plastikpalmen, Redakteuren und anderen bekannten Gesichtern vorbei muss.

Im Zelt haben derweil Death Cab For Cutie begonnen, kein must-see, eine klassische Festival-Gelegenheits-Band, bei der man später erwartungsgemäß unisono von „ganz hübsch“ sprechen wird. Daher wird die Zeit genutzt für eine aufwärmende Pause vor dem Appartement-Fernseher, wo Jogi Löw seine Mannschaft gerade in einer gefühlten 1-7-2-Formation gegen darüber hocherfreute Ukrainer herumirren lässt, in der Halbzeit entscheide ich mich dann doch noch rechtzeitig für die erprobte Fünfer-Formation der Fleet Foxes. Dort lauscht die Menge überwiegend andächtig, wirft sich lediglich hin und wieder bei den Crowd-Pleasern kurze wissende Blicke zu.

Dann endlich, 23:30 Uhr: Wilco, die Offenbarung. Who wants to see the light? Erwartungsgemäß fast jeder. Mit allen dank langjähriger Konzerterfahrung zur Verfügung stehenden Mitteln der Cleverness schaffe ich es dennoch bis in die dritte Reihe, mittig. Wird auf dieser Höhe Jeff himself stehen oder doch nur der etwas unscheinbare Bassist, dessen Namen man sich immer noch nicht merken kann, obwohl er doch als Einziger schon von Anfang an dabei ist? Unsanft aus dieser Gedankenwelt holt mich flugs eine Gruppe aufgekratzter Schweden, die sich eben in den ersten Reihen lautstark über die überraschende norddeutsche Frostigkeit (das Wetter war gemeint) ausgetauscht haben und nun fragen, ob ich mich nicht vor sie stellen wolle zwecks besserer Sicht. Kaum will ich freudig innerlich dazu ansetzen, Blanche DuBois zu rezitieren, wird allerdings klar, dass die vermeintlich gutherzigen schwedischen Wilco-Fanatiker weder gutherzig noch besonders große Wilco-Fanatiker sind, sondern es in erster Linie auf meine Tasche abgesehen haben.

Die Ereignisse überschlagen sich, schon stehen Wilco leibhaftig auf der Bühne, nehmen vom Zelt-Publikum vorerst keine Notiz und beginnen ihr Set denkbar unorthodox mit einem Zwölfminüter („One Sunday Morning“), dem spröden „Poor Places“ und einem Achtminüter („Art Of Almost“). Jeff Tweedy und seine Musiker leiden 2011 ganz offensichtlich nicht unter Gehemmtheit und schnell wird auch klar, warum: Als Live-Band haben Wilco ihren Zenit­ erreicht, homogener und gewaltiger klang man nie, könnte man nicht klingen. Wer um 1:40 Uhr, nach dem Abschluss „Shot In The Arm“ und „Heavy­ Metal Drummer“, behauptete, schon lebensbejahendere Erlebnisse gehabt zu haben, muss wohl am Nachmittag im Badeparadies gewesen sein.

Klar wird auch im dritten Jahr wieder, dass ein festivalspezifisches Syndrom auch vor dem verhältnismäßig beschaulichen RS Weekender nicht haltmacht: das Verlieren und plötzliche Wiederfinden von Bekannten. Wenngleich man sich hier immerhin nicht vor sich hin vegetierend in Duschwagen-Schlangen wiedertrifft, sondern mit Country-Platten unterm Arm beim Italiener. So wird neben den soeben beigewohnten Auftritten auch gleich die Mozzarella-Pizza besternt (allenfalls delektabel), bevor man sich wieder für einige Stunden aus den Augen verliert.

Was bleibt nun vom dritten Weekender? Erinnerungen an famose Konzerte, das bunte, gesittete Treiben in der Passage sowie zwei Vorsätze fürs nächste Jahr: Wintermantel einpacken und von schwedischen Wilco-Fans fernhalten.

Über die Autorin: Kristina Ruhnke war eine von 4.000 Besucherinnen und Besuchern des dritten ROLLING STONE Weekenders. Sie ist außerdem aktive Nutzerin und Moderatorin des RS-Forums. Zu unserem Tag des Forums haben wir den Artikel noch einmal aus unserem Archiv geholt.

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